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Seit zehn Jahren wird im Leipziger Horns Erben in Form von Improvisationstheater die Geschichte des Kneipiers Adolf Südknecht erzählt. Bildrechte: Robert Amarell

"Adolf Südknecht" im Horns Erben

Wie ein Leipziger Impro-Theater durch die Geschichte reist

von Ole Steffen, MDR KULTUR

Stand: 02. Mai 2021, 04:00 Uhr

Seit zehn Jahren wird in der legendären Gaststätte Horns Erben in Leipzig die Geschichte des Kneipiers "Adolf Südknecht" erzählt. Die Figur ist angelehnt an Wilhelm Horn, den Gründer der ursprünglichen Weinstube. Bis auf den groben Handlungsstrang sind dabei immer alle Dialoge improvisiert. Normalerweise wird das Publikum im Barraum des Horns Erben automatisch zum Teil der Bühne. Doch wie funktioniert das Ganze zu Corona-Zeiten – und wie haben die Macher zehn Jahre Improtheater gemeinsam erlebt?

"Die Südknechts sind wie eine Ersatzfamilie geworden, in die wir eintauchen und die uns in manchen Momenten auch Geborgenheit schenkt", schwärmt Claudius Bruns, der Leiter der Leipziger Gaststätte Horns Erben im Gespräch mit MDR KULTUR. Vor zehn Jahren entstand die Idee dazu gemeinsam mit dem Schauspieler Armin Zarbock, der Adolf Südknecht verkörpert.

"Wir könnten doch etwas machen über die Geschichte des Horns – die Geschichte der Familie, die das Horns Erben tatsächlich historisch betrieben hat", erinnert sich Bruns an den Moment der Entstehung, "und daraus hat sich dann die Idee entsponnen, das in Adolf Südknecht umzuwandeln und diese Geschichte dann regelmäßig als Theaterstück aufzuführen".

Gaststättenleiter Claudius Bruns und Schauspieler Armin Zarbock hatten vor zehn Jahren die Idee zum Theaterstück. Improvisator August Geyler (v.l.n.r.) spielte von Anfang an mit. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Zur Geschichte des Horns Erben

Das Horns Erben wurde 1923 als Spirituosenfirma gegründet. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Mit 24 Jahren gründete Wilhelm Horn seine Spirituosenfirma, die im Winter 1923 ins Handelsregister der Stadt Leipzig eingetragen wurde. Drei Jahre später kaufte er eine alte Sektkellerei in der Arndtstraße 33 in der Leipziger Südvorstadt. Dort steht das Horns Erben bis heute.

Während im Keller die Spirituosen produziert wurden, schenkte man oben Schnaps, Weine und Liköre aus. Horns Weinstube war bis 1972 das Aushängeschild von insgesamt 46 Filialen. In der DDR wurde die Gaststätte schließlich enteignet und 1991 ein letzter Neustart versucht.

2004 entdeckten vier Studenten die historischen Räumlichkeiten und eröffneten das Lokal als Horns Erben neu. Bis heute geblieben ist ein kleiner Fabrikverkauf aus dem Hause Wilhelm Horn.

Quelle: Horns Erben Kultur e.V.

Improvisationstheater als Seifenoper

Armin Zarbock spielt seit zehn Jahren den Kneipier Adolf Südknecht. Die Herausforderung: Bis auf den groben Handlungsstrang sind alle Dialoge improvisiert. Das bedeutet für ihn und das Ensemble, sich so viel wie möglich Hintergrundwissen zur Rolle, aber auch zur Historie anzueignen. Wenn dann auf der Bühne alles gut läuft, überrascht sich der Schauspieler schon einmal selbst.

Ich bin manchmal erstaunt, dass es nicht ist, dass ich die Figur spiele, sondern die Figur spielt mich.

Armin Zarbock, Schauspieler

Die Schauspieler Armin Zarbock und August Geyler zum Interview mit MDR KULTUR am Leipziger Fockeberg. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Auch der Schauspieler August Geyler ist von Beginn an dabei und zwar in der Rolle des Gehilfen Friedrich Krause. "Das Projekt hat mich verändert in einer Weise, dass ich es jetzt gar nicht mehr aufhören kann", so der Schauspieler. Es sei für ihn das interessanteste Projekt der vergangenen zehn Jahre. Wir sprechen am Fuß des Fockebergs in Leipzig miteinander – nahe des Horns Erben.

Als Spezialist für Improvisation weiß August Geyler um die Energie des Augenblicks, die entstehen kann, wenn Menschen – wie im Barraum des Horns Erben – quasi Teil der Bühne sind. So kann es mitunter vorkommen, dass manch einer kaum an sich halten kann, wenn Adolf Südknecht und sein Kompagnon das Publikum mit auf Zeitreise nehmen.

"Als wir 1946 spielten, hatten wir einen Zuschauer dabei, der die Nachkriegszeit offensichtlich als Soldat erlebt hatte. Und der hat dann mehrfach insistiert und gegen das Vergessen argumentiert", so Geyler. "Die Figuren aber taten, was man nach dem Krieg tat, denn sie waren gerade dabei, alle sehr schön zu verdrängen."

Episoden während Lockdown auf Youtube

Jetzt aktuell, da man die Geschichte in der DDR-Zeit spiele und inzwischen immer mehr Augenzeugen potenziell im Publikum seien, entstehe die Interaktion zwischen Publikum und Ensemble sehr viel häufiger noch als am Anfang. Doch die Auftritte finden natürlich im Moment ohne Publikum statt. Gleichwohl finden die Folgen eine Zuschauerschaft - und zwar auf Youtube.

Bereits in der Vergangenheit habe man einige Auftritte mitgezeichnet – diese werden nun zusammen mit neuen Folgen online in Bild und Ton veröffentlicht. "Es ist ein richtiger Auftritt, aber unter ganz veränderten Bedingungen", bilanziert Claudius Bruns dazu.

Die Spannung fehlt, die Reaktion fehlt, die Aufregung fehlt. Es ist schrecklich. Es ist eine sterilere Atmosphäre. Man kriegt nicht diesen Zusammenhalt. Man muss es stärker behaupten und erstaunlicherweise ist es uns trotzdem gut gelungen.

Claudius Bruns, Leiter des Horns Erben

Das liegt auch an der Leidenschaft, die das Ensemble seit Jahren für das Herzenzprojekt verbindet. Da befeuert man sich eben auch ohne Publikum in der Spielfreude. Die drei hoffen nun auf einen lockeren Sommer und ein besonderes Open-Air-Event. Denn anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus wird auch Adolf Südknecht diesen historischen Tag in einer authentischen Kulisse erleben. Wo genau, das soll vorerst eine Überraschung bleiben.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. Mai 2021 | 08:10 Uhr