Monumentaltheater Leipziger Theatergruppe überrascht mit riesigen Theaterbauten

Seit mehr als 30 Jahren bespielt die Theatergruppe Titanick in Münster und Leipzig große Hallen und öffentliche Plätze. 1990 zeigten sie als erstes Stück "Titanic": Dafür bauten sie einen ganzen Schiffsrumpf nach. Ohne verständliche Worte erzählten sie von Untergang und der Eitelkeit des Menschen. Nun spielen sie ihre erste Performance nochmal. Im Gespräch mit MDR KULTUR erzählt der künstlerische Leiter Uwe Köhler von den Anfängen und wie sie der Regen nach Leipzig brachte.

MDR KULTUR: Was machen Sie für Theater und wieviel hat es damit zu tun, das Publikum zum Staunen zu bringen?

Uwe Köhler: Ja, auch Staunen, viel Überraschung – vor allem mit der Größe des Theaters. Da wird vor den Augen des Zuschauers ein Schiff aufgebaut, das aus einem Bug, einer Maschine und der Kapitänsbrücke besteht. Der Schornstein geht neun Meter in die Höhe und der Mast elf Meter. