60. Geburtstag Leipziger Comedienne Katrin Weber kritisiert Jugendwahn

Kabarett-Kollegen wie Tom Pauls oder Bernd-Lutz Lange sind fasziniert von ihrer Wandlungsfähigkeit: Eben noch die Frau, die sich völlig daneben benimmt, ist sie im nächsten Moment ganz Diva. Katrin Weber gilt als sächsisches Bühnenwunder und wohl populärste Comedienne des Ostens. Eine Frau, die keine Angst vor brachialer Komik hat und davor, vor der Kamera oder auf der Bühne mal nicht attraktiv auszusehen. Am 15. Januar feierte die in Plauen geborene Sängerin und Schauspielerin ihren 60. Geburtstag. Das sei mehr als eine Zahl, gesteht sie im Interview bei MDR KULTUR und kritisiert "krampfhafte Verjüngungskuren", die sich Medienanstalten immer noch verordneten.

Katrin Weber, die Arme unter dem Kopf auf einer Bar abgelegt.
Geborene Komödiantin und Entertainerin: In ihrer Late-Night-Show aus dem Leipziger academixer-Keller zeigt Katrin Weber auch ihre Qualitäten als Sängerin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unfreiwillig komisch, so beschreibt Katrin Weber sich selbst. Mit Humor und Selbstironie nimmt die wohl populärste Comedienne des Ostens ihren 60. Geburtstag: "Man ist jetzt Risikopatient", sagt sie im Gespräch mit MDR KULTUR lachend. Weniger amüsant findet sie die Aussicht, "jetzt voll in dieser Schublade – 'die Alten' – drinzustecken". Auch in professioneller Hinsicht. Vor allem Frauen treffe die "krampfhafte Verjüngungskur", die sich gerade Medienanstalten immer noch selbst verordneten, sodass sich schon 30-Jährige zu alt fühlten: "Es wird sehr schnell aussortiert, und das gefällt mir überhaupt nicht." Sogar die viel kritisierte Modebranche sei da heute weiter.

Keine Angst, nicht schön auszusehen

Als Komödiantin vor der Kamera oder auf der Bühne mal nicht schön auszusehen, sondern so derangiert wie es die Rolle vielleicht erfordert, davor hat sich die Vogtländerin nie gescheut. Allerdings gesteht sie, habe sie sich selbst schon gefragt, wie lange sie das noch könne: "Wenn man weiß, man kann wieder zu einem 'Normalzustand' zurückkehren, dann kann man sich auch furchtbar hässlich machen." Vielleicht fühle sie sich da irgendwann zu alt dafür. Das wäre dann aber ihre Entscheidung.

Die Kabarettistin Katrin Weber im Kabarett "academixer" in einer Szene aus dem Programm "Das wird nie was".
Katrin Weber im Leipziger Kabarett "academixer" mit dem Programm "Das wird nie was", das sie gemeinsam mit Bernd-Lutz Lange spielte. Bildrechte: dpa

Stimmkrise im Gesangsstudium: "Frau Weber, Sie können auch sehr schön malen"

Das Publikum feiert die gebürtige Plauenerin, die in Leipzig und Chemnitz lebt, für ihre Fähigkeit, sich und ihre oft nicht ganz schmerzarmen Missgeschicke selbst auf die Schippe zu nehmen. Sie scheint die geborene Komödiantin zu sein, ihre berufliche Laufbahn startete sie als ausgebildete Sängerin. Dabei hatte sie ein Berufsberater in der Schule komplett verunsichert, wie sie sich im Gespräch mit MDR KULTUR erinnert: "Er meinte: 'Sängerin – das sei ja wohl kein Beruf.'"

Nach der Abfuhr lernte sie erstmal Schneiderin, bewarb sich dann aber mit Erfolg an der Dresdner Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber". Anders als erhofft, sollte aus ihrer Stimme doch kein großer dramatischer Sopran werden. Katrin Weber kann sehr schön die Gesangspädagogin zitieren, wie sie traurig fragte: "Frau Weber, was sollen wir nur mit Ihnen machen? Sie können ja auch sehr schön malen."

Dass im dritten Studienjahr das Fach Musical/Chanson neu eingerichtet wurde, beschreibt Katrin Weber als ihre "Rettung". Sie überstand die Stimmkrise und ging am Ende sogar gestärkt daraus hervor. Sie erreichte 1986 beim offiziellen Einstufungstest für die Absolventen aller Musikhochschulen die höchste Punktzahl, gewann ein Jahr später beim Nationalen Opernsängerwettbewerb im Fach Musical/Chanson und wurde 1991 beim Bundesgesangswettbewerb im Berliner "Theater des Westens" mit dem Franz-Grothe-Preis ausgezeichnet.

