Interview Herausforderungen und Offenheit: Performerin Jana Zöll am Theater der Jungen Welt

Seit 2008 arbeitet Jana Zöll als Schauspielerin. Da sie wegen Glasknochen im Rollstuhl sitzt, wurde ihr von Anfang an viel Aufmerksamkeit zuteil. Sie war Gast an verschiedenen Bühnen und am Staatstheater Darmstadt engagiert. Sie zog schließlich nach Leipzig. Hier entdeckte sie das Tanzlabor Leipzig, wo sie das Kollektivs Polymora Inc. mitgründete. Am Theater der Jungen Welt ist sie nun für ein halbes Jahr Artist in Residence. Da sie als Risikopatientin gilt, kann sie nur von zu Hause aus arbeiten.

Jana Zöll sitzt vor einer grünen Wand in einem Rollstuhl.
Die Schauspieler Jana Zöll Bildrechte: Steven Solbrig

MDR KULTUR: Was ist das erste Theatererlebnis, das Sie geprägt hat? 

Jana Zöll: Es ist das Selberspielen gewesen. Ich habe schon in der Grundschule in einer Theater AG mitgemacht. Ich glaube, wir haben als Erstes einen Sketch für die Kinderkarnevalssitzung erarbeitet. Ich war ein Kind, das immer gerne viel Geschichten erzählt hat und dadurch bin ich da hingekommen. In den späteren Theater AG-Erfahrungen war es ein Erleben von Dabeisein, Beitragen, Miteinander machen und erzählen. 

Und dieses gemeinsame Erleben ist immer noch das Wichtige am Theater für Sie? 

Im Vergleich zur Kindheit und Jugend bin ich da etwas desillusioniert. Aber was man mit Theater kann, ist natürlich, etwas zu erzählen, Perspektiven zeigen. Es ist immer noch mein Weg, mich in die Gesellschaft, in die Menschheit einzubringen. 

Neben Ihrer Arbeit als Schauspielerin unterstützen Sie Theater auch als Inklusionsberaterin. Was ist Ihnen dabei wichtig? 

Das ist ein Standbein, das ich mir gerade noch zusätzlich aufbaue, und ich bin noch nicht so drin. Aber für mich ist Inklusion einfach eine Frage der Grundhaltung im Umgang miteinander. Das versuche ich in die Theaterarbeit auf allen Ebenen einfließen zu lassen. Das Schwierige daran ist, dass wir nicht gelernt haben, uns zu begegnen. Das hat am Ende nichts mit Behinderung und Nicht-Behinderung zu tun, denn wir haben das alle nicht gelernt. Deswegen ist es auch für alle schwierig. 

Sie sind für ein halbes Jahr Artist in Residence für das Format "Challenge accepted". Aber vorher haben Sie schon begonnen den inklusiven Kids Club mit anzuleiten. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? 

Als ich für das Format "Challenge accepted" angefragt wurde, habe ich auch von dem inklusiven Kids Club erfahren. Da meinte ich, dass es in der Leitung auch eine Person mit Behinderung bräuchte – als Rolemodel. Diese Idee fanden sie scheinbar gut. Ich finde es wichtig, dass die Kinder das auch von Anfang an wahrnehmen: Die Menschen mit Behinderung sind nicht nur diejenigen, die – blöd gesagt – Bespaßung empfangen, sondern die auch an verantwortlichen Positionen sein können. Leider konnte ich am Anfang nicht dabei sein, weil ich Risiko-Patientin bin und man bei Kindern den Abstand nicht immer gewährleisten kann. Aber inzwischen war ich bei einigen Online-Treffen dabei. 

Die Idee von "Challenge accepted" ist, dass Sie vier Performances für verschiedene Zuschauergruppen vorbereiten. Für die Umsetzung Ihrer Ideen haben Sie eine Woche Zeit und dann wird es gezeigt. Was haben Sie sich denn vorgenommen? 

