Wahlprogramme der Parteien Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Was sagen die Parteien zu Theater und Kultur?

Am Sonntag wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Damit entscheidet sich auch die Ausrichtung der Kulturpolitik in den nächsten Jahren. Während Weltkulturerbestätten wohl kaum um ihre Zukunft bangen müssen, sind Theater immer wieder von Kürzungen bedroht. Welchen Stellenwert haben die Kultur und speziell Theater in den Wahlprogrammen? Theaterredakteur Stefan Petraschewsky erläutert, was die Parteien in Sachen Theaterpolitik genau planen.

Logo MDR 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Vielleicht ganz grundsätzlich - welchen Stellenwert hat die Kultur in den Wahlprogrammen?

Stefan Petraschewsky: Die Kultur taucht nicht an erster Stelle auf, aber alle Parteien betonen, dass Kultur wichtig ist. Die Parteien sprechen dann oft das UNESCO-Weltkulturerbe im Land an, also die Lutherstätten, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, das Bauhaus in Dessau oder den Naumburger Dom. Das ist ein großes Pfund im Land. Und da sind auch die nächsten Jubiläen geplant. 2025 sind es 100 Jahre Bauhaus in Dessau und auch 500 Jahre Bauernkrieg - letzteres ist strenggenommen eher ein Gedenkjahr und hat natürlich mit Luther zu tun. Fast alle Parteien bekennen sich auch zur Stadttheater-Landschaft, wie es sie nur in Deutschland gibt.

Blick über die Stadt Naumburg (Sachsen-Anhalt) auf den Dom St. Peter und Paul
Konservativen Parteien wollen vor allem Weltkulturerbestätten wie den Naumburger Dom bewahren und touristisch nutzen. Bildrechte: dpa

Unterschiede gibt es also nicht grundsätzlich, sondern eher in der Gewichtung einzelner Aspekte. Pauschal könnte man sagen: Den konservativen Parteien ist das Bewahren der Kulturgüter wichtiger als ein zeitgenössisch rund laufender Kulturmotor. Im konservativen Lager wird die Kultur auch gerne mit dem Tourismus zusammen gedacht. Es geht um Tourismuswirtschaft und um die schon genannten UNESCO-Kulturmarken, die man weiter herausstellen will. Auch das Musikland Sachsen-Anhalt spielt hier eine Rolle mit den Komponisten Telemann, Händel und Schütz.

Die linken Parteien, SPD, Linke und Grüne, thematisieren dagegen auch die Arbeitsbedingungen für Künstler und die zeitgenössische Kunst. Der SPD ist es beispielsweise wichtig, Kulturorte zu stärken, die "Orte des gesellschaftlichen Selbstgespräches neben und jenseits von Kunstmarkt und Kulturindustrie sind." Es geht hier also um Teilhabe am Kulturleben und um eine Kultur, die öffentlich finanziert wird und sich deshalb nicht in allererster Linie rechnen muss.

Interessant finde ich, dass die SPD in ihrem Programm zur Kultur auch von "Beheimatung" spricht. Heimat und Identität sind also keine per se rechten Kulturthemen. Auch die Grünen sprechen explizit von einer "Landesidentität", die durch thematische Landesausstellungen geschaffen werden soll.

Unterm Strich kann man also sagen: den konservativen Parteien ist die Sanierung der Denkmäler, Schlösser und Gärten wichtiger als das gegenwärtige Kulturleben. Bei Linken, SPD und Grünen ist es andersherum. Aber es sind keine großen Unterschiede, sondern eher Unterschiede im Detail. Und beides ergänzt sich natürlich zu einem runden Bild.

Wie sieht es mit der AfD aus. Geht sie einen eigenen Weg in der Kulturpolitik?

Die AfD sieht es als vornehmste Aufgabe der Kunst an, kulturelle Identität zu pflegen. Deutsche Identität sei auch das Resultat der deutschen Kunst, vor allem der Bühnenkunst, heißt es im Wahlprogramm. In den Theatern würde aber "bestenfalls nichtssagende Unterhaltung, Abseitiges oder Internationales ohne Bezug zu unserem Land gezeigt." 

Die Kunstfreiheit im Grundgesetz ist aus Sicht der AfD "kein Anspruch, jeden Schund gefördert zu bekommen". Deshalb will die AfD nur noch solche Kunst fördern, die der deutschen Kultur bejahend gegenübersteht. Hierfür sei man auch bereit, "massive Einschnitte" zu vertreten. Die AfD will etwa die Landesförderung für die missliebigen Theater "mindestens halbieren". Eine Agitation gegen das eigene Volk müsse nicht durch den Staat finanziert werden, heißt es.

