"Konferenz der Abwesenden" Theater in Dresden wieder mit Publikum – aber ohne Schauspieler

Matthias Schmidt, Filmemacher von "Merkel - Die Unerwartete"
Bildrechte: Juliane Streich / MDR

Mit dem Stück "Konferenz der Abwesenden" von Rimini Protokoll startet das Staatsschauspiel Dresden wieder in die ersehnte Aufführungszeit vor Publikum. Der bietet gleich eine Überraschung: Bühnenschauspielerinnen oder -schauspieler gibt es nicht, das Publikum inszeniert die Aufführung selbst mit vorbereiteten Texten. Unser Theaterkritiker erlebt jedoch eine theatrale Kopfgeburt, einen Abend voller Wermutstropfen.

Konferenz der Abwesenden, Staatsschauspiel, Dresden, Theater
Die Abwesenheit ist ein Bestandteil der Inszenierung von Rimini Protokoll Bildrechte: Sebastian Hoppe

Was hätte das für ein Abend werden können. Wohin man auch schaute – vor dem Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels herrscht Vorfreude. Gut gelaunt wurden die Masken- und die Testpflicht hingenommen, die Ausweiskontrolle, die coronabedingt geschlossene Garderobe. An diesem seit Monaten erwarteten Abend, dem ersten mit Live-Schauspiel vor echtem Publikum, hätte wahrscheinlich sogar das Verlesen des Branchenfernsprechbuches Chancen auf Beifallsstürme gehabt.

Theatrale Kopfgeburt

Es kam anders. Am Ende müssen die (leider abstandsbedingt wenigen) Zuschauerinnen und Zuschauer in Ermangelung von Schauspielern sich selbst beklatschen. Es waren schlicht keine Schauspielerinnen oder Schauspieler anwesend. Kein Theatertext war es, der hier aufgeführt wurde, sondern ein Experiment, bei dem kein einziger Schauspieler auf der Bühne stand. Ein Experiment, das die Zuschauer zu Mitspielern machte, zu Vertretern abwesender (aber hauptsächlich wirklich existierender) Konferenzteilnehmer aus aller Welt.

Die "Konferenz der Abwesenden", ein Stück der renommierten Gruppe Rimini Protokoll, produziert als Koproduktion des Staatsschauspiels mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, dem HAU (Hebbel am Ufer) in Berlin und dem Goethe-Institut war eine – wenn auch gut durchdachte und vor allem gut gemeinte – theatrale Kopfgeburt.

Zuschauer lesen Texte selbst

Tatsächlich fanden sich mehr oder weniger schnell für die neun Statements der abwesenden Konferenzteilnehmer freiwillige Zuschauer, die deren Texte präsentierten, sie entweder von ihnen ausgehändigten Manuskripten ablasen oder sie – über Kopfhörer souffliert – nachsprachen. Die ersten dieser Auftritte waren offensichtlich vorbereitet, um die von Firmenfeiern bekannte Peinlichkeit zu vermeiden, dass sich anfangs niemand dafür findet.

Konferenz der Abwesenden, Staatsschauspiel, Dresden, Theater
Das Publikum hatte sich spürbar nach Liveveranstaltungen gesehnt Bildrechte: Sebastian Hoppe

Der große Vorteil an der Abwesenheit sei, so kommentiert das Geschehen eine Stimme aus dem Off, dass für einen solchen Abend niemand mehr reisen müsse, dass man keine Hotels buchen müsse und allein dadurch tonnenweise CO2 eingespart würde. Erdacht haben sich Rimini Protokoll den Abend in den letzten anderthalb Jahren, und zwar teilweise, wie das Programmheft protokolliert, auf ihren Reisen durch die Welt.

Widersprüche

Natürlich kann man diese Idee vernünftig finden, vielleicht sogar visionär und utopisch. Man kann sie aber auch weltfremd nennen. Denn Live-Kunst lebt vom Austausch, von persönlicher Begegnung mit Kulturen und Menschen und damit eben auch vom Reisen. Spätestens der Pandemie-Verzicht hat gezeigt, wo die Defizite virtueller Begegnungen liegen. Und auch Künstlerinnen und Künstler leben davon zu reisen – Rimini Protokoll selbst gastieren in diesem Jahr unter anderem noch in Barcelona, Helsinki, Lausanne und Mexico. Der darin steckende Widerspruch wird leider nicht der einzige Wermutstropfen des Abends bleiben.

