Interview Krystallpalast Varieté Leipzig feiert 25. Jubiläum mit großer Show

Mit einer großen Jubiläumsshow feiert das Krystallpalast Varieté in Leipzig im November 2022 sein 25-jähriges Bestehen. Der Krystallpalast ist eigentlich weit älter, wurde aber im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff im Dezember 1943 zerstört. Erst 1997 wurde er wieder aufgebaut. Der künstlerische Leiter des Krystallpalastes, Urs Jäckle, lässt zum 25-jährigen Jubiläum mit dem Programm "Glanzzeit" die 1920er-Jahre wieder aufleben. Im Interview spricht er über den Reiz des Vergangenen, die lange Tradition des Varietés in Leipzig und aktuelle Herausforderungen.

Mehrere Frauen und Männer mit schwarzen Hosen und weißen Hemden tanzen im Stil der 1920er-Jahre auf der Bühne.
Zum 25. Jubiläum zeigt das Krystallpalast Varieté Leipzig die Jubiläumsshow "Glanzzeit" und entführt das Publikum in die 1920er-Jahre. Bildrechte: PanRay Photographyyyy
Urs Jäckle 12 min
Bildrechte: Stefan Petraschewsky

MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.11.2022 16:10Uhr 11:32 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-krystallpalast-variete-leipzig-urs-jaeckle-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Urs Jäckle 12 min
Bildrechte: Stefan Petraschewsky
12 min

MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.11.2022 16:10Uhr 11:32 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-krystallpalast-variete-leipzig-urs-jaeckle-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

MDR KULTUR: Das Krystallpalast Varieté Leipzig feiert sein 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass haben Sie die Jubiläumsshow "Glanzzeit – Varieté der 20er-Jahre" auf die Bühne gebracht. Welche 20er-Jahre feiern Sie damit – die jetzigen oder die vor hundert Jahren?

Urs Jäckle: Sowohl als auch. Ich habe mich lange Zeit gewehrt, eine 20er-Jahre Show zu machen, weil es das Klischee des Varietés ist, was man nicht immer gerne bedienen möchte. Es gab aber immer wieder die Nachfrage von Gästen, die sich erkundigt haben, ob wir mal etwas in diese Richtung machen können.

Aber vor allem war es für uns auch eine Gelegenheit, uns mit der eigenen Geschichte insofern zu beschäftigen, als dass wir beispielsweise ins Stadtarchiv gegangen sind und geschaut haben, wer früher aufgetreten ist, wie die Shows damals aussahen und welcher Stil praktiziert wurde. Dazu haben wir auch mit dem Stadtgeschichtlichen Museum zusammengearbeitet. Das war eine schöne ästhetische Tür in das Thema 20er-Jahre hinein.

In Leipzig hat das Varieté eine lange Tradition. 1832 wurde in der Nähe des Hauptbahnhofs das Schützenhaus eröffnet, das leider nach 50 Jahren abbrannte. Dann entstand mit dem Krystallpalast ein großes Vergnügungsgelände mit prachtvollen Sälen, Restaurants, Bars und einer riesigen Bühne. Warum war das Varieté vor hundert Jahren so erfolgreich?

Eine Akrobatin vollführt Kunststücke in der Luft und hängt an einem vergoldeten Lampenschirm.
Julia Katharina Wutte vollführt in der Jubiläumsshow "Glanzzeit" Luftakrobatik, die das Publikum des Krystallpalast Varietés Leipzig staunen lassen wird. Bildrechte: PanRay Photographyyyy

Zum einen war die Zwischenkriegszeit sehr von den traumatischen Erlebnissen geprägt, die viele Menschen im Ersten Weltkrieg durchlebt hatten. Und zum anderen ist es so, dass das Varieté sozusagen als das Netflix seiner Zeit sehr viele unterschiedliche Schichten angesprochen hat. Sowohl die Intellektuellen als auch die Arbeiter interessierten sich dafür, sodass im Prinzip eine ganz große soziale und gesellschaftliche Durchmischung stattgefunden hat. Auch heute streben wir diese Durchmischung wieder an, und sie passiert auch häufig bei uns. Wir möchten uns allen gesellschaftlichen Schichten öffnen und über das Bildliche, über das Sinnliche erzählen. Insofern versuchen wir, die sehr grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisse nach starken Emotionen anzusprechen.