Auf einem Buch steht -Muss Theater sein-?
Fast alle Parteien haben erkannt, dass Theater als Orte der kulturellen Bildung eine wichtige Aufgabe übernehmen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Kapitel im Wahlprogramm der AfD zu Kunst und Kultur schließt mit dem Satz: "In dieser Hinsicht ist uns die kulturpolitische Wende, die Ungarn unter Viktor Orbán vollzieht, Vorbild und Inspiration." Die AfD geht in der Kulturpolitik also sehr eigene, um nicht zu sagen eigenartige Wege. Kunst soll nur gefördert werden, wenn sie genehm ist. Kunst soll einen Nutzen haben und eine deutsche Identität fördern. Gegenüber dem Wahlprogramm von 2016 hat sich die AfD noch einmal radikalisiert.

Greifen das die anderen Parteien auf - gerade mit Blick auf Ungarn und Viktor Orbán?

Nicht direkt. Hier und da wird aber die Rolle der kulturellen Bildung thematisiert. Es geht dann um Demokratiefähigkeit und darum, dem Rechtspopulismus etwas entgegenzuhalten. Man kann es vielleicht so sagen: Die anderen Parteien haben ein doppeltes Kulturverständnis. Einmal nach außen. Das korrespondiert dann mit dem Tourismus. Und es gibt ein Kulturverständnis nach innen. Da geht es um Demokratie, Offenheit, Transparenz - und das ist natürlich die Abgrenzung zum Rechtspopulismus.

Das Kulturverständnis, das die AfD an den Tag legt, stammt offenkundig aus dem 19. Jahrhundert. Wenn man aber genau hinschaut, dann sind die Säulenheiligen dieser Zeit, zum Beispiel Richard Wagner, hier auch zu Unrecht vereinnahmt. Wagner lässt in seiner Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" am Ende des letzten Aktes bekanntermaßen seinen Protagonisten Hans Sachs die "heil’ge deutsche Kunst" beschwören, als identitätsstiftende Kultur, ganz im Sinne der AfD.

Gleichzeitig aber zeigt sich Sachs einer neuen Kunst gegenüber aufgeschlossen, die ein Ritter, der von außen kommt, gegen sämtliche geltende Regeln einbringt. "Es klang so alt und war doch so neu, wie Vogelsang im süssen Mai!", singt Sachs und fordert, dass man einmal im Jahr die Regeln außer Kraft setzen und sich offen für Neues zeigen solle. Also auch hier, bei Richard Wagner, ist die "heilige deutschen Kunst" eine Kunst, die auch neuen und fremden Klängen einen Raum gibt, um am Ende durch Gewohnheit nicht Kraft und Leben zu verlieren.

Bühnenszene: Mit der Faust in die Welt, neues theater Halle
In der Inszenierung "Mit der Faust in die Welt schlagen" am neuen theater halle wird die Gefahr des Rechtsextremismus thematisiert. Bildrechte: Anna Kolata/Theater, Oper und Orchester GmbH

Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren der Pandemie viel über digitale Formen und eine Kulturlandschaft nach Corona gesprochen. Spielt das in den Wahlprogrammen mit Bezug auf die Kultur eine Rolle?

Das spielt eine Rolle, aber es gibt noch keine ausgearbeiteten Konzepte. Dafür ist es vielleicht auch noch zu früh. Digitale Formen der Vermittlung werden angesprochen und für die Zukunft auch mitgedacht. 

Gibt es für sie so etwas wie ein Fazit, wie Theater und Kultur in den Wahlprogrammen gedacht wird?

Ich fand die Aussagen in den Wahlprogrammen, wie gesagt, erstaunlich ähnlich. Es gibt Akzente: auf der konservativen Seite mehr in Richtung Tradition bewahren und touristisch nutzen; auf der linken Seite mehr der Stellenwert für die kulturelle Bildung im Hier und Jetzt. Ganz aus der Reihe tanzt die AfD mit ihrer deutschnationalem Identitätspolitik und Viktor Orbán als Vorbild.

Interessant ist für mich noch ein Stichwort - ein sogenannter 'dritter Ort'. Das meint zum Beispiel Kulturhäuser in den kleinen Städten, auch Dorfgasthöfe, also öffentliche Räume, in denen sich Begegnung und Austausch abspielen kann, in denen dann zum Beispiel auch über Identität gestritten werden kann.

Stefan Petraschewsky über Theater in den Wahlprogrammen

Was ist das eigentlich: "Identität"? Und ist das eine starre Sache wie eine Rüstung, die man anzieht um sich gegen andere zu wappnen? Und auch die Fragen: Wandelt sich Identität? Wandelt sich ein Heimatbegriff auch mit der Zeit? Das finde ich wichtig, dass man Theater im erweiterten Sinn als öffentliche Kommunikationsräume denkt.

Also zunehmend weg von einer elitären Repräsentationskultur hin zu einem Ort, an dem sich eine Gemeinschaft treffen und sich orientieren kann. An diesen "dritten Orten" steht jedenfalls die kulturelle Bildung im Fokus, das haben fast alle Parteien erkannt und sehen das als zunehmend wichtige Aufgabe.

Das Interview für MDR KULTUR führte Carsten Tesch.  

Mehr zu Theatern in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2021 | 07:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei