Projekt des Schauspiel Leipzig Audiowalk "Tempus-Wow": Spaziergang durch Leipzigs Geschichte

Mindestens bis Ende Februar müssen die Theater in Sachsen für das Publikum geschlossen bleiben. Auch Proben finden derzeit gar nicht oder unter erschwerten Bedingungen statt. Das Leipziger Schauspiel hat daher einen anderen, derzeit sehr beliebten Weg gesucht, ihr Publikum zu erreichen: Der Audiowalk "Tempus-Wow" verläuft am Rand des historischen Stadtkerns. Der geführte Spaziergang lenkt den Blick auf Details und lässt die Stadt in anderem Licht erscheinen.

Impressionen von Tempus-Wow
Blick auf den Startpunkt des Audiowalks Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Das lineare Vergehen der Zeit ist nur eine Illusion, meinen einige Physiker. Demnach finden Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig statt. Auch der Audiowalk des Leipziger Schauspiels von Heike Geißler mit dem etwas sperrigen Titel "Tempus-Wow. Die Tour der Möglichkeiten. We lift you up (Where you belong)" spielt mit diesem Gedanken. So ist sich die Produktion auch bewusst, dass sie zu jederzeit stattfindet – oder zumindest stattfinden könnte. Denn das Publikum kann sich die Audiodatei selbst herunterladen und dann selbstständig den Spaziergang beginnen.

Sie gehen hier durch Zeit. Ich weiß auch nicht, in welche Richtung Sie gehen. Sie schneiden jedenfalls durch die Zeit wie ein Messer durch frisches Brot, dessen Kruste hart ist und dessen noch warme Mitte sich unter dem Druck des Messers hauptsächlich zusammendrückt.

aus: "Tempus-Wow"

Gang durch Leipzigs Geschichte

Impressionen von Tempus-Wow
Gedenkstein am Leipziger Nikischplatz Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Der Spaziergang beginnt schwerfällig: Eine Frauenstimme gibt die Anweisung, ein oder zwei Runden um den Nikischplatz zu gehen – ein kleines Carré unweit des Leipziger Schauspiels. In der Mitte befindet sich ein kleines Beet mit immergrünen Pflanzen, aus dem abseits vom Winter zwei Skulpturen ragen. Darum führt eine zugeparkte Straße, an deren Rand sich hohe Häuser erheben. Teilweise stammen sie aus dem 19. Jahrhundert, teilweise sind es Plattenbauten aus der DDR die mit ihren Erker-ähnlichen Ausbuchtungen nur entfernt an die bürgerliche Architektur erinnern. Die Stimme erzählt, dass der berühmte Dirigent Arthur Nikisch hier gewohnt habe. Doch das sogenannte Märchenhaus wurde im Krieg zerstört, berichtet die Frauenstimme. Dann erzählt sie von Norma, die Enkelin eines Mediums, die hier wohnt. So zeigt sich schon in dieser ersten Station alles, was diesen Spaziergang ausmacht: die in die Stadt eingeschriebene Geschichte, Märchenmotive und surreale Begegnungen.

Es geht weiter durch den Torbogen, an dem früher das Künstlerhaus stand. Die Frauenstimme weist auf einen Gedenkstein für gefallene Soldaten hin und fordert dazu auf, den leeren Platz auf der Tafel mit den vergessenen Namen zu füllen. Von hier aus wandert das Publikum durch die Geschichte: Vorbei an einer zerstörten Synagoge die komplett unter einem Parkplatz verschwunden ist und an Gebäuden eines Leipziger Immobilienskandals der Nachwendezeit. Hin und wieder fordert die Frauenstimme die Spaziergängerinnen und -gänger auf, sich vorzustellen, durch barocke Gärten zu wandeln. Dann weist sie auf Narben im Gehweg hin, die von einer Granate stammen und erinnert an eine Verhandlung gegen Karl Liebknecht im heutigen Bundesverwaltungsgericht.

