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Bei "Book is a Book is a Book" wird das Publikum mit einbezogen. Bildrechte: Studio Pagi

"Blickwechsel 2021/22"Internationales Figuren-Theater-Festival in Magdeburg geht neue Wege

von Sandra Meyer, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt

Stand: 16. November 2021, 20:23 Uhr

Das Puppentheater Magdeburg startet sein bereits zwei Mal abgesagtes bzw. verschobenes Internationales Figurentheaterfestival. Diesmal allerdings nicht am Stück, sondern in drei Etappen. Das nunmehr 13. Festival findet jeweils an fünf Tagen statt, im November 2021 sowie im März und Juni 2022. Die erste Etappe beginnt mit etlichen Erstaufführungen, die parallel an verschiedenen Orten gespielt werden. Über die 20 Ensembles aus ganz Europa gerät der Künstlerische Leiter Frank Bernhard in Schwärmen.

Wer das Internationale Figurentheaterfestival in Magdeburg schon länger verfolgt, hat eines immer wieder festgestellt: Dieses Genre ist außergewöhnlich innovativ und experimentierfreudig. Und genau das will man auch bei der nunmehr 13. Auflage wieder unter Beweis stellen, sagt der Künstlerische Leiter Frank Bernhardt: "Keine darstellende Theaterkunst ist ja so lebendig und so vielseitig – und das bildet sich ab in diesen fünf Tagen Festival. Es geht also von der klassischen Puppentheater-Inszenierung über das Objekttheater hin zu einer szenischen Installation."

Performances, Medienkunst, szenische Installationen

Sprich hier werden nicht mehr nur Puppen an Fäden und Stäben bewegt, sondern es gibt auch Performances, Medienkunst und szenische Installationen. Dazu gehört "Book is a Book is a Book", der mehrfach ausgezeichneten Schweizer Truppe Trickster P. Dabei sitzen 28 Besucherinnen und Besucher jeweils an einem Tisch, vor ihnen eine Lampe und ein mit Bildern gestaltetes Buch. Und dazu hören sie einen Text über Kopfhörer.

Bernhardt erklärt: "Da jeder auf sich gestellt ist, sind es 28 ganz unverwechselbare individuelle Erlebnisse und was mich beeindruckt ist, dass das Publikum zum Schluss zusammenkommt, um sich auszutauschen. Und das sind Momente im Theater, die ich zunehmend unglaublich wichtig und spannend finde."

Künstlerischer Leiter Frank Bernhardt, Archivbild Bildrechte: dpa

Extra für ein ganz kleines Publikum

Der Focus wird offensichtlich immer häufiger auf das Individuum gerichtet. So sind etliche Stücke auch nur für ein ganz kleines Publikum gedacht. Für Bernhardt auch Spiegel der virulenten Theaterdebatte, wie man am besten sein Publikum erreicht: "Ich kann nicht die großen Themen, die die Welt bewegen vor 5.000 Leuten auf der Bühne spielen. (...) Viel wichtiger ist doch, den Diskurs mit dem Publikum zu führen. Und um diese Aufgabe zu erfüllen, sind diese kleinen Formate viel effektiver."

Es gibt eine Rückkopplung, wenn der Personenkreis überschaubar ist.

Frank Bernhardt, Künstlerische Leiter

Intimes Objekttheater

Auch beim klassischen Objekttheater ist diese Intimität zu spüren: Bei dem Stück des Spaniers Xavier Bobés, "Dinge, die man leicht vergisst", rücken selbst die Besucherinnen und Besucher zusammen. Zu sechst an einem runden Tisch erzählt Bobés anhand kleiner Objekte seine Geschichten.

Laut Bernhardt liefert Bobés ein Highlight des Festivalprogramms: "Taschenspielerhaft entblättert er mit den Mitteln, die er dort auf Flohmärkten gefunden hat die Biografien von fünf spanischen Familien während der Zeit des Bürgerkriegs im Franco-Spanien. Es sind fiktive Geschichten, aber er gibt Menschen wieder eine Sichtbarkeit. Und es ist so unglaublich berührend, so unglaublich überraschend, aber auch humorvoll und zirzensisch."

Kunstinstallation mit 770.000 Ameisen

Bei "Homo Desperatus" geht es um die Abwesenheit des Menschen. Bildrechte: Heinrich Hesse

Individuell und regelrecht genresprengend ist auch die Arbeit "Homo Desperatus". Gedacht als Kunstinstallation fürs Museum hat der Niederländer Dries Verhoeven maßstabgetreue Modelle von Orten menschlicher Katastrophen gebaut – wie eine eingestürzte Textilfabrik in Bangladesch oder das Atomkraftwerk in Fukushima – und diese mit 770.000 Ameisen besiedelt. Abgefilmt ist das Video nun auf dem Dachboden des Puppentheaters zu sehen.

Bernhardt erklärt: "Das Überleben von Insekten und die Installation von neuem Leben oder die Inbesitznahme dieser verlassenen Orte schafft natürlich eine Ebene der Rezeption, die unendlich tief geht. Und das zu einer Zeit, wo man in Glasgow gerade über den Klimawandel diskutiert."

Maßstabgetreue Modelle von Orten menschlicher Katastrophen machen die Kunstinstallation "Homo Desperatus" aus. Bildrechte: FOTO: Kevin McElvaney

Die wirkmächtige Welt des Figurentheaters

So geht es tatsächlich in allen Produktionen um aktuelle und politische Themen, man ist immer am Puls der Zeit und sucht sich dazu die adäquaten Ausdrucksformen. Genreübergreifend bekommt das Magdeburger Publikum auch bei diesem Festival die Chance, tief hineinzublicken in die wirkmächtige Welt des Figurentheaters.

Das FestivalInternationales Figurentheaterfestival – Blickwechsel 2021/22
Puppentheater Magdeburg

In drei Etappen à fünf Tagen:
16.-20. November 2021 | 16. bis 19. März 2022 | 22. bis 25. Juni 2022

Mit 20 Ensembles aus Frankreich, Belgien, Dänemark, Israel, Niederlande, Schweiz, Spanien und Deutschland

22 Inszenierungen, davon acht deutsche Erstaufführungen

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. November 2021 | 06:15 Uhr