Neue Opernchefin Andrea Moses über Feminismus und die Besonderheiten Weimars

Andrea Moses ist die designierte Operndirektorin am Nationaltheater Weimar. Gestern stellte sich die Regisseurin offiziell im Theater vor. In der Spielzeit 2021/22 wird die gebürtige Dresdnerin dann den Posten von Hans-Georg Wegner übernehmen. Im Interview mit MDR KULTUR spricht sie über erste Pläne, den feministischen Blick auf Opern und die gesellschaftliche Verantwortung des Theaters.

Auf der Bühne des Deutschen Nationaltheater Weimar proben die Solisten und der Opernchor am 04.02.2016 in Weimar (Thüringen) eine Szene der Oper «Der Freischütz» von Carl Maria von Weber.
Szene aus "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber am DNT Weimar in der Inszenierung von Andrea Moses Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Andrea Moses, Ihr Engagement in Weimar beginnt erst nächstes Jahr, Sie sind aber heute schon vor Ort. Was verschlägt Sie in die Klassikerstadt?

Andrea Moses
Neue Operndirektorin: Andrea Moses Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Bernd Uhlig

Andrea Moses: Ich bin angereist, weil Hasko Weber, Intendant des Nationaltheaters Weimar, mich gebeten hat, zur Vollversammlung des Personals zu kommen, um mich vorzustellen. Das hat mich sehr gefreut, hier in einer Art Zuhause anzukommen. Wir haben uns trotz der Umstände alle im Theater getroffen, wo wir mit Abstand und Maske saßen. Das war eine seltsame Angelegenheit, aber die Vertrautheit untereinander hat sich doch hergestellt. Natürlich werde ich am Abend auch das Kunstfest besuchen. Ich freue mich schon sehr auf die Uraufführung von Falk Richter, mit dem ich in Zukunft auch ein Opernprojekt vorhabe.

Sie haben in den vergangenen fünf Jahren ausschließlich frei gearbeitet und waren an großen Häusern wie Stuttgart oder Berlin tätig. Nun übernehmen Sie Verantwortung als Operndirektorin in einer kleineren Stadt, an einem kleineren Haus. Was ist daran reizvoll?

Mein Vorgänger Hans-Georg Wegner würde an meiner Stelle sagen, dass Weimar unter den großen Häusern das kleinste ist. Das ist eine schöne Beschreibung. Ich finde Weimar ganz toll, nicht zuletzt wegen der Staatskapelle, die eine extreme hohe Qualität besitzt.

Ihre Arbeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass Sie Opern mit einem feministischen Blick inszenieren. Das ist ein spannender Zugang in einer Stadt, die vor allem von Männern geprägt wurde wie Goethe, Schiller, Liszt, Nietzsche und Gropius.

Aber ohne Frauen wie Maria Pawlowna, Anna Amalia oder Charlotte von Stein hätte es diese Männer so auch nicht gegeben. Ich will da eine Lanze für die großen, starken Frauen in Weimar brechen. Die feministischen Diskurse sind im Moment vielleicht überbordend. Aber damit müssen wir uns unbedingt beschäftigen, gerade wenn man zurückschaut und sich fragen muss, warum wir nicht soweit sind, wie andere vor uns bereits waren. Wir müssen uns mit Emanzipation beschäftigen, um die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zum Tanzen zu bringen. Frauen haben in der Oper auch sehr starke Musik geschrieben bekommen. Die feministische Lesart meiner Inszenierungen hat auch damit zu tun, dass in den meisten Stücken die Kritik bereits eingeschrieben ist. Ich lese aus der Musik heraus, dass die Komponisten ein großes Gespür dafür hatten, dass die Welt nicht so bleiben kann. Als Frau sucht man natürlich einen Ausweg und nicht nur den im Tod.

Sie haben gesagt, dass sie „relevantes Musiktheater“ machen wollen, „das sich mit den heutigen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in aller Dringlichkeit beschäftigt“.

Ich habe Themen wie Rechtsextremismus in meiner Arbeit in Dessau oder Stuttgart verfolgt und versuche, die Häuser auch dementsprechend zu prägen. Ich denke, dass Kunst nicht nur ein Reflexionsort ist, sondern sie muss sich auch von der Bühne herab einbringen. Solche Themen sind gerade in Thüringen wichtig: Die rechte Bewegung hat hier nicht nur historisch ein starkes Pflaster gefunden, wir müssen auch gegenwärtig nach dem Teil des Bürgertums schauen, der so etwas wieder vorbereitet, indem er zum Beispiel wie damals historisch-kulturelles Erbe nationalistisch liest. Das Spannungsfeld zwischen deutscher Klassik, Idealismus, Humanismus, den damals formulierten Utopien und dem Ort der Barbarei in Buchenwald ist extrem groß und fasst jeden an, der hierherkommt und Kunst macht.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Auf der Bühne des Deutschen Nationaltheater Weimar proben die Solisten und der Opernchor am 04.02.2016 in Weimar (Thüringen) eine Szene der Oper «Der Freischütz» von Carl Maria von Weber.
Szene aus "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber am DNT Weimar in der Inszenierung von Andrea Moses Bildrechte: dpa

Kulturnachrichten aus Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2020 | 12:10 Uhr