Off Europa Tanz- und Performance-Festival in Leipzig, Dresden & Chemnitz: Eleganz, Improvisation und Provokation

Das Festival Off Europa verspricht eine absolut moderne Präsentation von Tanz, Theater und Performance. Dargeboten wird es vom 16. bis 22. Mai in gleich drei sächsischen Städten: Leipzig, Dresden und Chemnitz. Es hat den Anspruch, ein breites Spektrum der Bühnenkunst auf hohem Niveau darzubieten. In diesem Jahr gibt es u.a. traumwandlerischen Schönheit der Israelin Roni Chadash, konzentrierten Minimalismus des Polen Rafał Dziemidok und eine sechsstündige Improvisation der slowenischen Performance-Stars Leja Jurišić und Marko Mandić.

Fünf Tänzer auf der Bühne, daneben Publikum auf Stühlen
Das Festival Off Europa lenkt den Blick auf die zeitgenössische europäische Bühnenkunst Bildrechte: Efrat Mazor

Theater, Tanz und Performance bietet das Off Europa-Festival vom 16. bis 22. Mai in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Mit "Kunststücke" ist der mittlerweile 31. Durchlauf überschrieben. Insgesamt 18 Aufführungen sollen den Ruf als Festival für außergewöhnliche europäische Bühnenkunst untermauern.

Festival ist bewusst Unkonventionell

Eine Programm-Bandbereite "zwischen Experiment und ausgearbeiteten Konzept, Neuentdeckung und Welterfolg" verspricht Festival-Initiator und Kurator Knut Geißler und bleibt damit einer bewährten Off-Europa-Ausrichtung treu.

Ist dieses Festival doch seit jeher angetrieben von der umfänglichen Suche nach einer Bühnenkunst, die sich außerhalb des Gewohnten positioniert, das Konventionelle meidet, festgefügte Erwartungen sprengt, andere Blickwinkel riskiert - und sich somit an ein Publikum wendet, das Lust hat, überrascht, gefordert, auch mal irritiert oder provoziert zu werden. Das ist das Versprechen, das Off Europa jedes Mal aufs Neue gibt und selbst in künstlerisch schwächeren Jahrgängen zu halten vermochte.

Eine nackte Frau in der Hocke, um sie leere Trinkgläser
"Am I in the picture?" ("Bin ich im Bild?") fragt Zuzana Kakalíková von der Compagnie TDU in ihrer Performance Bildrechte: Katarina Baranyai

Fokus auf Tanz und Performance auf hohem Niveau

Was freilich auch daran liegt, dass seit jeher ein grundlegendes Off Europa-Merkmal erst einmal ganz simpel das rein handwerklich hohe Niveau ist, das die jeweils gezeigten Inszenierungen auszeichnet.

Eine Frau wehrt mit den Händen einen sanften Boxschlag eines Mannes ab
Leja Jurišić & Marko Mandić performen beim Off Europa eine sechsstündige Improvisation, was auch die Künstler an ihre Leistungsgrenzen bringen könnte Bildrechte: Matija Lukić

Und das gilt dezidiert auch für die jetzt zu sehenden "Kunststücke". Wirft man einen Blick auf diese, lässt sich eine Fokussierung auf Tanz und auf Inszenierungen im Grenzbereich zwischen Tanz/Performance konstatieren. Das ist bei Off Europa nun wahrlich nicht neu, offenbart aber im konkreten Fall zudem noch eine augenfällige Ausrichtung hin zum artifiziellen Form-Spiel, zur Lust an der künstlerischen Abstraktion wie der körperlichen Unmittelbarkeit.

Körperspiel zwischen Intensität und Eleganz

Die israelische international renommierte Choreografin und Tänzerin Roni Chadash ist gleich mit drei exemplarischen Arbeiten zu erleben. "Chapter of Joy", "Ani-Ma" und "Me and all oft hat body" sind Stücke, die, in aller Unterschiedlichkeit, von einer traumwandlerischen Schönheit, einem Körperspiel zwischen Intensität und Eleganz getragen sind.

