Leeres Haus, volle Kasse? Wie das Weimarer Theater in Corona-Zeiten die Stadtkasse aufbessert

Anders als viele private Kultureinrichtungen sind städtische Kulturbetriebe wie wie das DNT Weimar finanziell bislang relativ gut durch die Pandemie gekommen. Das Weimarer Theater konnte Rücklagen bilden, weil es durch Kurzarbeit und Schließung weniger Ausgaben hatte. 500.000 Euro zweigte die Stadt daraus ab, um andernorts Löcher zu schließen. Doch was, wenn das Theater den Betrieb mit weniger Publikum wieder aufnimmt? Überhaupt, wie geht es in Zeiten knapper Kassen weiter mit der Kultur, die eine freiwillige Ausgabe ist?

Am 8. Mai steht die Premiere von "Carmen" auf dem Spielplan des Deutschen Nationaltheaters in Weimar (DNT). Keiner weiß, ob sie stattfinden kann, geprobt und gebaut wird trotzdem. Seit fast zwölf Monaten überwiegend in Kurzarbeit.

Kurzarbeit als Novum und Anker in der Krise

Was kommt auf die Kultur zu nach Corona?
DNT-Intendant Hasko Weber Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Modell, das in der freien Wirtschaft seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt wird, hat auch an deutschen Stadttheatern Arbeitsplätze gerettet, wie DNT-Intendant Hasko Weber erklärt:

"Ich denke, dass diese Möglichkeit, Kurzarbeit auch im öffentlichen Bereich anwenden zu können – die ja vorher nie existiert hat und die neu ist seit 2020 – schon sehr stark beigetragen hat, Stabilität zu schaffen in dieser Krise."

Kuriose Situation in Weimar

Wie viele subventionierte Theater befindet sich auch das Deutsche Nationaltheater Weimar in der kuriosen Situation, dass es dank Kurzarbeitergeld und durch den Ausfall von Aufführungen über volle Konten verfügt. In Weimar heißt das konkret: 2,2 Millionen nicht verbrauchter Zuschüsse von Stadt, Land und der Agentur für Arbeit.

Nicht verbrauchte Theatermittel umgeleitet

Was kommt auf die Kultur zu nach Corona?
Weimars OB Peter Kleine Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Anteil der Stadt hat Weimar nun abgezogen, wie der Weimarer Oberbürgermeister Peter Kleine erläutert:

"Es sind Mittel, die nicht verausgabt worden sind, die aus Sicht des DNT sicherlich auch für bestimmte Risiken zurückgelegt werden sollten. Wir sagen, die Risiken sind aber jetzt aktuell nicht da."

Das Geld wird woanders momentan dringender gebraucht.

Peter Kleine Oberbürgermeister von Weimar

Dass im Haushaltsplan noch "keine einzige Leistung" im Bereich des Sports oder der Kultur gekürzt werden musste, das sei angesichts der Corona-Krise auch eine Leistung, betont Kleine: "Dazu haben auch die Mittel des DNT mit beigetragen."

Rund eine halbe Million Euro behält Weimar im Coronajahr 2021 vom Theater ein, im Jahr davor waren es 100.000 Euro. Rote Zahlen schreibt die Stadt trotzdem: Allein der Ausfall der Übernachtungssteuer bedeutet einen Verlust von etwa einer Million Euro.

Verständnis und Sorge bei DNT-Intendant Hasko Weber

DNT-Intendant Hasko Weber äußert Verständnis, aber auch Sorge: "Ich habe da eine absolute Empathie. Denn natürlich ist es ein Problem, 2021 als Stadt einen Haushalt zu realisieren. Das geht an mir nicht vorbei. Wenn das DNT einen Beitrag leisten kann, dann haben wir das jetzt getan. Vielleicht muss das auch nochmal der Fall sein. Aber wir brauchen eine Weitsicht", betont er und fordert:

Auf lange Sicht müssen die substanziellen Einrichtungen, die substanziellen kulturellen Punkte in einer Stadt ins Auge gefasst werden, um zu klären: Bekennt man sich progressiv dazu? Oder bewegt man sich schon auf etwas zu, was Abstriche machen heißt?