Er hat seine Momente, unbenommen, etwa wenn sich das anfängliche Unbehagen im Publikum zuerst langsam, dann aber doch zunehmend lustvoll in Mitspiel-Freude verwandelt. Alle stehen auf Ansage auf, alle tanzen ein paar Sekunden vor ihren Stühlen, fast alle nehmen ein Gespräch zu einem vorgegebenen Thema mit ihren (auf Distanz platzierten) Sitz-Nachbarn auf. Zeitweise macht das Prinzip spürbar Freude. Die aber ermüdet bald, die zwei Stunden ziehen sich.

Berührende Momente

Die Statements der nicht anwesenden Konferenzteilnehmer sind von unterschiedlicher Qualität. Ein emotionaler Höhepunkt ist sicher das des als "Hitlerjunge Salomon" bekannt gewordenen Salomon Perelman, der heute 95-jährig in Israel lebt. Ein Kritikerkollege trägt es vor, und in diesem Moment ist am ehesten zu verstehen, worum es Rimini Protokoll geht.

Konferenz der Abwesenden, Staatsschauspiel, Dresden, Theater
Die Aufführung wurde durch Projektionen erweitert Bildrechte: Sebastian Hoppe

Es sind die Debatten um Aneignung und Diversität, die sie spielerisch, versehen mit doppeltem Boden, vorführen wollen. Der abwesende Sally Perel ist plötzlich ganz nah, sein Schicksal, vorgetragen von "einem von uns", greifbar und berührend.

Die Frage der Identität gerät wohltuend in den Hintergrund, meistens spricht, wer sich gerade zufällig gemeldet hat: egal ob Mann oder Frau, ob jung oder alt. Nur bei einem Statement einer Person of Colour (PoC) wird das Prinzip der Gleichheit aufgehoben. Da sich im Publikum keine PoC befindet, fällt dieser Teil aus. Noch einer dieser kleinen Widersprüche.

Verschiedene Geschichten

Das Thema, das sich durch den Abend zieht, ist "Abwesenheit". Ein Schmerztherapeut erläutert, wie er bei Menschen, die einen Arm oder ein Bein verloren haben, Phantomschmerzen behandelt. Eine Astronautin, dass der weibliche Körper im All weitgehend abwesend ist und bisher fast ausschließlich die Wirkung des Weltalls auf den männlichen Körper untersucht wurde. Ein Mann aus Somalia (in der einzigen erfundenen Geschichte des Abends), wie er seiner Heimat entkommen ist, in dem er sich als italienischer Geheimdienst-Agent verdingte und schließlich nach Rom ausgeflogen wurde. Wo er den Verkehrslärm im Vergleich zu dem (nun abwesenden) Bürgerkriegsgeräuschen seiner Heimat wohltuend findet. Eine geflüchtete Afrikanerin schildert, wie sie sich in einem Lager auf Samos langsam selbst abhandenkommt. Ein Physiker, wie er am Locked-in-Syndrom leidet, seit er nach einem Schlaganfall in seinem Körper gefangen ist.

Texte vom Reißbrett

Einzeln betrachtet sind diese Schilderungen schlüssig und durchaus spannend, zusammen wirken sie zunehmend bemüht. Ein Text vom Reißbrett.

Am Ende schließlich wird es befremdlich. Da erklärt ein amerikanischer Umwelt-Aktivist von der "Voluntary Human Extinction Movement" ("Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit"), dass sich die Menschheit durch Fortpflanzungs-Verweigerung selbst vernichten sollte: um die Erde zu retten. Das offenbar völlig unironisch und unwidersprochen neben das Schicksal eines Holocaust-Überlebenden wie Sally Perel zu stellen, ist – gelinde gesagt – schwierig.

Danach spenden die Zuschauer im Saal den mitspielenden Zuschauern auf der Bühne Beifall. Er hält sich in Grenzen. Ein solcher Abend, von der Bundeszentrale für Politische Bildung gefördert, ist ganz sicher als Experiment eine Bereicherung des Repertoires. Als Wiedereröffnung des Schauspiels nach monatelanger Zwangsschließung wirkt er sehr unglücklich platziert.

Das Stück "Konferenz der Abwesenden"
Konzept, Text, Regie: Rimini Protokoll

Uraufführung 1. Juni 2021
Kleines Haus des Staatsschauspiels Dresden

Nächste Aufführungen:
5., 12. und 13.Juni 2021. jeweils 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2021 | 12:10 Uhr

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