Eine Frau in ungewohnter Körperhaltung auf dem Boden, die Hände neben den Ohren
Die Tänzerin Roni Chadash vermittelt in ihren Performances ungewohnte Körpererfahrungen – die auch für die Zuschauer einen spannenden Perspektivwechsel bringen Bildrechte: Itzhak Eitan

Was auf seine ganz eigene Art auch auf die Arbeiten von Hódworks zutrifft, der gegenwärtig wohl wichtigsten und stilprägendsten ungarischen Tanzcompany. Geißler verspricht hier "expressive Solos eines radikal persönlichen Bewegungsvokabulars". Ein solches bietet auch das Stück "Out of Season" des Polen Rafał Dziemidok, der in seiner Performance der musikalisch sinnlichen Überfülle von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" einen Tanz konzentrierten Minimalismus' entgegensetzt.

Fotos inspirieren Performance

Zeit, Vergänglichkeit, Wiederkehr, Verschleiß - wo Dziemidok sich diesen Themen mit Vivaldis Musik annähert, nutzt die aus der Slowakai stammende und in der Schweiz lebende Künstlerin Zuzana Kaliková ihrerseits Arbeiten der amerikanischen Fotografin Francesca Woodman (1958-1981) als Folie für eine Performance, die eine hypnotische Abfolge lebender Bilder, spröde und poetisch zugleich, erschafft.

Eine Mann in einer Art weißer Toga in einer Galerie
Der 1971 geborene Tänzer, Schauspieler und Choreograph Rafał Dziemidok bei einer Aufführung von "Out of Season - Undancing Vivaldi" Bildrechte: Festival Off Europa/Grit Friedrich

"Mutanfall" mit slowenischen Performance-Stars in Dresden

Komplex, fordernd, anregend ist das Festival - man muss es wohl dazu sagen: für ein Publikum, dass Kunst gern "niedrigschwellig" mag, ist Off Europa eher ungeeignet. Was sich in diesem Jahr am markantesten an "Together" zeigt, einem Stück der aus Slowenien stammenden Performance-Stars Leja Jurišić und Marko Mandić.

Eine Frau in einer Badewanne untergetaucht
"V.I.P. - Very Isolated Person" ist der Titel der Performance des Deutschen Staatstheaters Temeswar aus Rumänien Bildrechte: Matteo Maffesant
Ein Mann schaut zum Betrachter, die Arme nach vorn gestreckt und die Handrücken aneinandergehalten
Márcio Canabarro in "Szólók / Solos" von der ungarischen Tanzcompagnie Hódworks Bildrechte: Dániel Dömölky

Dieses ist eine Verteidigung des Wahnsinns der Kunst auf offener Bühne: Sechs Stunden reiner Improvisation über den Himmel und die Hölle der Liebe, des Zusammenseins. Ein Duett der nicht nur körperlichen Totalverausgabung. Kurator Geißler betont, dass es "wegen des Organisationsaufwandes und seiner Einzigartigkeit geradezu ein Mutanfall für das Festival" sei. Und auch mit Rücksicht auf die Künstler sei "Together" leider nur einmal zu sehen. Nach reichlicher Überlegung, fiel die Entscheidung für das Zentralwerk in Dresden.

Das Festival Off Europa – "Kunststücke"
Bühnenkunstfestival

16. bis 22. Mai 2022

Achtzehn Aufführungen in Leipzig, Dresden und Chemnitz

Künstlerinnen und Künstler:
Roni Chadash Dance Projects (Israel), Olga Török / Teatrul German de Stat Timișoara (Rumänien), Rafał Dziemidok (Polen), Zuzana Kakalíková / Compagnie TDU (Slowakei, Schweiz), Grupa Coincidentia, Lehmann und Wenzel, Wilde & Vogel (Polen, Deutschland), Hódworks (Ungarn), Vojta Švejda (Tschechien), Leja Jurišić & Marko Mandić (Slowenien), Silvia Gribaudi (Italien)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2022 | 17:10 Uhr

Mehr MDR KULTUR