"On the other side" Interaktiv: Leipziger Jugendtheater erforscht die verborgenen Seiten von Social Media

Algorithmus, Echokammern, Radikalisierungsspiralen – seit Jahren wird darüber gesprochen, wie soziale Medien unsere Gesellschaft und die Demokratie zerstören. Doch wie das wirklich funktioniert, verstehen die Betreiber von Plattformen wie Facebook und Co. manchmal selbst kaum noch. Die Performance "On the other side" am Leipziger Theater der Jungen Welt (TdJW) will einen Einblick ermöglichen: In einem Planspiel kann das Publikum selbst ein soziales Netzwerk erschaffen und gestalten.

Mit dem Gang zum Theatersaal hat das Publikum im Leipziger Theater der Jungen Welt (TdJW) schon eine erste Entscheidung getroffen: Sie nehmen an einem Test für ein neues soziales Netzwerk teil. Denn in dieser Theaterrealität hat die EU den Plattformen die Stirn geboten. Weil sie nun die Daten nicht mehr auf ihren Servern speichern dürfen, stellen sie alle Dienste in Europa ein.  

Deswegen soll in Europa eine neue Plattform entstehen: Hydra. Das neue Netzwerk will alles besser machen – mit unserer Hilfe. Aus einem kleinen Kästchen nehmen sich alle einen kleinen Button in unterschiedlichen Farben. Im Saal stehen keine Stühle, sondern Stehtische in L-Form und in ebenso unterschiedlichen Farben. Und so verteilen sich die Testpersonen an die Desks. 

Regeln des Leipziger Planspiels 

Ich gehe also an den roten Tisch, wo ich zum zweiten Team von Content Creators gehöre – wir nennen uns MixedCouple. Vor jedem von uns liegen drei Handybildschirme aus Papier. Wie bei einem Spieleabend würfeln wir reihum und dürfen verschiedene Teile eines Posts ziehen (Bild, Unterschrift und Hashtag). Wenn es uns das Würfelergebnis erlaubt, können wir die Teile untereinander tauschen. Wir sind uns der Regeln nicht zu jeder Zeit sicher und hätten vielleicht mehr Unterstützung vom Theaterteam gebraucht.

Mehrere Personen in roten Westen stehen um einen Tisch und schauen konzentriert auf Spielkarten.
Mit festen Spielregeln muss das Publikum in "On the other side" am Theater der Jungen Welt Leipzig (TdJW) Posts entwickeln. Bildrechte: Tom Schulze

Wenn ein Post fertig ist, geht unsere Influencerin zur Zentrale, wo sie unsere Kreation erklären muss. Dort wird der Post nach ganz eigenen Regeln mit Likes bewertet, die auf einem Bildschirm angezeigt werden. Die zwei Mitspielerinnen vom Prognostic Eye gehen herum und fragen, was uns beschäftigt und geben immer wieder neue Trends aus, zu denen die Posts passen müssen. Das reizt uns, dazu schneller posten zu wollen, und wir diskutieren wild. Von den blauen Teams beim Algorithmus bekommen wir neue Karten mit Hashtags, Bildunterschriften und Bildern. Erst später erfahren wir, dass ihre Aufgabe war, mit den Wörtern zu spielen und sie zu steigern oder abzuschwächen – also ins Extreme zu bringen. Das macht unser Spiel immer schwerer. 

Auf einem Schild an einem blauen Tisch steht "Algorithmus 2". Verschwommen sind zwei Menschen zu erkennen.
Im Theaterstück "On the other side" schaut das Publikum nicht nur zu, sondern beteiligt sich interaktiv, um zum Beispiel Algorithmen in sozialen Netzwerken wie Facebook zu hinterfragen. Bildrechte: Tom Schulze

Die Geschichte hinter der neuen Social-Media-Plattform 

Hin und wieder wird unser Spiel unterbrochen. Ich werde eingeladen, den visionären Erfinder des neuen Netzwerks zu treffen. Der Tech-Guru erzählt etwas verschwurbelt von einem besonderen Einzeller. Er will, dass uns das Netzwerk zusammenbringt. Von den Menschen zur Menschheit werden, erklärt er.  

