Gespräch Leipzig: Krystallpalast Varieté präsentiert neue Artistik-Talente

Die Artistinnen und Artisten der Newcomer-Show kommen aus der ganzen Welt und treten erstmals in einem deutschen Varieté auf. Der künstlerische Leiter Urs Jäckle betont, dass neben dem artistischen Handwerk vor allem die künstlerische Persönlichkeit sehr wichtig für das Leipziger Varieté ist. Wie viele andere Kulturstätten musste der Krystallpalast während der Pandemie schließen, das gesamte Publikum zurückzugewinnen, ist schwer. Doch Jäckle erklärt, dass es ein großes Bedürfnis nach Emotionen und starken Gefühlen gibt. Sein Haus setzt zudem auf die große Nähe zwischen Publikum und Bühne, etwas, dass das Varieté einzigartig macht.

Urs Jäckle 10 min
Bildrechte: Stefan Petraschewsky

MDR KULTUR: In der Newcomer-Show treten zwölf Acts aus elf Ländern auf. Was wird da zu sehen sein?

Urs Jäckle: Wir werden vor allem auch Genres zeigen, die man vielleicht nicht ganz so oft im Varieté sieht. Zum einen historische Disziplinen wie Hoop Rolling, also Reifen, die sehr geschickt auf dem Boden gerollt werden. Wir werden aber auch ein wunderbares Duett in einer Badewanne sehen, verbunden mit Luftakrobatik. Und wir haben zwei Beatboxer aus Frankreich. Insofern sieht man eine gute Bandbreite des Varietés, das an sich sehr offen ist und sehr durchlässig gegenüber anderen Kunstformen.

Newcomer im Krystallpalast Leipzig
Das Duo Jonny + Manuel Bildrechte: Sandrino Donnhauser/Krystallpalast Varieté Leipzig

Das ist ja alles auch ein bisschen riskant, zum Teil. Muss es auch sein, oder?

Ja, natürlich. Obwohl wir den Schwerpunkt schon auf den künstlerischen Ausdruck legen. Das Wichtigste ist erstmal das Handwerk, dass die Künstlerinnen und Künstler, die sich bei uns bewerben, die artistische Technik draufhaben. Aber vor allem auch, dass sie als Künstlerpersönlichkeit auf die Bühne treten und eine eigene Idee mitbringen. Weil wir gerade im Krystallpalast sehr viel Stammpublikum haben, Menschen, die häufig ins Varieté gehen und so die Überraschung und das Neue schon eine größere Rolle einnimmt. Wir hatten jetzt um die 280 Bewerbungen und daraus nur zwölf ausgesucht, per Videoauswahl im Vorfeld. Und das Besondere an jedem dieser Acts ist eben das zentrale Merkmal.

Welche Rolle spielt Comedy? Welche Rolle spielt die Sprache? Welche Rolle spielt Musik?

Für uns ist die Sprache oft zweitrangig. Das Varieté erzählt sich sehr stark über die sinnlichen Kanäle, über das Hören, über die Bilder, die Gesten, die Kostüme, auch über die Begegnungen auf der Bühne. Insofern ist der Sprachanteil relativ gering. Es gibt einen Moderator, der durch den Abend führt, aber auch eher um Hintergrundinformationen zu geben. Ganz viel spielt sich gestisch, pantomimisch und akrobatisch ab. Und da der Krystallpalast auch ein sehr intimes Haus mit aktuell etwa 165 Plätzen ist, ist man auch sehr, sehr nah. Man kann sehr gut in der Mimik lesen, und insofern ist diese Kommunikation zwischen Künstlerinnen und dem Publikum nonverbal sehr gut möglich.

Was sind das denn für Figuren, für Charaktere, sind es Geschichten, die erzählt werden?

Oft sind es sehr eigenwillige Eigenkreationen, also gerade zum Beispiel ein Künstler aus Chile, der in Spanien wohnt, Walo World heißt er, der tritt auf als eine Art Fabelwesen in der Plexiglaskugel, wo dann so einzelne Kugeln anfangen, in der großen Kugel zu rollen. Er ist so eine Art Mischwesen, zwischen Mensch und Fabelwesen/Tier. Also eine ganz eigene Kreation und ein Beispiel, wie man das Theaterhafte mit dem Artistischen verbinden kann.

Newcomer im Krystallpalast Leipzig
Der Chilene Walo World ist Teil der Show. Bildrechte: Sandrino Donnhauser/Krystallpalast Varieté Leipzig

Wenn Geschichten erzählt werden, haben die dann eine Erzählhaltung mit einem Höhepunkt und einer Pointe?

