Kritik Unterhaltsamer Tiefsinn – "Die Ehe der Maria Braun" am DNT Weimar

Die Filme von Rainer Werner Fassbinder sind nicht nur bei Cineasten beliebt, sondern auch bei Theatermacherinnen und -machern. Nun hat Hasko Weber "Die Ehe der Maria Braun" am Weimarer Nationaltheater für die Bühne adaptiert. Der Abend erzählt von einer Frau, die ihren Mann im Krieg verlor und im Deuschland des Wirtschaftswunders ihren Weg ins Leben findet. Weber erzählt eine heutige und tiefsinnige Geschichte voller starker Frauen, meint Theaterkritiker Matthias Schmidt.

Impressionen aus einer Theateraufführung 8 min
Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar

MDR KULTUR: War dieser Premiere anzumerken, dass ihr eine neue Theaterdurststrecke folgen wird?

Matthias Schmidt: Auf den ersten Blick nicht, man hat sich schon an die geringere Zuschauerzahl gewöhnt, an die Abstände im Saal und auf der Bühne. Aber als es nach ein paar Auftritten Szenenapplaus gab, war das ganz sicher ein Zeichen dafür, wie sehr die Zuschauer das Theater, das Schauspiel zu schätzen wissen. Trotz der vielen leeren Sitze, trotz der Sicherheitsabstände. Im Schlussapplaus, der ein Jubelsturm war, ergriff Hasko Weber dann kurz das Wort und versicherte seinem Publikum sichtbar ergriffen, dass das Theater so bald wie möglich wieder da sein werde. Das war schon sehr bewegend.

Das Stück basiert auf dem Film von Rainer Werner Fassbinder "Die Ehe der Maria Braun" aus dem Jahr 1979. Wie passt das in unsere Zeit?

Impressionen aus einer Theateraufführung
Nadja Robiné als Maria Braun Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar

Auf den ersten Blick scheint das gar nicht zu passen. Fassbinder erzählt in seinem Film die Geschichte der Maria Braun, die sich nach dem Krieg im Wirtschaftswunderland, der Bundesrepublik Deutschland, durchschlägt und sich nach oben kämpft. Ihr Mann ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, doch Maria stellt sich dem Leben. Sie hält zu ihm, obwohl sie – wie sie sagt – eigentlich nur einen halben Tag und eine Nacht von ihrer Ehe mit ihm hatte. Sie strotzt vor Lebenslust, trotzt der Männerwelt, nimmt sich aber auch, was sie will, wie den amerikanischen GI Bill – eine ganz starke Frau. Das allein würde ausreichen für einen Theaterabend. Denn einerseits ist das dann doch eine sehr zeitlose Geschichte, und andererseits finde ich es auch extrem reizvoll, uns hier im Osten anhand einer so großartigen Vorlage etwas über den Westen zu erzählen. Wenn wir sagen, wir wollen uns gegenseitig kennenlernen, dann gehört das unbedingt dazu. Zudem ist Fassbinders Film, sein kommerziell erfolgreichster unter anderem mit Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Elisabeth Trissenaar und Gottfried John, damals sogar in der DDR gelaufen. Eine tolle Stückwahl!

Wie sieht denn das Wirtschaftswunderland auf der Bühne aus?

Impressionen aus einer Theateraufführung
Szene aus "Die Ehe der Maria Braun" am DNT Weimar Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar

