Kritik Premiere am Staatsschauspiel Dresden: Shakespeares "König Lear" aus Töchtersicht

Am Wochenende war großer Premierenreigen am Staatsschauspiel Dresden. "Leonce und Lena" von Georg Büchner, eine theatrale Installation zum Thema Auto vor der Frauenkirche, und mittendrin im großen Haus: William Shakespeares Tragödie "König Lear" in der Regie von Lily Sykes – diesmal aus der Sicht der Töchter erzählt. Kann die neue Fassung der britischen Theaterregisseurin überzeugen?

Schauspielhaus hell erleuchtet am Abend mit Spiegelung im Wallgraben vom Zwinger, Dresden
Am 18. September feierte "König Lear" am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Bildrechte: IMAGO / Hanke

Im Theater gelten die 3G-Regeln. Dazu kommt das Hygienekonzept, das besagt, dass jeweils eine komplette Reihe frei bleibt und immer zwei Plätze neben den Zuschauern, die alleine oder zu zweit kommen. Im Endeffekt also circa 25 % Auslastung. Das ist kein schönes Erlebnis. Die Atmosphäre bleibt auf der Strecke. Die Maske trägt man, wenn man vom Platz aufsteht. In der Pause sieht man hier und da Zuschauergrüppchen, die sich am letzten Schluck Sekt festzuhalten scheinen, weil beim Trinken natürlich die Maske abgenommen werden kann beziehungsweise muss. Merkwürdig das alles. Vor allem mit Blick auf den Einkaufs- und Touristentrubel vor den Theatertüren. Als gäbe es zwei ganz unterschiedliche Welten.

"König Lear" aus der Perspektive der Töchter

Lily Sykes' Stückfassung will die Perspektive der Töchter einnehmen. So steht es im Programmheft: "Sie blicken zurück auf ihre Geschichte, versuchen eine Bestandsaufnahme und fragen sich, welche Chancen sie eigentlich hatten, die Welt neu zu denken." Das ist eine Idee, die zur Zeit passt – Stichwort: Fridays For Future. Auch hier engagiert sich eine junge Generation gegen die Alten. Bekanntermaßen will König Lear quasi in Rente gehen und das Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen. Wer ihn am meisten liebt, bekommt das größte Stück vom Kuchen. Die beiden Erstgeborenen wetteifern darum, dem Vater nach dem Munde zu reden, treten damit in althergebrachte Fußstapfen, während die dritte, die Lieblingstochter von Lear, nicht mitmachen will: Man könne Liebe, Seele, Herz nicht angemessen in Worte fassen.

Szene aus König Lear am Staatsschauspiel Dresden
Lily Sykes' Stückfassung nimmt die Perspektive der Töchter ein. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Schon die Vorlage ist also in starker Weise ein Generationenstück über die Frage von Gefallen-Wollen und Anders- beziehungsweise Bessersein. Diese Königshandlung wird noch gespiegelt auf der Ebene der Edelmänner. Es geht da um einen ehelichen und einen unehelichen Sohn. Auf diese Figuren konzentriert sich die Regie und streicht andere Nebenrollen.

Beziehungskonstellationen blieben auf der Strecke

Das funktioniert erstmal gut. Geht dann aber doch nicht auf. Ganz simpel: Es gibt gar nicht so viel Text, um diesen Konflikt zwischen den Töchtern, beziehungsweise die Sichtweise der Töchter, so in den Vordergrund zu bringen. Deswegen wird Text dazu erfunden, aber das kann nicht überzeugen. Es gibt auch zu viel drumrum, auch Trashmomente, was am Ende nur ablenkt. Ich hatte auch den Eindruck, dass trotz des zweieinhalbstündigen Spiels über einige Szenen ziemlich hinweggehuscht wird. Dialoge und Beziehungskonstellationen blieben auf der Strecke. Manchmal gab es schöne Momente, wo die Sprache leuchten und Beziehungen mit Gefühl für ein angemessenes Timing ausgespielt werden konnte, zum Beispiel im Dialog zwischen Lear und Gloster.

