Vorbericht Premiere in Leipzig: "Vater" macht Demenz fühlbar

Ungefähr 190.000 Menschen sind in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen laut einer Erhebung von 2018 an Demenz erkrankt. Dahinter stecken immer auch Einzelschicksale und angespannte Familiensituationen. Das Stück "Vater" am Schauspiel Leipzig handelt von André, der unter Demenz leidet und in einem Heim lebt. Regisseur Tilo Krügel will authentisch und nachvollziehbar von der Krankheit und dem Altern erzählen.

Vater am Schauspiel Leipzig 4 min
Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Demenzerkrankungen bedeuten für viele Familien eine einschneidende Veränderung. Die Theaterproduktion "Vater" in der Diskothek des Leipziger Schauspiels will diese Schicksale nachfühlbar machen – Thilo Sauer berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 03.07.2021 12:00Uhr 04:12 min

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Ein Mann mit ordentlichem Seitenscheitel und weißem Hemd sitzt in einem hohen, beigen Bürostuhl. Mit über seinem Kopf erhobenen Händen dirigiert er ein unsichtbares Orchester. Dann tritt eine Frau in rotem Mantel auf. Es ist seine Tochter, die fragt, was mit der Pflegerin passiert ist, warum ihr Vater sie beschuldigt, seine Uhr gestohlen zu haben. Mit einem Lächeln redet er sich raus und tut so, als hätte er sie einfach nur versteckt. Doch vielleicht hatte er es einfach nur vergessen.

André war früher Ingenieur und Familienvater. Nun lebt er in einem Heim. Oft weiß er nicht, was gerade um ihn herum passiert. Im Gespräch wirkt er oft schnippisch, manchmal auch gemein. Es ist ein Schutzmechanismus gegen die Diagnose Demenz: "Er wehrt sich mit Sarkasmus, wehrt sich mit Humor. Er wehrt sich mit Ehrlichkeit, immer nur, um zu sagen, dass er das nicht hat", erklärt Schauspieler Bernd-Michael Baier.

Vater am Schauspiel Leipzig
Immer wieder gerät André (Bernd-Michael Baier) mit Tochter Anne (Anna Keil) in Konflikt. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Demenz ernstnehmen

Über mehrere Jahre beschäftigte sich Regisseur Tilo Krügel, der sonst selbst als festes Ensemble-Mitglied des Leipziger Schauspiels auf der Bühne steht, mit dem Thema Demenz. Anlass für eine künstlerische Auseinandersetzung waren zum einen persönliche Erfahrungen, aber auch ein enttäuschender Theaterbesuch an einem anderen Haus: "Man sieht den Schauspieler im Schlafanzug da sitzen und nach der Mutter schreien – das finde ich ein unangemessenes Mittel. Denn es wird, wenn man selber so ein Schicksal erlebt hat, nicht mal im Ansatz dem gerecht, was Demenz in der Realität bedeutet", erzählt Krügel. "Ein Theater muss eine komplett andere Übersetzung finden."

Vater am Schauspiel Leipzig
Auch die Sehgewohnheiten des Publikums sollen durcheinandergebracht werden. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Deswegen überlegte Krügel, wie er dieses schwierige und komplexe Thema auf der Bühne darstellen könnte. Schließlich stieß er auf das mehrfach preisgekrönte Stück "Vater". Der französische Dramatiker Florian Zeller erzählt darin von André, der langsam den Bezug zur Realität verliert und ständig versucht, das vor seiner Tochter Anne zu verstecken. Tilo Krügel bearbeitete das Stück, um es allgemeingültiger zu machen. Die Leipziger Inszenierung sollte mehr als das Schicksal von André erzählen. "Es geht eher darum, zu sensibilisieren und vielleicht auch mit den Wahrnehmungen der Zuschauer zu spielen", beschreibt Krügel seinen Ansatz. "Dann war bald klar, dass man diese Geschichte genau anders herum erzählen muss: durch Klarheit, also durch die klügste Figur im Raum, die sich am besten auskennt. Das ist die Figur der Demenz."

