Arbeitsmigration und interkulturelle Realität Produktion aus Hellerau erzählt vietnamesische Einwanderergeschichten

Der Gemüsehändler oder die Köchin im Asia-Imbiss – das sind gängige Stereotype vietnamesischer Einwanderer. Die seien manchmal auch die Wahrheit, sagt Choreografin Fang Yun Lo und will die Geschichten dahinter erzählen. Ihr dokumentarisches Theaterstück mit dem Titel "Home Away from Home" des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau feiert übers Internet Premiere.

Produktionsbilder Theaterstück - ''Home Away from Home''
Szene aus "Home Away from Home" Bildrechte: Peter R. Fiebig

Choreografin Fang Yun Lo steht im stockfinsteren großen Saal in Hellerau. Aus dem Dunkel tauchen sieben kleine beleuchtete Bühnen auf, sie sehen aus wie begehbare Puppenstuben. Ein Klassenraum, ein Bubble Tea-Caffè, ein Asia-Imbiss. "Manchmal sind Stereotype auch die Wahrheit", sagt sie: "Ich meine keine schlechten Stereotype. Ich beschreibe die Tätigkeiten, die Arbeit, die Lebensräume, die einfach auf wahren Geschichten basieren. In diesen sieben Räumen setzt sich die vietnamesische Community wie ein Puzzlebild zusammen. Das ist die Basis dokumentarischen Theaters, wir haben nichts dazu erfunden."

Einwanderergeschichten erzählen

Fung Yun Lo - die künstlerische LEiterin von ''Home Away from Home''
Fung Yun Lo - die künstlerische Leiterin von "Home Away from Home" Bildrechte: Peter R. Fiebig

In einem nackten Raum mit Wänden aus Seidenpapier hockt Performingkünstler Minh Duc auf dem Boden und schraubt eine Tischlampe zusammen. "Das ist so eine Art Reenactment von einer Erinnerung an meine Kindheit, in der ich für den Laden meines Papas immer auch genau solche Lampen zusammen bauen konnte." Fotos und Videos flimmern über die Seidenpapierwände, Duc auf einem Klassenfoto und zwischen DDR-Einfamilienhäusern. 1991 wurde Minh Duc als Sohn vietnamesischer Gastarbeiter im erzgebirgischen Schlema geboren. Es ist eine von vielen Einwanderergeschichten in Hellerau und es ist auch seine Geschichte, die er hier erzählt.

Also, so ganz intuitiv würde ich denken oder sagen, dass Heimat für mich gar nicht unbedingt ein Ort sein muss.

Minh Duc, Performingkünstler

Unter dem Namen Polymer DMT arbeitet die aus Taiwan stammende Choreographin Fang Yun Lo seit 2011 zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern verschiedenster Disziplinen. Ausgangspunkt waren häufig ihre eigenen Lebensgeschichten, ihre interkulturelle Realität, jetzt entwickelt sie mit "Home Away from Home" in Hellerau ein dokumentarisches Theaterprojekt, in das rund 100 Gespräche mit vietnamesischen Einwanderinnen und Einwanderern eingeflossen sind.

Wir werden sichtbarer und wir werden auch weiter daran arbeiten, damit wir sichtbarer werden.

Fang Yun Lo, Choreografin

Deutschland ist viel diverser

Produktionsbilder Theaterstück - ''Home Away from Home''
Szene aus "Home Away from Home" Bildrechte: Peter R. Fiebig

Auch Performerin Thao Brinkschulte, 1987 in Hanoi geboren, agiert an einer der sieben Stationen. Sie sitzt hinter einem weiß angestrahlten Tisch, im Hintergrund hängen Kinderbilder und stehen deutsch-vietnamesische Wimmel- und Kinderbücher auf dem Regal. "Unsichtbar" steht in fast unsichtbaren Buchstaben auf dem dicken weißen Buch, das vor ihr liegt. Ein Recherchebuch über vietnamesische Immigranten in Deutschland, an dem sie als Übersetzerin und Interviewerin mitgearbeitet hat, erklärt die Schauspielerin, die heute in Berlin lebt.

Produktionsbilder Theaterstück - ''Home Away from Home''
Szene aus "Home Away from Home" Bildrechte: Peter R. Fiebig

Vietnamesische Migrationsgeschichten als – coronabedingt – medialer Parcours, in dem der Betrachter den disparaten Lebenswegen der jüngsten Einwanderergeneration auch näher kommt und manchmal sogar gut gehüteten Familiengeheimnissen. In der Familie von Duc aus Schlema wurde nie darüber gesprochen, warum die Eltern plötzlich ein Bekleidungsgeschäft und später einen Gemüseladen eröffneten statt weiter in der Fabrik zu arbeiten. Er erklärt: "Generell finde ich das Projekt ganz notwendig und ganz dringend in der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft, vor allem weil wir auch zeigen wollen, dass Deutschland viel diverser ist und eben nicht nur ein oder zwei verschiedene Narrative hat, dass es ganz verschiedene Geschichten gibt, die genauso wichtig sind."

Die Geschichten, in denen sich Millionen Vietnamesen wiederfinden könnten, aus dem Dunkel zu holen und sie sichtbar für die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu machen, das wird in Hellerau nicht einfach ausgestellt, sondern soll als wertvoller Erfahrungsraum auch mit Publikum diskutiert werden.

Hörspiel über das Leben vietnamesischer Einwanderer in der DDR

Thuy Nonnemann als "Mutter" bei Aufnahmen zum Hörspiel "Atlas" von Thomas Köck im MDR-Hörspielstudio, Oktober 2020 70 min
Bildrechte: MDR/Olaf Parusel
Thomas Köck, Autor, Dramatiker und Musiker 18 min
Bildrechte: privat

Im Hörspiel "Atlas" entfaltet Thomas Köck eine komplexe deutsch-vietnamesische Familiengeschichte. Anne Osterloh hat mit dem Autor gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 09.11.2020 06:00Uhr 18:13 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2021 | 17:40 Uhr

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