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Premiere von "Endlich mal was Schönes"Theaterhaus Jena macht das Zoologische Institut zur Bühne

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Stand: 04. März 2022, 14:02 Uhr

Ein Theaterstück, das "Endlich mal was Schönes" verspricht – das ist doch mal eine Botschaft in dieser düsteren Zeit. Doch kann die Inszenierung auch halten, was der Titel verspricht? Dazu vorab ein klares "Ja". Denn mit dieser teenpark-Produktion vom Theaterhaus, haben die Jenaer wieder einmal bewiesen, dass sie ein gutes Händchen haben, wenn sie Profis und junge Amateure, oder besser gesagt "Experten des Alltags", zusammenbringen. Unser Kritiker hat sich das extravagante Stück angesehen, das am 3. März Premiere gefeiert hat.

Ausgangsort des Spiels ist das vom Biologen und Philosophen Ernst Haeckel gegründete Phyletische Museum. Das Stück ist ein Parcour mit mehreren Stationen, die nicht von den "richtigen" Schauspielern des Theaterhauses bespielt werden, sondern von den jungen Nachwuchstalenten des teenparks. Acht Schülerinnen sind das, alle zwischen 15 und 17 Jahren alt. Jungs haben sich offensichtlich nicht getraut mitzumachen. Oder haben die Geduld verloren. Denn das Projekt begann schon vor zweieinhalb Jahren. Der Corona-Wahnsinn hat es in die Länge gezogen. Das "Endlich" im Titel kann man also auch als Stoßseufzer lesen.

Das Zoologische Institut als Bühne

Es beginnt mit einem Prolog im Treppenhaus. Der Hausherr Ernst Haeckel begegnet uns gleich achtfach. Im chorischen Miteinander werden wir über sein Leben und dessen wissenschaftliche Besessenheit ins Bild gesetzt. Dann singt ein Strahlentierchen noch ein nachdenkliches Lied, in dem eine Libelle vor solchen Typen wie Haeckel gewarnt wird. Motto: Der will dich fangen, mikroskopieren, mit einer Nadel durchstechen und an die Wand heften.  Zoologie hat eben immer zwei Seiten.

Die jugendliche Darstellerin Lina tritt im Stück "Endlich mal was Schönes" vom Theaterhaus Jena als Goldwespe in Glitzer-Kostüm auf. Bildrechte: Joachim Dette

Das Publikum teilt sich in drei Gruppen, die sich, von einem Guide geführt, auf einen Rundgang machen. Die acht Ernst Haeckels haben sich an einzelnen Stationen im Museum und dem angrenzenden Zoologischen Institut in jeweils ein Tier verwandelt, das uns von sich, aber auch von einem Menschen erzählt. Die jungen Leute haben Interviews mit Frauen und Männern geführt, die hier arbeiten und forschen. Und sie nicht nur zu ihrem Spezialgebiet, sondern auch zu dem befragt, was sie selbst so "schön" finden. Bei der Arbeit, im Leben und überhaupt. Daraus sind Szenen entstanden, die uns einen Spiegel vorhalten. Wir blicken aus Tiersicht auf uns, erfahren aber auch etwas über die Menschen, die hier forschen.

Einen Seeigel beim Grünkohl-Kochen belauschen 

Da steht zum Beispiel ein Seeigel im kleinen Hörsaal und kocht – Grünkohl mit Pinkel. Offensichtlich das Lieblingsessen eines aus Bremen stammenden Biologen, der hier in Jena arbeitet und seine schönste Zeit in einem internationalen Forscherteam in Norwegen verbracht hat. In knapp zehn Minuten erfahren wir, woraus der Pinkel im Grünkohl besteht. Aber auch, dass ein Seeigel eigentlich ein wandelndes Auge ist, das in seinem Inneren nur aus einem Geschlechtsorgan besteht. Und dass man als deutscher Forscher in Norwegen zwar viel Dunkelheit, aber eben auch manch Erhellendes im Kreis der Kollegen erleben kann.

Eine der vielen Stationenim Stück "Endlich mal was Schönes" in Jena: der Seeigel (gespielt von Leyna) kocht sich Grünkohl mit Pickel. Bildrechte: Joachim Dette

Plötzlich klingelt das Handy des Seeigels. Der Fleischer ist dran, der die Pinkel bringt und den Hörsaal nicht findet. Der Seeigel will ihm entgegenkommen und schickt uns schon mal weiter zur nächsten Station. Wo ein Kälbchen im Treppenhaus, ein Buckelwal im Archiv oder im Evolutionssaal Rainer auf uns wartet – ein pensionierter Forscher, der ein bisschen wie Pettersson ohne Findus aussieht und uns eins von seinen Gedichten vorliest, die er auf seiner elektronischen Schreibmaschine schreibt. Die er, wie auf einer Tafel zu lesen ist, Zeit seines Forscherlebens benutzt hat.

Amüsante Geschichten mit Tiefgang

Allen Darstellern gelingt es, das bunt gemischte Publikum aus Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern bei der Premiere in den Bann zu ziehen – mit ihrer ganz speziellen tierisch-menschlichen Nummer. Das dauert knapp zwei Stunden, zum Schluss gibt es noch ein musikalisches Finale im Treppenhaus. Und die Erkenntnis für den Nachhauseweg, endlich mal was Schönes erlebt zu haben.

Mehr Informationen zum Stück"Endlich mal was Schönes"
teenpark-Produktion

Besetzung:
Mit: Djamila, Elli, Elma, Emma, Emmi, Leyna, Lina, Martha
Special Guest: Lizzy Timmers
Regie/Konzeption: Kerstin Lenhart
Bühnenbild: Mirella Oestreicher
Kostüm: Cornelia Stephan
Musik: Tim Helbig
Bewegungstraining: Sabine Zahn

Die nächsten Vorstellungen des Monatsspielplans:
3. März (Premiere) I 19 Uhr
4. März I 19 Uhr (ausverkauft)
5. März I 19 Uhr (ausverkauft)
7. März I 19 Uhr (ausverkauft)
8. März I 19 Uhr (ausverkauft)

Eventuell sind noch Restkarten an der Abendkasse verfügbar.

Diese Produktion ist nicht barrierefrei. Es müssen bei dem Museums-Parcours Treppen überwunden werden.

Mehr zum Theaterhaus Jena

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2022 | 10:15 Uhr