Die Idee hinter der Leipziger Inszenierung

Das Licht in der Diskothek, der Nebenspielstätte des Leipziger Schauspiels, ist meistens schummrig. Hin und wieder blitzen Lichter auf, unklare Videobilder flimmern durch den Raum. Die Schauspielerinnen laufen von rechts oder links über die Bühne, sogar hinter und über dem Publikum wird gespielt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer wissen so selbst nicht, was passiert, was wahr ist. Das ist der Gedanke der Inszenierung: Das Gefühl der Verwirrung spürbar machen.

Vater am Schauspiel Leipzig
Mal ist Julia Zabolitzki die verschwundenen Tochter, mal die Pflegerin. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Die Rollen und das Leipziger Ensemble

Bernd-Michael Baier wollte keinen verwirrten Alten oder einen Menschen, der die Kontrolle verliert, spielen: "Ich versuche es so zu spielen, wie ein gesunder Mensch, der auf Sachen reagiert, die auf ihn einstürzen. André versucht die Sachen in die Reihe zu kriegen", erläutert Baier den Antrieb seiner Figur. Wenn André die Situation nicht versteht, dann versucht er mit Schläue zu reagieren. Für Baier ist wichtig, dass seine Figur immer weiter kämpft: "Da war ich mit meinem Regisseur Tilo im Konflikt. Ich habe gesagt, der kämpft. Aber Kampf besteht nicht im Schlagen oder im Rumbrüllen, sondern er kämpft mit sich. Er will Klarheit."

Vater am Schauspiel Leipzig
André (Bernd-Michael Baier) weiß nicht, wie er dem Mann (Thomas Braungardt) begegnen soll. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Auch für Andrés Tochter Anne bedeutet die Krankheit Kampf. Immer wieder muss sie ihrem Vater erklären, warum sie so lebt, wie sie nun lebt. Ihr Vater wünscht sich sowieso, dass sich seine andere Tochter um ihn kümmern würde. Doch wo diese Tochter ist, bleibt unklar. Für die Schauspielerin Anna Keil ist diese Zerissenheit spannend: In jeder Szene muss sie für sich klären, ob ihr Vater einfach gemein ist oder ob er es wegen der Krankheit nicht besser weiß: "Dann gibt es so Momente, wo man bei dem anderen eindeutig sieht, dem muss man jetzt helfen. Und genau in dem Moment sagt der: 'Warum behandelst du mich wie ein Kind.' Diese klaren Momente wechseln sich immer mit der Verwirrung ab und sind völlig unberechenbar, was ich auch aus eigener Erfahrung kenne. Diese Überforderung ist auch eine Überforderung an einen selbst, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll."

Gespräche anregen

Vater am Schauspiel Leipzig
Die Leipziger Inszenierung will zu Gesprächen anregen. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Alle drei, der Regisseur und die beiden Darsteller, haben persönliche Erfahrungen mit dem Thema Demenz sammeln müssen. Tilo Krügel ist der Meinung, dass in der breiten Gesellschaft zu wenig über diese Themen gesprochen wird: Krankheit, Tod, Behinderung. Dabei würden sich diese Themen doch aufdrängen. "Ich habe das jetzt erlebt, wie wichtig soziale Kontakte sind. Wie wichtig ein Miteinander ist, ein sich Austauschen können über die einfachsten Geschichten", erzählt Krügel über einen Krankheitsfall in der eigenen Familie. "Wie geht man überhaupt mit den zu pflegenden Menschen um? Die sind Teil unserer Gesellschaft. Sie gehören nicht irgendwohin geschoben, wo sie auf den Tod warten, sondern sie haben einen Anspruch auf ein vielfältiges und buntes Leben." Er wünscht sich, dass die Aufführung ein Anlass für die Besucherinnen und Besucher ist, diese Themen, Fragen und (Generationen-)Konflikte endlich zu diskutieren

Mehr Informationen "Vater" von Florian Zeller läuft in der Diskothek des Leipziger Schauspiels in der Bosestraße 1, 04109 Leipzig.

Regie: Tilo Krügel
Bühne und Kostüme: Agathe MacQueen
Video: Kai Schadeberg
Sound: Alexander Nemitz
Mit: Bernd-Michael Baier, Thomas Braungardt, Anna Keil, Julia Zabolitzki

Termine:
3., 4. und 10. Juli jeweils um 20 Uhr
Weitere Aufführungen sind in Vorbereitung.

Theater in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juli 2021 | 13:45 Uhr

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