Zum Teil ja, das sind aber keine linearen Dramaturgien, sondern häufig eher puzzleartig zusammengesetzte Stücke. Wenn es in der Geschichte zum Beispiel um zwei Männer geht, die verschiedene Phasen einer Paarbeziehung spielen, dann ist das auch immer sehr gedrängt in diesen sieben, acht Minuten, die sie Zeit haben, sie aufzuführen. Also es wird sehr dicht erzählt und zum anderen über sehr artistische, akrobatische Mittel. Das heißt in dem Moment, wo die Sprache wegfällt, werden einfach die anderen Ausdrucksmöglichkeiten sehr viel wichtiger.

Sie sind selbst eigentlich auch Akrobat, Jongleur und haben irgendwann aufgegeben. Warum eigentlich?

Ich komme selbst aus der Zirkus-Richtung und bin auch eine Zeit lang aufgetreten. In dem Moment, wo es darum ging, sich zu entscheiden, eine professionelle und langfristige Laufbahn als Artist einzuschlagen, war mir dann doch wichtiger, erstmal etwas zu studieren, was Sinnvolles zu machen. Und dann bin ich nach Leipzig gezogen und habe mich in die Stadt verliebt. Aber zum anderen gab es dann auch die Möglichkeit, konzeptionell und vor allem regietechnisch im Varieté etwas zu verändern. Und das hat mich dann sehr viel mehr gereizt.

Was hat sich im Krystallpalast verändert in den letzten 20 Jahren?

Zum einen hat sich das insofern verändert, dass es von der Kleinkunst- und Chanson-Bühne sich zu einem Haus entwickelt hat, was über viele andere theatrale Mittel verfügt. Wir erzählen sehr viel über Kurzgeschichten zum Beispiel, wir erzählen auf eine Art, die teilweise mehr dem Tanztheater angelehnt ist. Es gibt sowohl ganz non-verbale Produktionen als auch theaterhaft angelegte Produktionen, wo wir auch mit Theaterregisseuren zusammenarbeiten, während es in anderen Produktionen eher einen tänzerischen Schwerpunkt gibt. Und so hat jede einzelne Produktion einen eigenständigen Look.

Auch Sie hatten große Probleme in der Pandemie-Zeit, mussten schließen. Einiges Publikum bleibt immer noch beim Streaming zu Hause. Wie versuchen Sie, die Menschen wieder zurückzubekommen?

Das ist eine Frage, mit der wir uns im Moment extrem auseinandersetzen. Und ich glaube, eine Beobachtung ist, dass es immer noch ein starkes Bedürfnis nach Emotionen gibt oder nach dem Wecken von starken Gefühlen. Vergleichen Sie das mit einem guten Konzert, wo es auch einen ganz starken Austausch zwischen Bühne und Publikum gibt, und wo man im besten Fall in so einen Flow reinkommt. Die große Chance des Varietés dagegen ist diese Unmittelbarkeit. Man sitzt nah an der Bühne, es gibt reale Menschen, die da reagieren. Es heißt die vierte Wand ist ganz oft offen. Dann ist es das Gesellige im Varieté: Man sitzt an kleinen Tischchen, oft zusammen in kleinen Gruppen, man hat das gemeinsame Erleben von etwas, wo man staunen, lachen kann. Das ist das, was ich immer wieder höre, warum Menschen zu uns kommen.

Newcomer im Krystallpalast Leipzig
Die Newcomer-Show im Krystallpalast-Varieté Leipzig präsentiert zwölf Acts aus elf Ländern. Bildrechte: Sandrino Donnhauser/Krystallpalast Varieté Leipzig

Und das wollen wir noch verstärken. Unsere Shows beginnen nicht erst mit Schlag 20 Uhr, sondern 10, 15 Minuten vorher geht der Vorhang schon auf. Die Akteure mischen sich unter das Publikum, so weit das die Distanzregeln zulassen und soweit es okay ist fürs Publikum. Es gibt Figuren, die das Publikum begrüßen. Insofern ist dieses unmittelbare Erlebnis zum einen sehr stark. Und zum anderen sind es auch Dinge, die real schiefgehen können. Gerade bei riskanten Artistik-Genres, wenn jemand fünf Rollen übereinanderstapelt und darauf balanciert. Oder wir hatten jetzt die letzten vier Monate Armbrustschützen bei uns zu Gast. Wenn auch wirklich was auf dem Spiel steht, sage ich mal, da gibt es schon eine sehr starke Nähe des Publikums zur Bühne. Diese Nähe versuchen wir bewusst nicht aufzulösen.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juni 2022 | 07:10 Uhr

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