Impressionen von Tempus-Wow
Gedenkstein am Nikischplatz Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

"Tempus-Wow" entstand im Rahmen der Koproduktion "1984: Back to No Future" des Performance-Kollektivs Gob Squad. Die Performance orientiert sich an dem berühmten Roman von George Orwell und nimmt dessen Dystopie als Folie. Doch wie so oft bei Gob Squad soll es nicht darum gehen, die Story nachzuerzählen. Die deutsch-britische Gruppe will mit dem Publikum in die Vergangenheit des Jahres 1984 reisen und von dort eine bessere Zukunft entwerfen. So reist eben auch Heike Geißler in eine (ihre?) Vergangenheit. Sie blickt auf Ernst Thälmann, den sie verehrte, auf Clara Zetkin, auf Marinus van der Lubbe, der sich als einziger im Prozess zum Reichtagsbrand 1933 als schuldig bekannte und auf Edeltraut Eckert, die sich gegen unmenschliche Behandlung in der DDR einsetzt.

Fantastische Momente

Impressionen von Tempus-Wow
Blick in die Manetstraße auf die von Geißler beschriebenen Eichenbäume Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

So wie sich die Geschichte in die Stadt eingeschrieben hat, so überschreibt die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler die Stadt mit ihrer eigenen Vorstellungskraft. Immer wieder heißt es "Es war einmal", wenn es um die Geschichte geht und wo wird Leipzig zugleich zu einem Märchenort, in dem die Eichenbäume zu Spindeln werden, ein Kunstwerk wird zu einem Spiel für Riesen und im Johannapark grüßen drei Parzen (Schicksalsgöttinnen der römischen Mythologie). Und immer wieder taucht Norma auf, deren Existenz zumindest fragwürdig ist.

Das Publikum wird so dazu angeregt auf Kleinigkeiten zu achten, was sonst in der Peripherie des Sichtfelds liegt, scharf zu stellen. Leider muss es das auch manchmal, da die Laufanweisungen nicht immer sehr genau sind, manchmal sogar etwas irreführend für Menschen, die Leipzig nicht so gut kennen: Da wird auf die Hinrichtung des legendären Woyzeck auf dem Marktplatz hingewiesen, ohne dass die Tour in den eigentlichen Stadtkern führt. Das Denkmal für Clara Zetkin wird genau beschrieben, doch dann stellt sich heraus, dass man schon vorher abbiegen muss.

Impressionen von Tempus-Wow
Clara-Zetkin-Denkmal in Leipzig Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Neuer Blick auf die Stadt

Der Audiowalk von Heike Geißler ist nicht kunstvoll produziert: Nur eine Frauenstimme, die die Spaziergängerinnen und -gänger begleitet, keine Klänge, keine Musik. Dafür ist der Text umso kunstvoller geschrieben: Das Schauspiel verspricht, dass man die Stadt neu kennenlernt und der Audiowalk löst dieses Versprechen ein. Der Blick des Publikums wird auf Details gelenkt, die sonst im geschäftigen Alltag untergehen und die Orte werden durch die Fantasie der Autorin mit neuer Bedeutung aufgeladen. Das ist das Ziel dieses Audiowalks.

Impressionen von Tempus-Wow
Der Simsonplatz vor dem Bundesverwaltungsgericht ist der Endpunkt des Audiowalk Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Es ist ein Platz mit viel Raum für Notizen, falls wir die Stadt nicht nur als Theater, von dem man nicht weiß, ob es gerade geöffnet oder geschlossen hat, sondern falls wir die Stadt als Notizheft verstehen, als sich entwickelndes Dokument, als Chatverlauf, dem es weder an Tränen noch Scherzen und Geläster mangelt.

aus: "Tempus-Wow"

Jede Stadt ist von der Geschichte geprägt und die Geschichte selbst hat sich in die Stadt eingeschrieben. Und jeder Einzelne kann sich selbst in die Stadt einschreiben, sei es, indem eine Skulptur zu einem Brettspiel für Riesen gemacht wird oder weil eigene Erinnerungen an Orte geknüpft werden. So macht "Tempus-Wow" Lust, Leipzig und andere Städte zu Fuß neu zu entdecken.

Mehr Informationen Der Audiowalk "Tempus-Wow. Die Tour der Möglichkeiten. We lift you up (Where you belong)" kann über die Seite des Leipziger Schauspiel heruntergeladen und selbstständig begangen werden.
Die Tour dauert je nach Gehtempo zwischen 45 und 60 Minuten.
Die Strecke ist ungefähr 2,2 Kilometer lang. Startpunkt ist der Nikischplatz, Endpunkt der Simsonplatz.

Theater im Corona-Lockdown

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Januar 2021 | 09:45 Uhr

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