Jana Zöll sitzt vor einer grünen Wand in einem Rollstuhl.
Jana Zöll im Kostüm Bildrechte: Steven Solbrig

Am ersten Abend, der sich an Jugendliche um die 16 Jahre richtet, soll es um Identität gehen. Das mache ich sehr an mir selbst fast – das ist ja naheliegend beim Thema Identität. Für das Stück für die Zehnjährigen habe ich beim Kids Club genau hingehört, was die erzählen. Was ist denen wichtig, wie erzählen die? Da habe ich gemerkt: Die sind sehr in diesen Fantasy-Welten unterwegs. Daran kann ich doch anknüpfen. Es gibt eine Fantasy-Geschichte, die ich in dem Alter sehr geliebt habe. Ich habe überlegt, eine Art Erzähl-Theater zu machen, bei dem auch meinen Bezug zur Geschichte erzähle. Für das Familienstück denke ich darüber nach, mit Groß und Klein zu spielen: Was macht das mit einer Personen, die ganz groß ist und alles ist ganz klein. Und umgekehrt: Die Person ist ganz klein und alles ist groß. Wo trifft man sich da. Ich denke, das beschäftigt Familien. Bei dem Stück für die ganz Kleinen habe ich eine Mischung vor aus Tanztheater über zwei Wesen, die sich begegnen. Das will ich aber erst aufführen, wenn wir alle in einem Raum sein können. Denn die Challenge, die ganz unerwartet kam, ist auch wieder diese Corona-Situation: Dass ich gerade alles alleine mache nur mit Rückmeldung über Zoom. Ich habe einen 20 Quadratmeter großen Raum, in dem ich lebe, denke, Sache verstaue für verschiedene Performances, probe, aufführe. Schon diese verschiedenen Funktionen eines Raumes machen die Wohnung eng. 

Für das Thema Identität kann das aber auch spannend sein. 

Diese Idee ist auch am ehesten in dieser Zeit entstanden. Weil das gerade auch sehr relevant ist, gerade in Bezug auf das, was ich kurz im Abend thematisiere: Dass im Grunde gerade ein neuer Identitätsfaktor "Risikogruppe" dazukommt und was der so ausmacht. 

Was ist denn das Reizvolle für Sie, jetzt auch Theater für Kinder zu machen? 

Gerade in Hinblick darauf, dass das Bildungssystem gerade versäumt, dafür zu sorgen, dass alle Kinder miteinander aufwachsen, kann Kinder- und Jugendtheater das ein wenig kompensieren. Es kann ein Zusammenbringen stattfinden lassen und andere Perspektiven erfahrbar machen. Je früher das passiert, desto natürlicher wird das im Verlauf eines Lebens und in der Gesellschaft – dieses Anerkennen von Unterschiedlichkeit als Gemeinsamkeit.  

Jana Zöll streckt ihre Hände beschwörend nach vorne.
Jana Zöll in einer Szene Bildrechte: Steven Solbrig

Was denken Sie, ist die größte Schwierigkeit, wenn man vor so einem jungen Publikum spielt?

Ich weiß gar nicht, ob es da eine besondere Schwierigkeit gibt. Ich habe selber noch nicht viele Stücke für Kinder oder Jugendliche kreiert. Aber mein Erleben als Schauspielerin war, dass Kinder diese Offenheit noch mehr haben. Mein schönstes Erlebnis diesbezüglich war, dass ich in Darmstadt in "Mio, mein Mio" die Hauptrolle gespielt habe. In den ersten zehn Minuten ging ein Raunen durch die Reihen. Die mussten erstmal einordnen, dass die Schauspielerin des Mio anders aussieht, als sie es gewohnt sind. Aber gegen Ende, als Mio Ritter Kato besiegt, war denen das total egal. Die haben nur gefeiert, dass Mio den Ritter Kato fertigmacht. Die paar Rückmeldungen von Eltern, die ich bekommen habe, waren: Die Kinder haben das gar nicht erzählt. Das war für die nicht mehr relevant, dass Mio im Rollstuhl fuhr. Da tun sich Erwachsene schwerer mit. Aber Kinder haben noch nicht so feste Kategorien, was ein "normaler" Körper ist. 

Es geht in Ihrer Arbeit auch viel um Inklusion. Wie sehr nervt es Sie auch, das immer wieder thematisieren zu müssen?

Unfassbar! Ich bin mit meinem Abend, den ich gerade vorbereite, in genau diesem Dilemma. Mir gehen die Diskussionen auf die Nerven, um Identität, Inklusion und Diversität, hier noch was und da ist noch jemand, der sein besonderes keine Ahnung was hat und eine eigene Szene will. Das ist unfassbar anstrengend. Ich denk mir so, lasst mich doch einfach mal Jana sein. 

Das Interview führte Thilo Sauer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2021 | 07:40 Uhr

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