In die Arme des buckligen Riff Raff (Andre Eckner) fällt Magenta (Katrin Weber), das Pärchen Brad (Bello Bürgi/1.v.r) und Janet (Rose-Maria Vischer/2.v.r.) sind nach einer Autopanne einem schaurigem Szenario ausgesetzt.
Katrin Weber als Magenta in der "Rocky Horror Picture Show" am Theater Altenburg-Gera (1997) Bildrechte: dpa

Von der Musical- auf die Kleinkunst-Bühne

Von ihrer bühnenkünstlerischen Ausbildung profitiert sie auch als Comedienne. Dass sie mit Erfolg ins komische Fach wechselte, verdankt sie ihrer natürlichen Begabung, die sich ebenfalls schon in Schulzeiten zeigte. So kaschierte sie vermeintliche Mängel: "Ich war der Klassenclown. Ich hatte nichts anderes zu bieten, war weder sexy noch schön oder reich, hatte auch keine Westverwandten: "Die mit den Riesenfilzstiftpackungen, Matchbox-Autos und Kaugummibildern waren die Kings in der Klasse."

Nach dem Studium trat sie in Musicals wie "My Fair Lady", "Cabaret" oder "Evita" auf, später auch noch in der Uraufführung von Günther Fischers "Jack the Ripper". Das war 2019 und eigentlich schon nach ihrer "Musical-Zeit". Eine Zyste an den Stimmbändern hatte eine Operation erforderlich gemacht: "Das absolute Aus für eine Sängerin oder einen Sprecher." Nicht für sie.

1988 bis 1997 war sie am Theater in Altenburg-Gera engagiert und hatte auch andernorts Gastauftritte. Über die Arbeit am Theater und in Soloprogrammen auf Kreuzfahrtschiffen entdeckten Regisseure, das Publikum und sie selbst ihr komisches Talent für die Kleinkunst-Bühne. Ende der 90er-Jahre begann sie, mit den Kabarettisten Tom Pauls und Bernd-Lutz Lange zusammenzuarbeiten. Aus beiden wurden "sensationelle Partner".

Tom Pauls als Ilse Bähnert mit Katrin Weber.
Tom Pauls als Ilse Bähnert mit Katrin Weber. Mit dem Kabarettisten verbindet sie eine lange Zusammenarbeit. Bildrechte: MDR/Körbler

Runder Geburtstag: Keine Geschenke, aber großes "SOLO" in Dessau

Erste Erfolge feierte sie 1999 gemeinsam mit Pauls und dem immer noch ausverkauften Kult-Stück "Schwarze Augen – Eine Nacht im Russenpuff", einer Mischung aus Revue und Estrade. Ab 2004 stand sie mit dem Leipziger Kabarettisten Bernd-Lutz Lange im Programm "Das wird nie was" auf der Bühne. Ihn fasziniert Webers Wandlungsfähigkeit: Eben noch die Frau, die sich völlig daneben benimmt, sei sie im nächsten Moment ganz die Diva.

2014 erschien Katrin Webers erstes Soloalbum "Ich würd’ dich gerne wieder siezen", produziert von Tobias Künzel. Im MDR-Fernsehen moderiert sie u.a. ihre eigene musikalische Late-Night-Show, in der sie zuletzt Gregor Gysi und Uta Schorn zu Gast hatte. Ihre Autobiografie veröffentlichte sie unter dem Titel "Sie werden lachen", geschrieben hat sie sie gemeinsam mit Autor Stefan Schwarz. Sie nennt das Buch, das es sogar auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte, eine chronologische Aneinanderreihung ihrer persönlichen Pannen. Ihre Karriere zeugt von, wie man heute zu sagen pflegt, Resilienz, Weber fasst sie hingegen so zusammen: "Mein Erfolg besteht aus aneinandergereihten Misserfolgen".

Katrin Weber und Bernd-Lutz Lange.
Katrin Weber und Bernd-Lutz Lange in einer MDR-Fernsehsendung Bildrechte: MDR/Heinrich

So möchte sie sich im neuen Lebensjahrzehnt nicht mit zu hohen Zielen stressen, das funktioniert für sie nicht, resümiert sie im Gespräch mit MDR KULTUR: "Ich habe noch nie gesagt: 'Ich will auf den Gipfel!' Ich habe immer gesagt: 'Ich gehe erst einmal bis zur Alm.'" Unterwegs will sie sich von altem Ballast befreien. So brauchte sie zum 60. Geburtstag auch keine Geschenke. Sie bat ihre Gäste nur, gute Laune mitzubringen. Wer Katrin Weber pur und im großen "SOLO" erleben will, dem bietet sich im Februar u.a. im Anhaltischen Theater Dessau die nächste Gelegenheit.

Das ganze Gespräch von Moderatorin Ilka Hein mit Katrin Weber hören Sie im MDR KULTUR-Café.
Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt

"Sie werden lachen": Katrin Weber auf der Leipziger Buchmesse 2017

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2023 | 12:00 Uhr

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