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PremiereTheaterhaus Jena zeigt "Bären": Brüllen und Barock

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR

Stand: 03. Juni 2022, 15:18 Uhr

Metthew Hongoltz-Hetling ist Journalist, der gerne Geschichten ausgräbt und lange recherchiert. Er war für den renommierten Pulitzer-Preis nominiert und hat im September 2020 ein erstes Buch mit dem Titel "A Libertarian Walks Into a Bear" (zu deutsch: "Ein Freiheitskämpfer geht in einen Bären") veröffentlicht. Im Untertitel wird eine "utopischen Verschwörung, um eine amerikanische Stadt zu befreien" beschrieben. Das Buch ist nun Vorlage für ein Stück am Theaterhaus in Jena mit dem Titel "Bären".

Das Buch macht sich wirklich gut auf der Bühne. Wenn man den Titel wortwörtlich übersetzt, lautet er "Ein Freiheitskämpfer geht in einen Bären". Wenn man dies für die Theaterwelt anpasst, kann man "geht" durch "verwandelt sich" ersetzen. Und genau das passiert hier. Wenn man das Ganze auf die deutschen Verhältnisse anwendet, dann ist man schnell bei den Leuten, die von einer Merkel-Diktatur gefaselt hatten, sich Aluhüte aufsetzen und auf Corona-Spaziergängen mitlaufen. So kann man das zugespitzt auf den Punkt bringen.

Das war die Befürchtung und zeitgleich auch Erwartungsperspektive für mich als Kritiker. Ich dachte: Hier bringt das Theaterhaus in Jena am Ende wohl einen Kommentar auf die Bühne, der sich mit einer sogenannten gespaltenen Gesellschaft, mit Verschwörungstheorien und Extremismus sowie Rechtspopulismus auseinandersetzen und Stellung beziehen will. Aber es kam anders – schlauer auch! Das Theaterhaus kommentiert nicht und schlägt sich nicht auf eine Seite. Es bringt hier nicht die Guten und die Bösen auf die Bühne, sondern stellt diese Verwandlungen und Transformationen in den Mittelpunkt. Es zeigt die Motorik dahinter und deutet auch Gründe dafür an. Es ist also ein analysierendes, beobachtendes Theater, das uns die Dinge vorstellt und die Bewertung dem Publikum überlässt. Eine sehr angemessene Art und Weise, sich hier zu verhalten. Deswegen auch empfehlenswert.

Vier amerikanische Freiheitskämpfer als Ego-Shooter

Das Ganze spielt an der Ostküste der USA, im kleinen Staat New Hampshire, in der Stadt Grafton. Die gibt es wirklich – sie hat 1400 Einwohner heutzutage und viel Wald drumherum. Dort siedeln sich Freiheitskämpfer an. Hier sind es stellvertretend vier Typen: John Connell, ein Freiheitsprediger der eher teuflischen Sorte, der mit dem Feuer spielt; Ada Franz, die am Waldrand wohnt und den Typ Zurück zur Natur vertritt; Tracey Colburn ist mit ihrem Wohnmobil in Grafton gestrandet, etwas naiv und einfach gestrickt; und dann gibt es noch die Donut Lady, die im Ort in einem kleinen Bauernhaus wohnt, Kleinvieh hält und bäckt.

Die Freiheitskämpfer wollen sich von allem befreien, was sie stört. Bildrechte: Fred Debrock

Diese vier Bewohner Graftons werden uns vorgestellt. Wir lernen wie sie leben und wie sie denken. Es geht um Freiheit, die sich schnell als extremer Individualismus entpuppt. Ego-Shooter sozusagen. Der Staat wird komplett abgelehnt, Steuern sowieso. Das könne man alles selbst regeln mit Empathie und angeborenem Sozialverhalten. Das geht dann aber gründlich schief als die Bären kommen. Da ist das eigene Hemd schnell näher als die Hose der anderen.

Die Bären als Aggressoren

Sie alle sind auch misstrauisch gegenüber einem Ranger, der hier auch der Erzähler ist und im englischen Original zu uns mit extratiefer, sonorer Stimme spricht. Mit Trappermütze, Sonnenbrille, Schnauzbart, olivfarbener Fliegerkombi, Flinte und Magazingürtel ist er gewissermaßen zeitlos angelegt (Kostüme: Lotte Goos). Er warnt vor den Schwarzbären, die auf der Suche nach Futter in die Orte kommen. Deswegen solle man nach dem Grillen alles gründlich abwaschen und Müll mit Essensresten erst morgens rausstellen, nie am Abend. Mit anderen Worten: Er bringt hier die Angst vor der Natur ins Spiel.

