Intendant Roland May im Gespräch Theater in Sachsen: Warum Corona-Kritik auf die Bühne gehört

Am Montag haben sich sächsische Theaterintendanten mit Ministerpräsident Michael Kretschmer und Kulturministerin Barbara Klepsch über die aktuelle Lage und mögliche Öffnungsszenarien ausgetauscht. Dabei wurde in Aussicht gestellt, Kultureinrichtungen in Sachsen ab dem 14. Januar öffnen zu können, sofern die Überlastungsstufe nicht erreicht werde. Von dem Gespräch berichtet der Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau, Roland May, im Interview. Außerdem erklärt er, warum aus seiner Sicht Theater zum Thema Impfen allein mit künstlerischen Mitteln Stellung beziehen sollten – und warum er gegen eine Impfpflicht ist.

Roland May, Generalintendant & Schauspieldirektor Theater Plauen-Zwickau
Für Roland May ist die letzte Spielzeit als Generalintendant am Theater Plauen-Zwickau von gesellschaftlichen Debatten in der Corona-Pandemie geprägt. Bildrechte: MDR/Judith Burger

MDR KULTUR: Ich stelle mir dieses Gespräch der sächsischen Theaterintendanten mit Ministerpräsident und Kulturministerin gestern wirklich schwierig vor: gemeinsam über den Kaffeesatz der Situation gebeugt – die Situation mit Omikron können ja weder die Landesregierung noch die Theater einschätzen. Wie haben Sie da Michael Kretschmer erlebt gestern?

Roland May: Das ist wirklich eine sehr komplizierte Situation, und ich kann da nur größtes Verständnis haben, dass man sich hier herantastet. Insofern sind die Mitteilungen, die wir gestern erhalten haben, wie ich finde, ein klares und mutiges Signal. Ein Signal, das von Vertrauen zeugt, dass wir hier unsere gesellschaftliche Rolle wieder einnehmen sollen.

Theater Plauen-Zwickau
Am Theater Plauen-Zwickau wurde während der corona-bedingten Schließung weiter geprobt. Bildrechte: Chris Gonz

Es ist so: die Omikron-Variante ist jetzt im Anmarsch. Man weiß noch nicht, welche Auswirkungen das hat. Deswegen gab es auch eine ganz klare Haltung vom Ministerpräsidenten. Wenn wir hier wieder in die Überlastungsstufe kommen – also Intensivbettenbelegung 430, Krankenhausbelegung 1.300 – kann ganz schnell wieder Schluss sein.

Das kann auch passieren, dass wir öffnen, aber wieder schließen müssen. Aber ich denke, das ist ein Mechanismus, an den man sich im Augenblick gewöhnen muss. Und der Ministerpräsident ist gestern wirklich sehr dezidiert eingegangen auf die verschiedenen Problematiken. [...] Deswegen war es auch wirklich wichtig, sich hier auszutauschen, es für andere aufzunehmen, sich in andere hineinzuversetzen. Und nun wird man sehen, wie sich die Weiterentwicklung gestalten wird.

Wie ist es denn bei Ihnen im Haus mit den Debatten über die Impferei? Gibt es viele Impfgegner bei Ihnen?

May: Das kann ich Ihnen nicht so genau sagen. Ich denke, die Theater sind auch ein Spiegel der Gesellschaft. Da gibt es die unterschiedlichsten Ansichten, wie man hier vorgehen soll. Diese Debatten werden geführt, und insofern muss jeder selber für sich hier einstehen. Ich für mich kann nur sagen, ich bin geimpft, dreimal geimpft. Ich glaube an die Impfung. Ich bin allerdings kein Befürworter der Impfpflicht, weil das eine Angelegenheit ist, die jetzt wirklich die Gesellschaft überfordert.

Sie haben die gemeinsame Erklärung, die einige Intendanten zusammen mit der sächsischen Kulturministerin Barbara Klepsch vor Weihnachten abgegeben haben, wo sie sich für Impfungen und ausdrücklich gegen die Corona-Spazierproteste engagieren, nicht unterschrieben. Warum nicht?

May: Die habe ich nicht unterschrieben, weil eben Inhalte dieser Erklärung nicht kompatibel sind mit meinen Gedankengängen. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand unterschreiben will, auch Theaterleiter. Es haben ja nur drei, im Grunde genommen, diese Erklärung mitgetragen. Ich denke, diese Aktionen greifen jetzt zu kurz.

Wir sind jetzt in einer Situation, wo wir mit unseren künstlerischen Mitteln in der Lage sind, hier wieder Stellung zu beziehen, auch einzugreifen ins gesellschaftliche Geschehen. Wir haben diese Stücke, die die Problematiken, diese Zerrissenheiten von Gesellschaften im Grunde genommen thematisieren, auch unterschiedliche Sichtweisen, wie man mit Problematiken umgehen kann. Und das ist unsere eigenste Aufgabe. Das sollte uns jetzt dazu führen, dass wir uns darauf konzentrieren.

Also Theaterspielen und nicht irgendwelche Resolutionen unterschreiben?

May: Ja, ich bin jemand, der natürlich auch sehr aufmerksam ist und schaut, was ist möglich, wo wird vielleicht auch ein bisschen der Bogen überspannt. Man muss einfach sehen, wir haben jetzt eine Situation, wo wirklich Grundrechte eingeschränkt sind. Und es muss immer ein gewisses Maß an Verhältnismäßigkeit haben.

Wir müssen hier schauen, wie wir weiter als Gesellschaft wirklich im Dialog bleiben. Und das halte ich für das Allerwichtigste.

Roland May, Generalintendant Theater Plauen-Zwickau

Wir müssen hier schauen, wie wir weiter als Gesellschaft wirklich im Dialog bleiben. Und das halte ich für das Allerwichtigste. Da macht es keinen Sinn, wenn wir uns hier gegenseitig aufstellen und sagen, ich schließe mich nur der einen Richtung an und ich der anderen. Ich komme mir so ein bisschen vor wie bei Heiner Müller in der Hamletmaschine, der auf beiden Seiten der Barrikade saß. Und das ist ein Gefühl, dass nicht nur ich teile. Das höre ich auch von vielen anderen.

Das Gespräch für MDR KULTUR führte Moderator Carsten Tesch.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Januar 2022 | 08:40 Uhr