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Bei der Premiere vor 30 Jahren stand ein riesiger Nussknacker für den Weihnachtsmarkt. Bildrechte: Tom Schulze/Oper Leipzig

Jubiläum30 Jahre "La Bohème" in Leipzig: Einstiegsdroge für künftige Opernfans

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 15. Dezember 2021, 04:00 Uhr

Die Oper "La Bohème" wird gerade zur Weihnachtszeit gerne gespielt. Sie handelt von verarmten Künstlern und einer tragischen Liebe. Vor 30 Jahren, am 15. Dezember 1991, feierte die Inszenierung von "La Bohème" an der Oper Leipzig Premiere – als reduziertes Stück, ohne viel Süße und Albernheit. Diese lief so gut, dass sich das Stück bis heute im Repertoire gehalten hat. Aber auch andere Opern von Giacomo Puccini sind als Longseller unterwegs. Was genau macht das Erfolgsrezept aus?

Fast glaubt man der eigenen Erinnerung nicht mehr und liest sicherheitshalber noch mal nach. In der Kritik zu "La Bohème", vor 30 Jahren im Leipziger Stadtmagazin Kreuzer, ist es aber genau so dokumentiert: "Der letzte Ton verklungen, Stille im Zuschauerraum. Nach einer Minute erheben sich die Zuschauer und geben 25 Minuten stehende Ovationen." Es ist eine Sternstunde.

Die Schlussszene spielte ganz vorn an der Rampe. Mimis Tod. Die Freunde kommen alle nochmal hinzu. Sind da. Umarmen sich. Ein großes Menschenknäuel. Dann der Tod. Der zurückgelassene Geliebte kann es nicht fassen. Ein Freund raunt ihm zu: "Coraggio!" – "Haltung bewahren!" Und die behält Rodolfo, gespielt von Keith Olsen, im doppelten Sinne. Bleibt in dieser Spannung auf der Bühne stehen. Es gibt in der Inszenierung keinen Vorhang. Auch kein Black, kein Licht-Aus. Eine Minute vergeht. Bis Kathleen Cassello, die Sängerin der Mimi, eben noch in der Rolle gestorben, quasi aufersteht. Keine große Geste. Einfach nur: Hinstellen zum Applaus. Die angestaute Energie entlädt sich 25 Minuten lang.

Reduziertes Bühnenbild ohne Kitsch

Was war hier geschehen? Regisseur Peter Konwitschny hatte "La Bohème" komplett entschlackt. Die Oper, die üblicherweise ein plüschiges Künstlerleben vorstellt, mit bunten Kostümen, bunten Laternen, viel Kitsch und Trallala auffährt, wird hier radikal entbildert.

Hauptaugenmerk der Inszenierung muss sein a) die Süße und b) die Albernheit zu vermeiden, die den Vorgängern anzuhaften scheinen.

Regisseur Peter Konwitschny in einer Notiz zur Regiekonzeption

Folgerichtig startet die Inszenierung, die zu Beginn im Atelier in der Mansarde einer Pariser Wohnung am Weihnachtsabend spielt, mit einer sehr reduzierten Bühne. Eigentlich ist sie leer. Tisch, Stühle, einen Sternenhimmel im Hintergrund oder auch ein Blick auf die Lichterstadt Paris bei Nacht aus der Vogelperspektive – mehr nicht. Später gibt es einen überdimensionalen Nussknacker, der für den Weihnachtsmarkt steht und ein, zwei Fässer, in denen Holz brennt für die nächtliche Outdoorszene, um ein bisschen Wärme zu spenden. Einmal Kunstschnee für die Schneeballschlacht. Das war's.

Für die Premiere am 15. November 1991 wurde das Bühnenbild reduziert. Bildrechte: Tom Schulze/Oper Leipzig

Am Ende, in der Schlussszene, ist die Bühne dann wirklich leer – mehr noch – auch das Bühnenlicht ist ab. Das Saallicht ist im Zuschauerraum angeschaltet, sodass alles in demselben Raum stattfindet. Kein Unterschied mehr zwischen Bühne und Publikum. Dazwischen ist nur noch die Musik aus dem Orchestergraben.

Erstaunlicherweise hat dieses Setting perfekt funktioniert. Es hat uns, dem Publikum, die Handlung näher gebracht. So nah, dass es am Ende diese Schockstarre gab. Eine Sternstunde, wie gesagt – und bis heute im Spielplan. Wenn Corona nicht wieder gewesen wäre, hätte es am 17. Dezember eine Aufführung gegeben, quasi zum 30-jährigen Jubiläum.

Der Weihnachtshit neben "Nussknacker" und "Hänsel und Gretel"

Und jetzt müssen wir noch mal über "La Bohème" an sich reden. Über diese Oper von Giacomo Puccini, die an Weihnachten spielt und deswegen gerne in der Weihnachtszeit im Spielplan der Opernhäuser läuft, neben "Nussknacker" und "Hänsel und Gretel". Tatsächlich bleiben "La Bohème"-Inszenierungen oft jahrelang, jahrzehntelang im Spielplan. Das ist eine Besonderheit.

Franco Zeffirelli und Götz Friedrich

Ganz berühmt ist die Inszenierung des italienischen Filmregisseurs Franco Zeffirelli, die er 1963 für die Mailänder Scala inszeniert und später dann auch auf andere Bühnen umgesetzt hatte: Wien etwa, Moskau, München. Vor 40 Jahren, am 14. Dezember, hatte sie auch an der Metropolitan Opera New York Premiere und ist dort bis heute zu sehen. Gut gelaufen ist "La Bohème" auch 1988 an der Deutschen Oper, dort auf die Bühne gebracht von Regielegende Götz Friedrich.

Dresdner Inszenierung von Christine Mielitz

Und an der Semperoper gibt es bis heute eine Inszenierung von Christine Mielitz, die auf das Jahr 1983 zurückgeht. Damals war die Semperoper noch nicht wiederaufgebaut, weshalb Oper im Großen Haus des Staatsschauspiels gespielt wurde. Umgesetzt auf die Bühne der Semperoper sagt man heute "frei nach". Aber warum haben "La Bohème"-Inszenierungen gefühlt so einen Ewigkeitsrang?

Künstler = Männer?

Eintauchen in das Leben der Boheme in einer Inszenierung aus dem Jahr 2013. Bildrechte: Tom Schulze/Oper Leipzig

Vielleicht vorher noch kurz ein Blick auf die Handlung. Es geht um verarmte Künstler. Es gibt einen Maler, einen Philosophen, einen Musiker und den Dichter Rodolfo, die Hauptperson. Merke: das ist noch das klassische Konzept aus dem 19. Jahrhundert, hier sind Künstler = Männer. Und dazu dann die Freundinnen: Musette, die als eine Art Escortdame arbeitet und die Näherin Mimi, die an Tuberkulose erkrankt ist und sich in Rodolfo verliebt – große Liebesszene gleich zu Beginn.

Und dann wird dieses Leben der Boheme durchdekliniert. Künstler werden Lebens- und vor allem auch Überlebenskünstler, wenn zum Beispiel das für minderwertig befundene Manuskript im Ofen landet, um hier bessere Dienste zu tun. Am Ende, nach knapp zwei Stunden, es ist also eine relativ kurze Oper, wird Mimi sterben. Großes tragisches Finale. Siehe oben. Das ist kurz umrissen die Handlung.

Bei aller Reduziertheit gab es auch 2013 große Bilder. Bildrechte: Tom Schulze/Oper Leipzig

Eine Oper mit Ewigkeitsrang

Also viel Emotion. Ist das der Grund für die Langlebigkeit der Inszenierungen? 30, 40, 50, 60 Jahre?! Ich denke, es liegt an der psychologischen und bildhaften Musik, die Puccini hier ins Spiel bringt. Die ist im Grunde sehr modern, eine Art Filmmusik. Die Musik schafft eigene Bilder – und diese Bilder braucht man dann gar nicht mehr so sehr in immer neue Bühnenbilder umzusetzen. Was ja in gewisser Weise dann nur noch eine Verdopplung wäre.

Bildgewaltig & emotional

Giacomo Puccini Statue auf dem Piazza della Cittadella Bildrechte: IMAGO / agefotostock

Es reicht sozusagen die Handlung, was die Figuren betrifft, gut nachzuspielen. Und das ist in diesen Inszenierungen dann der Fall. Anders gesagt: Das Bühnenbild und die Kostüme stören auch nicht weiter. Die bildhafte Musik verlängert das Mindesthaltbarkeitsdatum der Inszenierung in Richtung Unendlichkeit. So wie es Mimi am Ende singt: "Come il mare profonda ed infinita." / "Wie das tiefe und endlose Meer."

Puccini hat auch andere Opern geschrieben: "Madame Butterfly", "Turandot", "Tosca". Die sind auch als Longseller unterwegs. In der Deutschen Oper in Berlin ist "Tosca" von 1969 im Spielplan - über ein halbes Jahrhundert also. Insofern dürfte Puccini auch eine gute Einstiegsdroge für künftige Opernfans sein. Wegen dieser bildgewaltigen und emotionalen Musik, die anders als bei Wagner, schnell und präzise auf den Punkt kommt. Auch das ist anfängerfreundlich.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 14. Dezember 2021 | 07:10 Uhr