Lofft Theater Tanzen im Rollstuhl: Die inklusive Forward Dance Company aus Leipzig

Im letzten Jahr hat sich am LOFFT – DAS THEATER in Leipzig eine internationale, professionell arbeitende mixed-abled Company für zeitgenössischen Tanz etabliert, in der Menschen im Rollstuhl mittanzen. Für Sachsen und seine Kunstszene ist die Profi-Company ein wichtiger Meilenstein in Sachen Inklusion und Diversität. Gleich zwei Stücke der Forward Dance Company haben in diesen Tagen Premiere.

Schauspieler auf der Bühne 4 min
Bildrechte: Thomas Puschmann

Sechs Tanzende bewegen sich zur Musik durch den Raum, jeder und jede im eigenen Stil, wild gestikulierend, leichtfüßig, ballett- oder roboterhaft. Dann hilft Renan routiniert Lisa aus ihrem Rollstuhl. Sie tanzen sich windend am Boden weiter. In der Szene spricht man von mixed-abled – auf Deutsch "unterschiedlich fähig", wenn Tänzerinnen und Tänzer mit und ohne Beeinträchtigung zusammen im Rampenlicht stehen, wie bei der Forward Dance Company aus dem Leipziger Theater Lofft.

Professionell Tanzen mit Rollstuhl

Choreograf Nir de Volff wählte seine Crew für den zeitgenössischen Tanz gezielt aus. Man müsse viel Energie und Kraft haben, aber auch einen starken Charakter, erklärt er. Der gebürtige Israeli holte auch die Leipzigerin Lisa Zocher ins Boot. Zehn Jahre tanzte sie zuvor auf Amateurniveau im Tanzlabor Leipzig.

Schauspieler auf der Bühne
Tanzperformance mit Rollstuhl Bildrechte: Thomas Puschmann

"Tanzen hat ganz viel mit Freiheit zu tun, und auch Sachen auszuprobieren, neue körperliche Möglichkeiten zu entdecken," erzählt die 23-Jährige. Jetzt macht sie ihre Leidenschaft zum Beruf, doch anfangs fragte sich Zocher, ob sie wirklich zur Company passte. Sie absolvierte nie eine richtige Tanzausbildung. Wie auch? Es gibt sie kaum für Menschen wie sie, die durch eine Spastik seit ihrer Geburt im Rollstuhl sitzt. Doch inzwischen begreift sie ihren Körper als Kunstform: "Dieses Gefühl zu haben, dass meine Beeinträchtigung mit dazugehört und es darum geht, dass ich eben nicht so tanze wie alle anderen und dass das zusammenkommen soll in diesem Projekt, das ist eigentlich der Punkt, auf den ich mich immer wieder fokussiere."

Tanzen hat viel mit Freiheit zu tun und neue körperliche Möglichkeiten zu entdecken.

Lisa Zocher, Tänzerin, sitzt durch eine Spastik seit ihrer Geburt im Rollstuhl

Die Tänzerin Cordelia Lange steht seit vielen Jahren als Profi auf der Bühne, aber es ist ihre erste mixed-abled Company. Plötzlich wurden Dinge in Frage gestellt, die selbstverständlich waren. Welches Aufwärmtraining wird gemacht? Wie lange kann geprobt werden? Und was ist tänzerisch zusammen möglich? "Für mich als Tänzerin mit unversehrtem Körper sage ich mal, ist es eine Riesen-Bereicherung," erzählt sie. "Was den physischen Aspekt angeht, habe ich das Gefühl, dass ich meinen eigenen Körper jetzt auch noch mal anders wahrnehme und so gemerkt habe, was ich für Berührungsängste habe."

Schauspieler auf der Bühne
Das Bühnenbild ist dezent, es dominiert die Farbe Weiß Bildrechte: Thomas Puschmann

Profi-Company statt Hobby oder Sozialtherapie

Das Kennenlernen der Crew im Herbst 2020 wurde durch die Pandemie sehr erschwert. Es galten: kein Körperkontakt, nicht anfassen, auf Abstand tanzen. So entstand die erste Produktion unter dem Titel "Wir" – eine Entdeckungsreise, die Sehnsüchte, Ängste und Kämpfe widerspiegelt. In blumigen Kostümen und mit poppiger Musik zeigt sich dagegen das aktuelle Stück "Joy". "Joy" reflektiert die Zeit nach der Pandemie, die damit verbundene Hoffnung und Freude.

Für Sachsen und seine Kunstszene ist diese Profi-Company ein wichtiger Meilenstein. Lofft-Geschäftsführerin Anne Cathrin Lessel arbeitete jahrelang darauf hin: "Für uns war es ausschlaggebend, wirklich zu sagen, wir wollen es aus der Hobby- und Freizeit-Schiene und vor allem aus dem sozialtherapeutischen Kontext holen. Denn auch freie Kunst für Menschen mit Einschränkungen ist professionelle Arbeits-Kunst." Das verdient Anerkennung. Auch wenn die Aufführungen gewohnte Sehweisen und Erwartungen irritieren – sich darauf einzulassen, lohnt sich.

Mehr Informationen "Wir"
Premiere am 10. Juni, 20 Uhr
Wiederholung am 11. Juni, 20 Uhr

"Joy"
Premiere am 12. Juni, 20 Uhr
Wiederholung am 13. Juni, 18 Uhr

Choreografie: Nir de Volff
Besetzung: Mouafak Aldoabl, Simone Camargo, Cordelia Lange, Iñigo Laudio, Renan Manhães, Lisa Zocher
Künstlerische Projektleitung: Gustavo Fijalkow

Karten können am besten online erworben werden.

Hygienehinweise:
Der Zutritt ist nur mit einem offiziellen Nachweis über ein tagesaktuelles, negatives Corona-Testergebnis möglich (durchgeführt in einem offiziellen Testzentrum). Ein Nachweis über eine vollständige Impfung gegen Covid-19 (14 Tage nach Zweitimpfung) oder Bescheinigung über eine überstandene Covid-19-Infektion (in den letzten sechs Monaten) ersetzt das notwendige negative Testergebnis. Das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes (OP- oder FFP2-Maske) ist verpflichtend. Die Kontaktdatenerfassung erfolgt über die Corona-Warn-App. Bitte die App, wenn möglich, vorab aufs Smartphone laden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juni 2021 | 12:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei