Kritik Premiere von Anna Seghers "Transit" beim Kunstfest Weimar: Politisch relevant und berührend

Es war sicher eine der als Höhepunkt des Kunstfestes Weimar 2021 erwarteten Premieren: "Transit" nach dem Roman von Anna Seghers, in einer Fassung des iranischen Regisseurs Amir Reza Koohestani. In der Inszenierung geht es um deutsche Geflüchtete, die im Marseille der Jahre 1940/41 gestrandet sind und auf ein Visum oder ein "Transit" warten, um nach Mexiko oder in die USA zu fliehen. Nicht zuletzt angesichts der Lage in Kabul ein hochaktuelles Thema. Die Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater feierte am 9. September Premiere.

"Transit" auf dem Kunstfest Weimar 7 min
Bildrechte: Krafft Angerer

Wie inszeniert man einen Stoff, den es täglich in den Nachrichten zu besichtigen gibt, quasi in Echtzeit: Flüchtende, die ihre Abreise herbeisehnen. Die wissen, dass sie vielleicht bald nicht mehr möglich sein wird. Die sich verzweifelt um ein Visum bemühen. Die Angehörige suchen, nicht wissend, ob die noch am Leben sind oder doch bereits dem Krieg zum Opfer gefallen.

Amir Reza Koohestani
Regisseur Amir Reza Koohestani Bildrechte: Judith Buss

Amir Reza Koohestani lässt die Nachrichten außen vor, und er tut gut daran. Seine "Transit"-Fassung stützt sich im Wesentlichen auf den 1944 erschienenen Roman von Anna Seghers. Die Inszenierung hat ihre herausragenden Momente, wenn sie der traurigen Poesie vertraut, die Anna Seghers ihren eigenen Fluchterlebnissen abtrotzte.

Verlagerung der Handlung ins Heute

Koohestani übernimmt die Grundkonstellation des Romans: den Erzähler, der wie so viele auf der Flucht vor dem Krieg und den Nazis in Marseille gestrandet ist. Marie, die ihren Mann sucht, weil sie ohne ihn kein Visum bekommt und die zugleich bereits mit einem anderen liiert ist. Sie weiß nicht, ob ihr Mann überhaupt noch lebt. Sie sucht also nicht nur ihren Mann, sondern zugleich auch Halt in einer neuen Liebe. Da kommt der Erzähler ins Spiel, der die Papiere ihres Mannes gefunden und sogar dessen Identität angenommen hat. Schließlich noch den Arzt, der eine Zeit lang hofft, Maries neue Liebe zu sein.

"Transit" auf dem Kunstfest Weimar
Olliver Mallison in der Rolle des Arztes. Bildrechte: Krafft Angerer

Dennoch greift die Fassung in die Handlung ein. Sie verlegt das alles nicht etwa nach Kabul oder Damaskus, sondern in ein einigermaßen universelles Heute. Die Bühne wird von einem postmodern kühlen Botschaftsgebäude dominiert, die Fenster lamellenverschlossen, davor ein Automat, aus dem man sich eine Wartenummer zieht und ein paar Wartebänke, darin zwei Schalter – alles unbequem und abweisend.

"Transit" auf dem Kunstfest Weimar
Nils Kahnwald als Erzähler und Toini Ruhnke als Marie. Bildrechte: Krafft Angerer

Dadurch wird aus dem mexikanischen Konsulat, das immerhin mehr als 40.000 Menschen die Flucht ermöglichte, eine kalte, menschenverachtende Maschinerie, der es scheinbar um das Gegenteil von Hilfe geht. War das Bemühen der Flüchtenden bei Seghers ein "Visa-Tanz" und "Konsulatszauber", ist es in dieser Inszenierung ein schier aussichtsloser Kampf gegen die Abwimmelungskünste der modernen Bürokratie mit den Mitteln der Dienstleistungsindustrie. Hier sprechen keine Menschen miteinander, sondern gekünstelt freundliche Automatenstimmen führen mit den gängigen Floskeln durch ein Menü. Ganz sicher ist das gemeint als Inbegriff einer entmenschlichten Bürokratie: das sind Grenzposten, die sozusagen mit Formalitäten schießen. Die mit falscher Freundlichkeit sortieren, wer ein Land verlassen oder in ein Land einreisen darf. Gestern in Weimar sorgte das aber auch für Gelächter.

"Transit" auf dem Kunstfest Weimar
Szene aus "Transit" Bildrechte: Krafft Angerer

Comedy und grausame Realität prallen aufeinander

Für uns ist es Comedy-Material, dass die freundliche Frauenstimme in einer Hotline zum dritten Mal von vorne beginnt: "Womit kann ich Ihnen helfen?" Ein Missverständnis? Zumindest wirkt dadurch alles etwas weniger dramatisch, als es mutmaßlich gemeint ist. Mit dem "richtigen" Pass in der Tasche mögen uns die Interviews in der amerikanischen oder der russischen Botschaft ein bisschen nerven oder schikanös vorkommen. Für diejenigen, die Koohestani mit seiner "Transit"-Fassung meint, geht es um Leben und Tod. Das ist in vielen anderen Szenen förmlich zu greifen.

Die Welt, in der die Flüchtlinge stranden, ist eine Teflon-Welt. Der Halt, den sie angesichts des Krieges suchen, ist hier nicht zu finden. Schlimmer noch, sie werden abgewiesen, und es werden am Ende auf das Botschaftsgebäude, das Zentrum der gesamten Bühne, Videos von Wellen projiziert. Erst ganz kleine Wellen, später immer größere. Verbunden mit einer Soundcollage, und man sieht sie auf sich zukommen und hört dabei, wie man von den Wellen verschluckt wird. Das ist in Zusammenhang mit dem Thema sehr bedrückend.

"Transit" auf dem Kunstfest Weimar
Die Inszenierung besticht auch durch das Bühnenbild von Mitra Nadjmabadi. Bildrechte: Krafft Angerer

Politisch hochaktuelle Liebesgeschichte

Zudem genügen ein paar wenige Signalworte, um die Übersetzung zurück in die Grausamkeit der aktuellen Nachrichten anzuregen. Da ist der Erzähler, der berichtet, er habe seinen Ausweis vernichtet und nun erfährt, ohne Ausweis könne er keinen Termin bekommen. Da sind die sehr intimen Fragen an Marie, die darauf zielen, ihr eine Scheinehe nachzuweisen. Da sind die Bemerkungen über eine Bombe, die der Erzähler in seinem Koffer haben könnte. Nicht zuletzt sind da die drei Schauspieler, die hochkonzentriert daran arbeiten, in der doppelt unmenschlichen Umwelt stark zu bleiben.

Nicht zuletzt ist "Transit" eine Liebesgeschichte, auch wenn die nicht glücklich endet. Diese Koproduktion des Kunstfestes mit dem Hamburger Thalia Theater ist ein sehr sehens-, ein sehr lohnenswerter Abend.

Mehr Informationen Nächste Vorstellungen von "Transit" auf dem Kunstfest Weimar am 10. und 11. September um 20 Uhr

Veranstaltungsort:
Redoute – ein Spielort des Deutschen Nationaltheaters Weimar
Ettersburger Straße 61,
99427 Weimar

Mehr Highlights auf dem Kunstfest Weimar

Aktuelles aus der Theaterwelt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2021 | 12:10 Uhr

Abonnieren