Tanztheater Irina Pauls: Tanzen als Lebenstraum

Schon mit sieben Jahren wusste Irina Pauls, dass sie Choreografin werden möchte. Sie studierte an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden, gründete und leitete in den Neunziger Jahren das Tanztheater am Schauspiel Leipzig. Aktuell inszeniert die freischaffende Choreografin eigene Werke und lehrt an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Nun feiert sie 60. Geburtstag – und hat natürlich auch in Corona-Zeiten ein künstlerisches Statement.

Die Choreographin und Regisseurin Irina Pauls, aufgenommen am 15.06.2012 im Leipziger Stadtbad.
Die Choreografin Irina Pauls inszeniert gern an ungewöhnlichen Orten Bildrechte: dpa

Bäm bäm bäm, wummern die Beats aus den Boxen. Ein monotoner Takt, genauso monoton, wie der Takt der Fernfahrer: Losfahren, Pause machen, weiterfahren, wieder Pause, ankommen!? Dieser ständige "Transit" hat Irina Pauls zu ihrem aktuellen Tanzprojekt inspiriert: "Natürlich reizt mich dieser unendliche Warentransport – der immer weiter fließt, während die Kunst und die Kultur stillgelegt ist", erzählt die Choreografin.

Es scheint ziemlich ungleich, das Verhältnis der fragilen, zarten Menschenkörper neben den wuchtigen Trucks. Leichtfüßig setzen die fünf Tänzer ihre Schritte auf den Asphalt, genau dort, wo jeden Moment wieder ein Laster vorbei rollen kann. Tanz an der Autobahn-Raststätte ist außergewöhnlich – umso mehr reizt es Irina Pauls, hier zu inszenieren: "In der Hauptsache geht es darum, dass wir mit dem Körper den Ort nochmal ganz neu definieren können, ganz anders erfahren", erzählt Pauls. "Das ist für mich als Choreografin eine Herausforderung."

Tanz in Zeiten der Corona-Pandemie

Das Publikum ist dabei eher unfreiwillig anwesend: Amüsiert, bisweilen skeptisch blicken die Fahrer aus ihren Fahrerhäusern herab, etwa der Fernfahrer Torsten Franke: "Also Tanz würde ich das jetzt nicht nennen. Für mich sah das aus wie kryptische Bewegungen, wahrscheinlich im Takt der Hilflosigkeit, die der Staat momentan hat." Diese Reaktion findet die Choreografin interessant. Im Takt der Hilflosigkeit tanzen die Künstler schließlich auch – und Corona gibt das Tempo vor.

Wir arbeiten, wir kreieren, wir sind da – aber wir sind nicht sichtbar. Wir können nicht in Kontakt oder Kommunikation mit Menschen kommen, was ja eigentlich das Wichtige dieser Kunst ist. Dieser Austausch fehlt.

Irina Pauls, Choreografin

Irina Pauls: Traumberuf Choreografin

Irina Pauls im Oldenburger Tanztheater
Irina Pauls am Oldenburger Tanztheater 1998. Bildrechte: dpa

Das kann die Künstlerin, die jetzt 60 wird, nicht länger hinnehmen. Irina Pauls hat getanzt und inszeniert, seit sie denken kann. Mit sieben Jahren beschloss sie, Choreografin zu werden – und bewarb sich mit genau diesem Ziel an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Mit Erfolg: Sie bekam die tänzerische Ausbildung und wurde dann tatsächlich: Choreografin. "Es ist ganz genau das, was ich immer machen wollte, bis heute," schwärmt Irina Pauls. "In den unterschiedlichen Kontexten, die ich hatte: am Stadttheater, mit Orchester, großen Chören, das ganz große Besteck Theater – bis hin zum kleinsten Solo in einer Turnhalle oder im Schwimmbad."

Über 80 Tanzstücke hat Irina Pauls bislang kreiert. "Transitzone – Tanz an der Autobahn" ist ihre 90. Choreografie. Die den bisherigen darin ähnelt, dass sie an einem außergewöhnlichen Ort stattfindet – und dennoch einen ganz neuen Ansatz hat. Nämlich den, dass Tanz endlich wieder als Kunst wahrgenommen wird, wie vor der Pandemie, denn das sei ihr in dieser Zeit klar geworden: "Es darf nicht sein, dass menschliche Körper nur digital zu sehen sein dürfen. Es muss ein Raum zwischen Menschen geteilt werden." Denn der Raum zwischen Tanzenden und Zuschauenden – so Irina Pauls – ist für die Kunstform Tanz essentiell.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 31. Mai 2021 | 20:30 Uhr

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