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Die Dresdner Regisseurin Ruth Berghaus im Jahr 1989 Bildrechte: imago images/Jürgen Ritter

25. Todestag

Provokant und fantasievoll: Ruth Berghaus – eine Ikone der Theaterwelt

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Stand: 25. Januar 2021, 14:34 Uhr

Die Arbeit der 1927 in Dresden geborenen Choreografin, Intendantin des Berliner Ensembles, Theater- und Opernregisseurin Ruth Berghaus gilt bis heute als wegweisend. Zu Lebzeiten erfuhren ihre fantasievollen und durchaus provokanten Inszenierungen heftigen Widerstand und bewundernden Zuspruch zugleich. Heute steht ihre Rolle als eine der prägendsten Figuren der Theaterwelt außer Frage. Am 25. Januar 1996 erlag Ruth Berghaus ihrem Krebsleiden. Eine Erinnerung an sie.

"Spiegel"-Autor Klaus Umbach gefällt nicht alles an dieser "Entführung aus dem Serail". Aber im Großen und Ganzen schüttet er viel Lob für diese Ruth Berghaus-Inszenierung der Mozart-Oper aus. Er spricht von "Neuererlust", von "anrührender Warmherzigkeit" und – da vergleicht Umbach mit der Herangehensweise von Berghaus-Kollegen – einem "Zugewinn an Ernsthaftigkeit". Die Buh-Rufe des sich zum Teil provoziert fühlenden Publikums in Frankfurt am Main 1981 betrachtet der Kritiker als eine Art Folklore, schließlich habe die Künstlerin als gesamtdeutscher Störenfried unter Wutgeheul Karriere gemacht. Ruth Berghaus sagte dazu einmal:

Es kann ja provokativ wirken. Aber es ist natürlich nie die Absicht, eine Provokation auf die Bühne zu bringen. Was soll das? Also ich bin nicht Publikumsbeschimpfer, ich mag das Publikum viel zu sehr.

Ruth Berghaus, Regisseurin und Choreografin

Berghaus erfährt Zuspruch und Widerstand zugleich

Heute scheint kein positiv gemeinter Superlativ zu hoch gegriffen, wenn es im Rückblick um die Rolle von Ruth Berghaus in der Musiktheaterlandschaft geht. Das ist einst anders gewesen. Polarisierung allerorten. Viel Zuspruch, aber mindestens ebenso viel Widerstand nach ihren Inszenierungen. Politisch motiviert, geschmacklich – oder aus blankem Unverständnis.

Eine Inszenierung ist natürlich auch immer ein Vorschlag, wie das Stück zu lesen sein kann.

Ruth Berghaus

Die Dresdnerin kommt vom Tanz. Ab 1947 studiert Ruth Berghaus bei Gret Palucca. Als Opernregisseurin agiert sie erstmals 1960. An der Staatsoper in Berlin übernimmt sie die Co-Regie von Paul Dessaus "Verurteilung des Lukullus". Wie das Zusammenwirken von Musik, Bühnenbild, Kostümen, Licht und Ton bei ihr funktionieren soll, unterstreicht Berghaus so: "Für mich ist ja ganz wichtig in der Oper, dass diese verschiedenen Künste absolut Eigenwert haben. Dass diese Elemente nicht eliminiert werden zu einem Gesamtbild, sondern das jedes Element mit seiner eigenen, kräftigen Sprache sich anmeldet, um die Geschichte zu erzählen."

Ruth Berghaus bringt damals selten gespielte und als umstritten geltende Autoren wie Heiner Müller zur Aufführung (Aufnahme von 1989) Bildrechte: imago images/Jürgen Ritter

Ausgangspunkt bei einer Inszenierung muss natürlich das Werk sein und die exakte, genaue Analyse durch Ruth Berghaus. Ein Beispiel: "Wagner schreibt im 'Rheingold', dass der Rhein von rechts nach links fließt. Nun sitz ich in Zeuthen und sag, der fließt doch nicht von recht nach links, sondern von links nach rechts. Und dann kommt man natürlich drauf, und das ist hochinteressant. Das Stück ist natürlich auch von Frankreich aus gesehen. Das Stück ist gar nicht so eine Deutschtümelei. Das Stück ist gesehen mit Abstand."

Ruth Berghaus bricht die Denkmuster der Zuschauer auf

Grab der Choreografin und Regisseurin Ruth Berghaus auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin Bildrechte: imago images/epd

Die Analyse durch Berghaus kann beim selben Werk durchaus zu verschiedenen Deutungen führen, schließlich verändert sich die Analytikerin mit den Jahren. Diese Deutungen verwandeln sich in Ideen, in Bilder. Bilder, die die Denkmuster der Zuschauer aufbrechen sollen. Einfache Botschaften sind langweilig. Kunst, die entschlüsselt wird, ist keine mehr. Die 1996 verstorbene Ruth Berghaus hat große Spuren in der Opernwelt hinterlassen. Inszenierungen von ihr sind vor Ausbruch der Corona-Pandemie immer noch zu sehen gewesen. Das erstaunt in Anbetracht der Tatsache, dass die Inszenierung eines Werkes doch eigentlich an einen konkreten Ort, an eine konkrete Zeit gebunden scheint. Das Schaffen von Ruth Berghaus hat sich aus diesem Bezug gelöst. 

      

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. Januar 2021 | 07:10 Uhr