Die Kulisse besteht im Wesentlichen aus einer steilen Traverse, einer Treppe – eine wunderbar abstrakte Bühne. Das Zeitkolorit steckt in den Kostümen, an denen man den stetig steigenden Wohlstand verfolgen kann. Während sich Maria anfangs noch die Nähte der Nylonstrümpfe auf die nackten Beine malen muss – man hat ja nichts – wird im Verlauf des Abends die Konsumgesellschaft immer sichtbarer. Es gibt feine Kleider, ein Präsentkorb wird überreicht – das alles spricht in Bildern dieses „Wir sind wieder wer“. Am Ende schafft Hasko Weber es sogar, diese Geschichte aus dem Damals ins Heute zu verlängern. Die Bühne dreht sich, und wir sehen eine andere, eine glatte Wohlstandswelt – alles ist mit abwaschbarer Folie ausgelegt. Auch Maria, zu Reichtum gekommen, wirkt jetzt wie ein Teil dieser seltsam kalten, neuen Welt. Über der Szene läuft die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler, die Rückseite des Wohlstands und des Wachstums. Alleine im Laufe der Inszenierung steigen unsere Schulden um dutzende Millionen Euro. Aus der sozialen Marktwirtschaft der 50er-Jahre ist die neoliberale Jetzt-Zeit geworden.

Sie erwähnten den Szenenapplaus und den Jubel am Ende. Was hat Sie denn gestern besonders berührt?

Es ist vor allem ein Abend der starken Frauen. Allen voran Nadja Robiné als Maria Braun. Sie allein wäre es wert, diese Inszenierung auf keinen Fall zu verpassen. Wie sie dem Frauenbild der damaligen Zeit trotzt, diese Mischung aus selbstbewusster und zugleich raffinierter, junger Frau, worin sie sehr heutig ist. Aber auch die Momente, in denen sie zu verzweifeln droht – als überraschend ihr totgeglaubter Mann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, als er sie ebenso überraschend wieder verlässt oder wenn sie am Ende erkennen muss, dass letztlich doch nicht sie selbst, sondern die Männer über ihr Schicksal entschieden haben oder zumindest entscheiden wollen. Das alles spielt Nadja Robiné wahnsinnig überzeugend. Immer wieder schafft sie es, doch wieder umzuschalten und nach vorne zu schauen. Bei Fassbinder wirken diese Frauenfiguren manchmal etwas naiv, aber in Weimar ist diese Maria einfach stark. Ein weiteres Highlight des Abends ist Anna Windmüller, die in diversen Rollen, als Marias Mutter oder auch nur als Schaffnerin am Bahnsteig unglaublich viel Komik einbringt. Das ragt aus einer Ensembleleistung auf insgesamt sehr hohem Niveau noch einmal heraus.

Impressionen aus einer Theateraufführung
Szene aus "Die Ehe der Maria Braun" am DNT Weimar Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar

Also ist "Die Ehe der Maria Braun" am DNT Weimar ein rundum gelungener Abend?

Kann man so sagen. Viele Details sind wirklich stimmig sind: Es gibt zum Beispiel eine zusätzliche Figur, die die Handlung manchmal kurz unterbricht und kommentiert – es ist Walter Benjamins "Engel der Geschichte", gespielt von Tahera Hashimi. Diese allegorische Figur bremst mit seiner Skepsis den vordergründig unaufhaltsamen Erfolg der Gesellschaft. Das ist fein gedacht und gemacht, wie überhaupt die Inszenierung sehr fein, sehr unaufgeregt und konzentriert arbeitet. Hasko Weber setzt nicht auf knallende Regietheater-Effekte oder laute politische Rhetorik. Das ist sehr angenehm! Unterhaltsamer Tiefsinn, tiefsinnige Unterhaltung – Großartig!

Impressionen aus einer Theateraufführung 8 min
Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar
Impressionen aus einer Theateraufführung 8 min
Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar

Angaben zum Stück "Die Ehe der Maria Braun" nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder

Regie: Hasko Weber
Bühne: Alexander Grüner
Kostüme: Thilo Reuther
Musik: Bastian Heidenreich
Dramaturgie: Lisa Evers
Mit: Nadja Robiné,
Johanna Geißler, Anna Windmüller, Marcus Horn, Bastian Heidenreich, Philipp Otto, Nahuel Häfliger, Jonas Schlagowsky, Tahera Hashemi

Weitere Termine: 4. Dezember und 19. Dezember, jeweils 19.30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2020 | 13:10 Uhr

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