Theaterkritik Großartige Unterhaltung: "Wie es euch gefällt" im Weimarer Sommertheater

Auf der Freilichtbühne am alten E-Werk in Weimar hat das Deutsche Nationaltheater seine Sommerbühne bezogen. Die Premiere von William Shakespeares Komödie "Wie es euch gefällt" war ein großer Erfolg – ein unterhaltsamer Abend mit überzeichneten Figuren, schrillen Kostümen und Live-Musik. Nicht nur das Publikum war beigeistert, auch MDR KULTUR-Theaterkritiker Matthias Schmidt rät: hingehen, hinfahren, anschauen!

Szenenbild aus "Wie es euch gefällt"
Spielt mit Geschlechterrollen: "Wie es euch gefällt" in Weimar Bildrechte: Candy Welz

Der Applaus war frenetisch bei der Premiere von "Wie es euch gefällt" in Weimar. Die Ränge waren wieder gut gefüllt und das alte Sommertheater-Gefühl war zurück – ein voller Erfolg. Vor allem deshalb, weil Regisseur Christian Weise und sein künstlerisches Team es sich eben nicht so leicht gemacht haben, wie man es sich hätte machen können. Nach dem Motto "Shakespeare zieht immer", ein paar Liebeswirren im Wald, fertig. Vielmehr hat ihre Idee überzeugt, das Stück aufzuladen mit einigen Themen, die uns im Jetzt und Hier sehr beschäftigen, die manchmal sogar polarisieren.

Das Spiel mit Geschlechterrollen

Es geht viel um Identität und Geschlecht. Fast alle Rollen sind mit verkehrten Geschlechtern besetzt. Aber das alles geschieht so raffiniert und so spielfreudig und hintergründig, dass der Abend ein großer, kluger Spaß wird. Aus dem angehenden Liebespaar Rosalind, eine Frau und Orlando, ein Mann beispielsweise werden Rosalund, ein Mann und Orlanda, eine Frau. Aber Rosalund wird von einer Frau gespielt und Orlanda von einem Mann. Am Ende hat man an diesem Spiel so viel Freude gehabt, mit allen Personen so mitgefühlt, mit ihnen und auch über sie gelacht, dass die Geschlechterfrage im Grunde gar keine Rolle mehr spielt. Das ist sehr befreiend, dass es kein Diskurstheater ist, bei dem man als Zuschauer die Botschaft ahnt. Stattdessen spielen sie einfach.

Szenenbild aus "Wie es euch gefällt"
Thomas Kramer als Viola und Fabian Hagen als Orlanda Bildrechte: Candy Welz

Dieses Spiel ist sehr bunt, sehr grell. Der Vorhang in schreiendem Pink, zu schrille Kostüme, zu viel Schminke, Perücken, glamouröse Schuhe und so weiter. Alles ist überzeichnet, überhöht, da findet viel Travestie statt. Dieses Konzept hat in der Kunstgeschichte auch einen Namen: Das ist Camp. Künstlerische Übertreibung, Form ist scheinbar wichtiger als Inhalt. Das geht hervorragend auf in Weimar – auch ohne kulturhistorische Kenntnisse, die, wer mag, im Programmheft nachlesen kann. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler gehen so in diesen Kunstfiguren auf, dass man sie einfach lieben muss. Dazu gibt es natürlich viel Live-Musik. Das Spektrum reicht von Donna Summers Hit "Hot Stuff", passend zu den Kostümen, bis zu Bronski Beat.

Szenenbild aus "Wie es euch gefällt"
Extravagante Kostüme, schrille Farben: "Wie es euch gefällt" in Weimar Bildrechte: Candy Welz

Shakespeares Text mit Bezügen ins Heute

Trotz allem ist es noch Shakespeare mit der historischen Situation, in der das Stück spielt, dass ein neuer Herrscher die alte Herzogin verbannt hat und sie mit ihrem Hofstaat im Wald von Arden Quartier nimmt. Dieser Akt ist ein gutes Beispiel für die Witzigkeit, mit der das umgesetzt wird. Das ist eine Art Hippie-Kommune, in der die Höflinge gemeinsam mit den Landmenschen Gemüse anbauen und in Gemüsekisten packen, wie sie die Stadtmenschen gerne kaufen und dann insgeheim doch hoffen, dass nicht wieder so viel Brokkoli drin ist. Überall steckt eine kleine Dosis Heute drin. Und da sind Shakespeares brillante Dialoge, Wort- Feuerwerke regelrecht – gesprochen von den durchweg überstilisierten Figuren entfalten sie eine ganz besondere Wirkung.

Szenenbild aus "Wie es euch gefällt"
Premiere in lauer Sommernacht: Das Ensemble auf der Open-Air-Bühne im Weimarer e-Werk Bildrechte: Candy Welz

Es geht um Modelle einer Welt, wie sie sein könnte. Aus "Wie es euch gefällt" stammt ja der berühmt gewordenen Satz "Die ganze Welt ist eine Bühne, und Männer, Frauen alle sind bloß Spieler." In Weimar wird keiner dieser Spieler verlacht. Auch nicht die Leute vom Land, die, obwohl sie Dialekt sprechen, Kittelschürze und Tattoos tragen, denen vom Hof Paroli bieten. Sie haben ihr Herz am rechten Fleck.

Szenenbild aus "Wie es euch gefällt"
Sebastian Kowski als Herzogin Fredericke, Miro Maurer als Charlene und Krunoslav Sebrek als Madame Touchstone Bildrechte: Candy Welz

Mal metaphorisch auf das Heute bezogen: Die sprechen alle miteinander, es finden trotz der Differenzen Dialoge statt. Wenn es eine Botschaft gibt, hinter dieser großartigen Unterhaltung der Inszenierung, dann ist es eben das. Das ist Menschlichkeit. Egal ob Mann, ob Frau oder, wie es im Stück heißt, irgendetwas dazwischen, spielt keine Rolle. Ob Schäferin oder Herzogin, man muss diese Personen einfach ins Herz schließen – bleibt nur zu sagen: hingehen, hinfahren, anschauen!

Informationen zum Stück "Wie es euch gefällt", Komödie von William Shakespeare
Deutsches Nationaltheater Weimar
Premiere am 18. Juni 2021

Regie: Christian Weise
Dramaturgie: Beate Seidel
Bühne und Kostüme: Joki Tewes / Jana Findeklee

Zu sehen bis zum 22. August im Sommertheater am e-Werk

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Juni 2021 | 12:15 Uhr

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