24. August bis 10. September Kunstfest Weimar 2022: Das sollten Sie nicht verpassen

"Sehnsucht nach morgen", unter diesem Motto startet ab dem 24. August das Kunstfest Weimar, mit einem engagierten Programm, das Mut machen soll inmitten all der Krisen. Bis 10. September gibt es 140 Veranstaltungen, darunter Performances, Musiktheater, Diskussionen oder Filmabende an mehr als 30 Spielstätten in Weimar, Erfurt und weiteren Thüringer Orten. Dazu gehört ein neues Stück von Thomas Köck genauso wie Tanz aus Südafrika oder Musik von Beethoven und Mozart "zum Zurücklehnen". Das sind unsere sechs Empfehlungen:

Eine Gruppe Menschen mit Koffern auf der Bühne
Die Inszenierung Broken Chord vermischt zeitgenössischen und traditionellen Tanz aus Südafrika mit A-cappella-Gesang. Bildrechte: lolo vasco

Schauspiel: "Solastalgia" von Thomas Köck

2005 erfand der australische Naturphilosoph Glenn Albrecht den Begriff "Solastalgie". Er setzt sich zusammen aus dem lateinischen Begriff für Trost (solacium) und der griechischen Wurzel (algia), die für Krankheit und Leiden steht. Für Albrecht eine Bezeichnung für den Schmerz, den man empfindet, wenn der Ort, den man bewohnt, angegriffen wird.

In einer Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt nähert sich der angesagte österreichische Dramatiker Thomas Köck diesem Begriff. Das Regieteam geht zusammen mit den Darstellerinnen und Darstellern auf Spurensuche nach angegriffenen Orten. Laut Festivalleiter Hemke stehen beispielsweise der Thüringer Wald und der Taunus im Fokus. Besonders bei der Produktion: Das Bühnenbild besteht aus nachwachsenden Pilzkulturen, die sich wie Sperrholz bearbeiten lassen. Für das Kunstfest ein Ansatz für mehr Nachhaltigkeit im Bühnenbetrieb, der auch in einem Panel diskutiert werden wird.

7. & 8. September, 20 Uhr, E-Werk
Uraufführung
Diskussion: Stuff – Neue Materialzyklen im Theater, 4. September, 18 Uhr, E-Werk

Opernexperiment über die Macht: Aria di potenza

Aria di potenza ist ein Opernexperiment des jungen polnischen Star-Regisseurs Krystian Lada, er lässt darin aktuelle politische Reden, wie etwa Putins Rede vor dem Angriff auf die Ukraine, in populäre Opernarien übergleiten. "So entsteht ein neuer Blick auf die Kontinuität von Machtstrukturen", beschreibt Kunstfest-Leiter Rolf Hemke, "und außerdem wird gezeigt, wie geeignet die Kunstform der Oper für das Ausdrücken von Hass ist."

Interessant ist bei diesem Projekt auch die Auswahl der Sängerinnen und Sänger: Lucia Lucas gilt als die einzige relevante Baritonistin der Welt, kürzlich gab sie in der Metropolitan Opera in New York ihr Debüt. Ihre Bühnenpartnerin, Mezzosopranistin Małgorzata Walewska, singt ebenfalls in den großen Opernhäusern der Welt, Sopranist Théo Imart machte sich am Theater Basel einen Namen. "Die Stimmzuordnung und die Geschlechterzugehörigkeit verrutschen in diesem Projekt etwas, was eine ganz bewusste poetische Setzung ist", so Hemke. Es entstehe ein melomanes Kammerspiel auf großer Bühne.

Eine Frau im lila Kleid auf einer Bühne
Aria di Potenza wird kurz zuvor in Warschau uraufgeführt. Bildrechte: Camille Cooken

2. September, 20 Uhr, Deutsches Nationaltheater
Deutsche Erstaufführung

Tanz und Gesang aus Südafrika: Broken Chord

Gregory Maqoma, derzeit wichtigster Choreograph im südlichen Afrika, ist nicht nur mit dem nahezu ausverkauften Stück Cion zu Gast beim Kunstfest, sondern auch mit der Inszenierung Broken Chord. Diese lässt die Genregrenzen verschwimmen, Tanz kombiniert mit A-Cappella-Gesang vermischt sich zu choreografischem Musiktheater. Broken Chord spürt einer Reise des "African Choir" nach, einem Chor junger südafrikanischer Sängerinnen und Sänger, die vor rund 130 Jahren mit dem Schiff auf Tournee nach Großbritannien aufbrachen.