Hasko Weber Intendant des DNT Weimar

Jena: Lautstarker Protest gegen Kürzungen

Was kommt auf die Kultur zu nach Corona?
Jenas OB Thomas Nitzsche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jena wurde von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Der Ausfall der Gewerbesteuereinnahmen brachte den städtischen Haushalt in eine – zurückhaltend formuliert – komplette Schieflage.

Wie in Weimar standen Kürzungen in allen Bereichen, vor allem aber bei den Kultureinrichtungen, den Museen, der Kulturarena und dem Orchester, zur Debatte. Nach lautstarken Protesten wurde eine andere Lösung gefunden.

Jenas OB Thomas Nitzsche sagt dazu, die Vorschläge von Seiten der Verwaltung seien vom Motto geleitet gewesen, Strukturen erhalten zu wollen, was auch bedeutete, Einzelprojekte nicht in dieser Anzahl oder in diesem Umfang durchführen zu können. Denn "Strukturen, die wegbrechen, wieder aufzubauen, das ist nachträglich sehr, sehr schwer bis unmöglich."

Zimmermann: "Die Kultur wird in schwere Jahre gehen"

Aber können wir uns angesichts der Corona-bedingt wachsenden Schuldenberge die subventionierte Theater- und Orchesterlandschaft auch in Zukunft noch leisten? Ist Deutschland, die Kulturnation, in Gefahr? Dazu meint der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann:

Ich glaube, wir werden in ganz, ganz, ganz schwere Jahre gehen. Also, mittelfristig gesehen, wird die Kultur zu den Bereichen gehören, die am stärksten leiden werden. Weil das leider möglich ist, denn Kultur ist keine Pflicht-, sondern eine freiwillige Aufgabe.

Olaf Zimmermann Deutscher Kulturrat

Zimmermann geht also von "erheblichen Einsparungsleistungen" im Kultur-Bereich aus und hofft, dass es am Ende nicht zu Theater-Schließungen komme.

Ausweg: Kommunen entschulden?

Was kommt auf die Kultur zu nach Corona?
Die Premieren-Vorbereitungen laufen hinter den Kulissen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Blick richtet sich auf Berlin. Ja, während der Krise fließen Milliardenhilfen, auch in die Kultur. Aber wie lange noch?

Der Deutsche Kulturrat hätte da eine Idee, die Olaf Zimmermann so formuliert: "Wenn man die Kommunen einmal entschulden würde, das heißt, die erst einmal alle auf Null bringen würde, dann hätten wir, glaube ich, eine ganz andere Voraussetzung." Da es aber zu so einer großen Reformanstrengung vor der Bundestagswahl nicht kommen werde, müssten zunächst in erster Linie die Länder und die Kommunen schauen, dass die Kulturfinanzierung gesichert bleibe.

Was kommt auf die Kultur zu nach Corona?
Deutsches Natuonaltheater Weimar Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem der Kulturhäuser wird wohl erst wirklich sichtbar, wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer zurückkommen. Unter Pandemie-Bedingungen wird nur ein Bruchteil der Plätze und Tickets verkauft, bei voller Ensemble- und Orchester-Belegschaft. Wirtschaftlich ist das nicht. Das Geld, das jetzt abgezogen wurde, wird dann fehlen.

Mit Einnahmeverlusten auf lange Sicht rechnet denn auch der Weimarer DNT-Intendant Hasko Weber: "Einen Saal mit 900 Plätzen sich wieder voll vorzustellen, das ist im Moment relativ kompliziert. Wenn wir nicht in irgendeiner Form die Möglichkeit haben, das auszugleichen, dann wird es substanziell auch für die Theater und Orchester ausgehen. Und diese Substanzverluste sind dann irreversibel."

Kultur trotz Corona: Projekte, Themen & Debatten

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 15. April 2021 | 22:05 Uhr

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