Theater Leipzig: Schaubühne Lindenfels lädt mit App zu Zeitreisen ein

Wie wäre es, eine digitale Zeitreise zu erleben? Die Schaubühne Lindenfels in Leipzig hat in Zusammenarbeit mit der Firma Thadeus Roth eine neue Web-App entwickelt, die genau das ermöglichen soll. Die sogenannte Erzähl-App heißt "Psst!" – das steht für "Permeables Schaubühnen-Story-Telling". Sie ermöglicht das Eintauchen in die Geschichte Leipzigs und der Schaubühne Lindenfels – geheimnisvolle Begegnungen inklusive.

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Bildrechte: Schaubühne Lindenfels

Was ist Fiktion, was ist Wirklichkeit? Nicht nur in der Web-App scheinen diese Grenzen in dieser Frage zu verschwimmen. Auch bei meinem Interview mit den Machern der App sind diese Grenzen durchlässig, permeabel. Es ist ein Interview, das ich in der Form auch noch nicht erlebt habe. Ein Interview, das selbst zur Bühne wird, zur Erzählung.

Im Gespräch war ich mit dem Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, und dem Chef von Thadeus Roth, Dennis Levin. Zunächst ist es ein gewöhnliches Interview, doch nach ein paar Fragen bemerke ich, dass die beiden mich mit auf eine kleine erzählerische Reise nehmen wollen. Und die Frage, was fiktiv und was real ist, wird auf einmal auch während des Gespräches relevant.

Zwei Männer im Theaterfoyer der Schaubühne Lindenfels in Leipzig: der Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, und der Chef der Firma Thadeus Roth, Dennis Levin
Bereits das Interview bot einen Vorgeschmack auf die geheimnisvolle Welt der neuen Zeitreise-App "Psst!". Unser Autor war im Gespräch mit dem Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, und dem Chef der Firma Thadeus Roth, Dennis Levin. Bildrechte: Schaubühne Lindenfels/Ole Steffen/MDR

Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Besonders, wenn es um die Frage geht, wie die Idee zur App entstanden ist, berichten die beiden von einer ominösen unbekannten Frau, die auf sie zugekommen sei und von sich behauptet, zwischen Gegenwart und Vergangenheit vermitteln zu können. "Tatsächlich wissen wir nicht, wer diese Person ist, die jetzt innerhalb der Geschichten als Erzählerin auftritt. Wir vermuten zumindest, dass es ihre Stimme ist. Auch das hat sie bisher nicht klar gesagt", sagt Dennis Levin.

Diese Frau sei in den letzten drei Jahrzehnten in der Schaubühne präsent gewesen. Sie kenne die Geschichten, die hier stattgefunden haben. "Zum einen die Geschichten, die tatsächlich in diesem Haus passiert sind. Allerdings auch die Geschichten, die in diesem Haus erzählt werden" so Levin weiter.

Als ich das höre, muss ich schmunzeln und beginne zu verstehen, dass die Macher der App offenbar einen Mythos rund um die Erzählerin von "Psst!" kreieren wollen. Jener Frau, die die Permeabilität, also die Durchlässigkeit, zwischen Raum und Zeit ermöglichen kann. Zunächst habe ich den Impuls, dieses Interview als Theaterstück zu hinterfragen, doch dann merke ich, dass es sich gar nicht lohnt, diesen Mythos zu entzaubern. Von größerem Wert erscheint es mir, sich schlichtweg darauf einzulassen, diese Zeitbrücke zu betreten. Auf der anderen Seite warten schließlich besondere Persönlichkeiten.

Sprachnachrichten von Karl May bekommen

Die Web-App ist in Form eines Chats aufgebaut – ähnlich wie bei einer üblichen Messenger-App. Der Chatverlauf fungiert dabei quasi als Zeitportal. Gespickt ist der Chat mit Tondokumenten, Sprachnachrichten, historischen Karten und Fotos. So entsteht pro Episode ein durchaus unterhaltsames multimediales Potpourri, das einem die Stadtgeschichte von Leipzig und der Schaubühne Lindenfels näherbringt.

Blick ins Menü der App "Psst!", zu sehen sind mehrere Episoden, die angewählt werden können, zum Beispiel "Wie ich mich auf einem Ballon duelliere – begegne einem der größten Abenteuerer unserer Zeit"
Blick ins Menü der App "Psst!", zu sehen sind mehrere Episoden, die angewählt werden können Bildrechte: Schaubühne Lindenfels/Ole Steffen/MDR

Unter anderem können Nutzerinnen und Nutzer mit Karl May sprechen, der einen mit auf Zeitreise nimmt: "Folge mir ins Jahr 1897 und begleite mich bei meinem Besuch der Sächsisch-Thüringischen-Industrie-und-Gewerbeausstellung in der Messemetropole Leipzig", heißt es dann zum Beispiel in einer Sprachnachricht des Schriftstellers. Zum anderen ist auch der Kontakt mit Anka Baier möglich, einer der Gründerinnen der Schaubühne Lindenfels, die eine Zeitreise zu ihren und den Wurzeln der Schaubühne ermöglicht.

Doch hinter dem unterhaltsamen Aspekt versteckt sich auch eine Kritik an unserer aktuellen Medienwelt. Es geht um Manipulation. Was können wir in Zeiten von Fake-News und Framings heutzutage überhaupt noch als Wirklichkeit oder Realität wahrnehmen? Gibt es da eine allgemeingültige Realität oder baut sich jeder seine eigene Realitätsblase? Und welche Rolle spielt dabei schon längst die virtuelle Realität?

Virtuelle Realität: Fluch oder Segen?

Schaubühnen-Leiter René Reinhardt plädiert dafür, sich im Abgleich zu üben. "Dafür ist Theater ja mal erfunden worden, dass wir diesen Abgleich haben. Wo ich die Realität habe, wo ich Geschichten habe, wo ich einen Raum habe, indem ich das durchleben kann, ohne jetzt tatsächlich Realität zu erzeugen und insofern: diese Medien geben uns ein Teufelszeug an die Hand dabei", so Reinhardt.

Für viele sei das relativ irreversibel, ergänzt er, "wenn sie sich in eine solche Welt reinbegeben haben – zu lange und zu viel. Und wir anderen üben die ganze Zeit, dass wir diesen Abgleich mit dem Realen immer wieder hinkriegen." Für René Reinhardt heißt das, digitale Fiktion also lieber nur in Maßen. Auch in Bezug auf die Schaubühne Lindenfels sei das eine Leitlinie: Digitalität nicht als Muss, sondern immer nur dann, wenn sie sinnvoll ist.

Im kommenden Jahr feiert die Schaubühne Lindenfels 30-jähriges Jubiläum. Bis dahin, so berichten die Schöpfer der App, werde noch das eine oder andere stadtgeschichtliche Geheimnis gelüftet.

Mehr Informationen zur App:

Die Erzähl-App "Psst!" ist per Smartphone oder Tablet hier abrufbar und auf Dauer kostenlos. Die Erzähl-App wurde von der Schaubühne Lindenfels gemeinsam mit dem Leipziger Unternehmen Thadeus Roth, Experten für Augmented Reality, entwickelt.

Redaktionelle Bearbeitung: Sabrina Gierig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2022 | 08:15 Uhr