Tänzerinnen und Tänzer bringen ihre Lebensgeschichten auf die Bühne, zwei Chöre, einer aus Südafrika, einer aus Gera, geben der Produktion eine ganz eigene musikalische Note: "Das wird eine musikalische Gratwanderung zwischen südafrikanischer Musik und anglikanischer geistlicher Musik werden, alles vor dem Hintergrund des Kolonialismus", so Festivalchef Hemke. Wer A-cappella-Musik möge, solle "Broken Chord" nicht verpassen.

27. August, 20 Uhr, Deutsches Nationaltheater
Deutsche Erstaufführung

Eine Gruppe Menschen mit Koffern auf der Bühne
In Broken Chord mischen sich traditionelle Xhosa-Tanzelemente mit Maqomas eigenem, zeitgenössischen Tanzstil. Bildrechte: lolo vasco

Bildgewaltige Flamenco-Performance: Terebrante

Die Spanierin Angélica Liddell ist eine der ganz Großen der europäischen Bühnenkunst. Die Text-Performerin kommt mit einer neuen Produktion nach Weimar, ein aufwändiges Gastspiel, in dem sie sich mit dem Flamenco auseinandersetzt: einem der zentralen Kulturgüter ihrer Heimat, ohne dass allerdings ein Ton Flamenco erklingt. "Man sollte hier das Unerwartete erwarten", rät Rolf Hemke. Terebrante sei großes, überwältigendes Bildertheater, das provoziere, berühre, aufrege.

Eine Frau mit einem Fahrrad
Großes, überwältigendes Bildertheater kommt von der Spanierin Angélica Liddell. Bildrechte: Ximena Garrigues and Sergio Moya

4. September, 20 Uhr, Deutsches Nationaltheater
Deutsche Erstaufführung

Konzert: Beethoven und Schubert zum Zurücklehnen

Das Krakauer Ensemble Capella Cracoviensis ist das renommierteste der polnischen Ensembles für historische Aufführungspraxis. Es hat auf wichtigen europäischen Festivals, in vielen großen europäischen Konzertsälen, aber als Spezialensemble auch immer wieder in Opernhäusern wie dem Theater an der Wien Bühnenwerke begleitet. Für das Sinfoniekonzert hat der musikalische Leiter und Dirigent Jan Tomasz Adamus Beethovens 1. und Schuberts 5. Sinfonie ausgewählt, die beide durch ihre ausgelassene Grundstimmung miteinander verbunden sind.

"Dieses Konzert ist unser Kunstfest-Angebot zum Zurücklehnen", schmunzelt Rolf Hemke. "Uns wird immer wieder vorgeworfen, dass das Kunstfest anstrengend sei, man immer mitdenken müsse – nun, hier ist unsere Antwort darauf." Ergänzt wird das Programm durch zwei Mozart-Arien für Bassbariton, Solist ist Thomas E. Bauer.

Musikerinnen und Musiker mit Instrumenten auf einer grünen Wiese
Capella Cracoviensis wurde 1970 vom Komponisten und Musikdirigenten Stanisław Gałoński gegründet. Bildrechte: Jacek Poremba

31. August, 20 Uhr, Herderkirche

Kostenfreie Mitmach-Angebote für die ganze Familie: Playing Up

Das Kunstfest bietet diverse kostenfreie Angebote, darunter "Playing Up", das sich an Kinder ab 4 Jahren und deren ältere Geschwister und Eltern richtet. "'Playing Up ist ein charmantes und anarchisches Projekt für alle, die nicht ruhig im Theater auf ihren Sesseln sitzen, sondern mitmachen wollen", so Hemke.

Unter Anleitung von Mitarbeiterinnen des jungen Stellwerk-Theaters soll auf dem Theaterplatz ein großes, öffentliches Play In entstehen. Die Mitmachenden werden dabei in die Performancekunst eingeführt und können sich austoben, etwa indem sie eine Ketchupschlacht veranstalten, einem zufällig Vorübergehenden durch die Stadt folgen oder Erwachsene fernsteuern.

Eine Frau stellt ein Gegenstand ab.
Die Idee für Playing Up kommt von der Tate Modern in London. Bildrechte: Matthias Pick

9. September, 13 Uhr & 10. September, 11 Uhr, Theaterplatz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. August 2022 | 07:10 Uhr

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