Die Bären greifen auf der Suche nach Nahrung die Dorfbewohner an. Bildrechte: Fred Debrock

Das Ganze spitzt sich zu: Die Bären kommen zuhauf und zerlegen die Stadt. Am Ende geht das Konzept der individuellen Freiheit gründlich schief und es deutet sich ein Gegenkonzept an: ein Kollektivismus mit strengsten Regeln, symbolisiert durch Anzugträger und eine Bibliothek in der sie von nun an alle arbeiten werden. Das ist die Handlung hier. Mit einem offenen Ende. Die gute Nachricht ist: Wie Phönix aus der Asche könnte etwas Neues entstehen. Ob das besser ist – Fragezeichen.

Eine gelungene Ensembleleistung

Das Fünf-Personen-Stück ist am Ende ein Fünf-Bären-Stück. Und es ist toll zu sehen, wie virtuos sich das Ensemble in diese Bären verwandelt und bewegt. Aber es sind nicht nur die Bären. Die Freiheitskämpfer verwandeln sich alle auch in den Trapper und in diese uniformierten Bibliotheksmenschen am Ende. Es sind quasi menschliche Aggregatzustände, die hier im jeweiligen Kostüm vorgestellt werden: Der Trapper mit der ruhigen, sonoren Stimme steht für die Erklärbarkeit der Welt, die Bibliothek steht für Aufklärung. Vielleicht ist die Uniformität und Verkrampfung bei den Anzugmenschen dann aber auch schon wieder zu viel. Wo sind die Kipppunkte, was ist die Gratwanderung?

Die Schauspielerin Wien Dietrickx als amerikanische Naturfrau. Bildrechte: Fred Debrock

Dazu kommt hier noch, dass auch Frauen und Männer wie verwandelt sind: die Donut Lady ist ein Mann (Walter Bart) im Frauenkostüm, der Trapper mit der tiefen Stimme ist am Ende eine Frau (Maartje Remmers). Das verstärkt den Effekt und ist großartig gespielt – eine gute Ensembleleistung! Und es ist auch ein schönes Kabinettstückchen, wenn sich die Naturfrau, die eben noch stolz war barfuß zu gehen und die mit den Füßen "sehen kann", am Ende in Halbschuhe zwängt und die Augen dabei zukneift (Wine Dierickx). Da kommt zu den menschlichen Aggregatzuständen auch eine Haltung dazu. Eine Emotion, die viel über die Figuren und Handlungsweisen offenbart. Schauspielerisch ist das eine hohe Qualität, die das Schauspielkollektiv "Wunderbaum" hier zeigt.

Bühnenbild und Soundspur überzeugen

Tolle Bilder auch: Pieta mit Bären. Irgendwann ein leiser, vielsagender Satz: "Ich bin alleine." Das ist sozusagen die Kehrseite. Dramaturgisch, regiekonzeptionell ist das Stück also sehr überzeugend. Wenn die Bären in die Stadt kommen und alles verwüsten, dann zerlegen sie hier das gesamte Bühnenbild. Dazu gibt es die schönste Barockmusik auf der (durchgehenden) Soundspur, die von Brüllen bis Barock reicht und damit das Thema Natur vs. Kultur auslotet.

Die Dorfbewohner sollen sich vom Verbot des Tragens von Waffen befreien. Bildrechte: Fred Debrock

Das Bühnenbild ist übrigens eine Schießbude wie auf dem Rummel mit Bären als Kuscheltiere und Trophäe und Bären als Zielscheiben. In der Schießbude stehen die vier Stadtbewohner drin. Sie spielen meist frontal ins Publikum und sprechen es direkt an. Auf dem Tresen steht in großen Buchstaben: "Shooter wanted". Den Ego zum Shooter kann man sich, wie schon erwähnt, denken. Neben der permanenten Aufforderung ist es auch die Frage: Wie organisieren wir uns als Gesellschaft? Für was muss es Regeln geben? Was kann individuelle Freiheit sein? Am Ende ist das also eine Art theatrale Versuchsanordnung für ein Spiel, das – als Utopie – die richtige Mischung dieser menschlichen Antriebskräfte herausfinden will. Ein Stück ohne Moral und ohne Gut und Böse – sehr sehenswert.

Weitere Informationen zum Stück"Bären" am Theaterhaus Jena
Schillergäßchen 1, 07745 Jena

Regie: Suze Milius
Dramaturgie und Textfassung: Koen Tachelet
Sound Design: Rick Gobee
Musik: Bo Koeck

Termine:
Premiere am 12. Mai
13. Mai um 20 Uhr, Hauptbühne
14. Mai um 20 Uhr, Hauptbühne
18. Mai um 20 Uhr, Hauptbühne
19. Mai um 20 Uhr, Hauptbühne
20. Mai um 20 Uhr, Hauptbühne

Tickets können online erworben werden.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 13. Mai 2022 | 17:10 Uhr