Eine andere Kraft versucht, das Netzwerk zu schwächen: Sinistra hackt sich in das Testspiel und erzählt uns die Geschichte eines früheren Testers. Anfangs freut er sich über den Austausch mit Gleichgesinnten, doch gerät schnell in eine Echokammer: Die Mitglieder bestätigen sich in ihren eigenen Ansichten so oft, dass sie nicht mehr verstehen, dass andere das nicht teilen. Es ist eine Geschichte über Radikalisierung im Netz, von der wir schon oft gehört haben. 

Auf einem Bildschirm ist ein junger Mann mit weißem Hoodie und Headseat zu sehen.
Szene aus "On the other side" am TdJW Leipzig: In Unterbrechungen des Spiels wird die Geschichte einer Radikalisierung erzählt. Bildrechte: Tom Schulze

Vielleicht wirkt das Spiel auch deswegen hölzern, als würden die Darstellerinnen und Darsteller nur ihren Text aufsagen, anstatt ihre Rollen zu leben. Ein freierer Umgang mit den Figuren und der nicht ganz so komplexen Geschichte hätte der Inszenierung und dem Theaterspiel gutgetan. 

Theaterspiel stellt wichtige Fragen 

"On the other side" ist der erste Teil der Reihe "Mirror Mirror", die sich mit dem Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus beschäftigt. In den anderen zwei Teilen können Besucherinnen und Besucher mithilfe eines Smartphone-Spiels und einer Installation in die Lebensrealität der damaligen Zwangsarbeiterinnen eintauchen. Das Planspiel bringt das Thema in die Gegenwart und zeigt, wie schnell wir uns wieder in radikalen Ansichten verlieren können. 

In einem Livestream gibt der frühere Tester zu verstehen, dass er sich zumindest gedanklich auf einen Umsturz vorbereitet, gestützt von rechten Vorstellungen. Wir erfahren nicht viel über sein Abrutschen in die dunklen Seiten oder über die Mechaniken des Internets. Aber wer diese Produktion des Leipziger Jugendtheaters besucht, der weiß vermutlich schon von diesen Problemen, würde sich in dem Planspiel wohl auch nicht korrumpieren lassen. Deswegen legt das Team seinen Finger in eine andere Wunde. 

Eine Frau mit grauer Weste spricht in ein Mikrofon. Im Hintergrund sind Menschen zu sehen, die an Tischen stehend zuhören.
Immer wieder soll das Publikum am Theater der Jungen Welt Leipzig auch von seiner Stimmung erzählen. Bildrechte: Tom Schulze

Social Media anders verstehen 

Angesichts der Enthüllungen stellt sich nämlich die Frage, ob dieses neue Netzwerk wirklich alles besser macht. Das Team stellt uns vor die Wahl, wer weiter machen möchte. Und als Content Creators überlegen wir uns auch, wie wir darauf reagieren sollen: Wollen wir versuchen, ein Statement dazu abgeben, die Plattform hinterfragen oder lieber weiter Feelgood-Posts absetzen, um uns Likes zu sichern.  

Darin liegt die große Stärke von "On the other side": Dass wir uns fragen, welche Verantwortung wir als einzelne Nutzer tragen können. Gleichzeitig gibt uns die Inszenierung aber nicht die Schuld, sondern vermittelt uns ein Gefühl für etwas, das sonst im Verborgenen stattfindet: Das Netzwerk straft Kritik ab und der Algorithmus fordert immer extremere Äußerungen. Am Schluss tauschen sich die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen und ihre Sorgen aus. So regt dieser Abend nicht nur zum Nachdenken, sondern zu richtigen Gesprächen an. Was das nun aber für mein Verhalten in den sozialen Medien bedeutet, muss ich noch ergründen.

Weitere Informationen "On the other side" ist der erste Teil des Projekts "Mirror Mirror".

Die Produktion wird unterstützt vom Bundesfinanzministerium und von der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft.

Regie, Konzept und Ausstattung: Leoni Voegelin und Sebastian Ryser
Dramaturgie: Florian Heller
Video: Vladislav Leyderman
Mit: Clara Fritsche, Lena Eikenbusch, Martin Klemm und Philipp Zemmrich

Weitere Termine:
17. Mai, 19.30 Uhr
18. Mai, 11 Uhr
9. Juni, 11 Uhr
10. Juni, 11 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Mai 2022 | 16:10 Uhr

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