Szene aus König Lear am Staatsschauspiel Dresden
Edgar (Marin Blülle), Goneril (Karina Plachetka), Regan (Agnes Mann), Edmund (Matthias Reichwald) und Kent (Philipp Lux) Bildrechte: Sebastian Hoppe

Kraftvoller, cholerischer König Lear

Torsten Ranft spielt den Lear. Ein Schauspieler, der noch ein paar Arbeitsjahre vor sich hat. Also nicht der klassische, große Auftritt zum Abschied. Das ist gut so. Dadurch hat man einen kraftvollen, cholerischen Lear auf der Bühne. Torsten Ranft spielt das überzeugend: das gewohnt Komödiantische bei ihm, zusammen mit den Wutausbrüchen, haben etwas Bedrohliches, das die Figur braucht, um ernstgenommen zu werden.

Die Regieentscheidung, den Lear – in Anführungsstrichen – jung zu besetzen, ist absolut richtig, und passt zur gewünschten Perspektive der Töchter. Papa als Demenzkranker und Tattergreis würde es den beiden zu einfach machen. Hannelore Koch spielt den Gloster, der – besser: die hier als Frau auch Mutter ist. Diese Idee passt ebenfalls, weil dann diese Spiegelgeschichte mehr glänzen kann, poliert um diesen emotionalen Effekt, den die Mutter hinzubringt. Schade, dass diese so klug herausgefeilten Charakterbestimmungn in der Inszenierung dann so verloren gehen.

Szene aus König Lear am Staatsschauspiel Dresden
Torsten Ranft als König Lear Bildrechte: Sebastian Hoppe

Schauspielerisch gelungen

Jedenfalls: Schauspielerisch ist der Abend gelungen. Agnes Mann, die als Gast im Ensemble agiert, hat mir als zweitälteste Schwester Regan sehr gut gefallen, auch im Zusammenspiel mit der erstgeborenen Tochter Goneril von Karina Plachetka. Ein tolles Duo! Philipp Lux als Kent macht seine Sache auch sehr gut, die beiden Söhne von Gloster, Matthias Reichwald und Marin Blülle, ebenso.

Einziger Wermutstropfen, leider, die letztgeborene Tochter Cordelia, Kriemhild Hamann, die auch den Narren spielt. Das ist mehr als eine Doppelbesetzung. Es ist auch ein Statement, dass die verstoßene Tochter in gewisser Weise weiter dabei bleibt und sich am geliebten Vater – sagen wir – abarbeiten kann, der so merkwürdig tickt. Wenn der Narr dann aber diesen Tick nur nachäfft und wenig andere Mittel zeigt, bleibt gerade diese Shakespeare-Figur unterbelichtet. Sehr schade das!

Lichtregie und Bühnenbild schaffen starke Bilder

Die Bühne ist ein Raum wie ein mit Alufolie ausgeschlagnener riesiger Schuhkarton, in den man Mäuse oder Käfer für ein Experiment hineingesetzt hat. Fensterlos. Dafür Neonlicht. Oben ein Guckloch. Gleichzeitig Belüftung. Wir, die Zuschauer, sehen von der Stirnseite in den Karton hinein. Ein extrem kalt wirkender Raum. Ein Raum ohne Natur. Das merkt man, wenn ein Blumentopf als Versteck ins Spiel kommt mit einer mickrigen Pflanze, hinter der das Verstecken natürlich zur Farce wird. Der Bühnenboden ist eine Wasserlache. Wo Scheinwerferlicht auf das Wasser fällt, entstehen als Projektion Wellen an den Wänden oder auf dem Bühnennebel, der fast immer da ist, wenn der Karton zum Ende hin etwas abhebt und den Blick ins Nirgendwo freigibt. Die Welt bewegt sich. Die Menschen aber nicht mehr. Sie stehen herum. Wie Reiher in Habachtstellung – allein: Der Fisch fehlt.

Szene aus König Lear am Staatsschauspiel Dresden
Jelena Nagorni hat das Bühnenbild von "König Lear" entworfen. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Lichtregie und Bühnenbild schaffen immer wieder neue, starke Bilder. Auch die Kostüme sind sehr phantasievoll. Deuten an. Zeigen, wie die Figuren zueinander stehen. Chapeau! – Wenn da nicht die halbgare Regie wäre, die sich nicht konzentrieren will oder kann. Und vieles kaputtmacht, was so schön überlegt ist. Vielleicht hat auch einfach nur Probenzeit gefehlt. Und das Feedback, Energie aus dem fast leeren Zuschauerraum.

Mehr Informationen Staatsschauspiel Dresden
Theaterstraße 2, 01067 Dresden

Weitere Termine von "König Lear" am 25. September sowie am 10. und 23. Oktober

Dauer der Aufführung: Zwei Stunden und 50 Minuten.
Eine Pause.

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