Eine unserer Aufgaben ist es, die Leute in eine andere Welt zu entführen und in eine Blase einzuladen, in der man sich für zwei Stunden leicht fühlen darf. Hier wird ein Stück weit das Schöne zelebriert, aber nicht immer nur flach, es geht manchmal auch ein bisschen in die Tiefe, insofern, als dass man berührt wird, dass man eine große Nähe zu den Akteuren spürt und starke Emotionen erlebt.

Der Krystallpalast wurde im Zweiten Weltkrieg beim Luftangriff im Dezember 1943 zerstört. Erst über ein halbes Jahrhundert später – im Jahr 1997 – wurde er wieder aufgebaut. War das Varieté zu DDR-Zeiten nicht wichtig?

Es gab auch nach dem Krieg immer Varieté und Varieté-Häuser, die weiter existiert haben. Viele wurden nach dem Zweiten Weltkrieg entweder zu Kinos umgerüstet oder bewegten sich eher in einer Rotlicht-Ästhetik, was manchmal auch jetzt wieder in Spielfilmen aufgegriffen wird. Letztlich gab es dann erst Mitte, Ende der 80er-Jahre in ganz Deutschland eine Art Varieté-Renaissance. Im Laufe der 90er-Jahre gab es um die 15 bis 18 Varietés, die in ganz Deutschland aus dem Boden schossen und die zum Großteil bis heute existieren.

Ein Gebäude mit einer großen Fensterfront, das die Aufschrift "Krystallpalast" trägt
Das Krystallpalast Varieté in Leipzig in der Magazingasse 4. Bildrechte: dpa

Warum das genau zu diesem Zeitpunkt passierte, darüber streiten sich die Varieté-Historiker. Ein Stück weit geht das sicherlich auch auf die Erneuerung des Theaters in den 60er- und 70er-Jahren zurück. Damals wollte man das Theater als eine elitäre Institution öffnen und die Leute auch durch verschiedene Theatermittel wieder in die Theater bringen. Und das Varieté kann man ja auch als eine Unterform des Theaters sehen.

Was war der Gedanke hinter der Neugründung des Krystallpalastes 1997 in Leipzig?

Zunächst muss ich sagen, dass ich nicht ganz von Anfang an dabei war, sondern erst zwei Jahre nach der Gründung dazu kam. Eine Idee war, dem großstädtischen Vergnügungshunger wieder etwas Neues zu geben und zwar einen Ort, wo man sich treffen konnte. Wie viele Orte gibt es denn, auf die sich zwei, drei Generationen einigen können? Ein Ort zum Ausgehen, der für mehrere Altersgruppen funktioniert. Das ist ein Gedanke, der bis heute noch wichtig ist. Dass die Großeltern mit ihren Enkeln, aber eben auch die Eltern mit ihren Kindern zu uns kommen können.

Und dass es ein Ort ist, wo man sehr viele Erlebnisse teilt. Es geht uns um ein geselliges Erlebnis. Wir haben ja nur 170 Plätze, man sitzt also ganz nah an der Bühne um kleine Tischchen herum, trinkt etwas zusammen, das hat etwas Intimes. Es geht also nicht nur darum, eine grandiose Bühnenshow zu konsumieren und dann am Schluss zu feiern oder die Artisten zu beklatschen, sondern eben auch gemeinsam etwas zu erleben.

Mehr Informationen zur Jubiläumsshow "Glanzzeit - Varieté der 20er-Jahre"
8. Oktober 2022 - 25. Februar 2023

Regie & Künstlerische Leitung: Urs Jäckle
Bühnenbild & Kostüme: Robert Schiller & Elisabeth Schiller-Witzmann
Musikalische Leitung: Daniel Varg
Choreografie: Julia Katharina Wutte

Künstlerinnen und Künstler:
Julia Katharina Wutte (Tanz, Luftakrobatik & Kontorsion), Mica Paprika (Glasbalancen), Stanislav Vysotskyi (Fußjonglage), Swing Delikatessen (Live-Musik), Emma Macpherson (Tanz und Luftakrobatik), Laura Liebeskind (Moderation & Gesang), Eve Diamond (Schwung-Seil), Jochen Schell (Kreiselkunst) und Eduardo Navas Algaba & Jarno Polhuijs (Schleuderbrett)

Adresse:
Krystallpalast Varieté Leipzig
Magazingasse 4
04109 Leipzig

Das Interview führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.
Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. November 2022 | 17:10 Uhr

Mehr MDR KULTUR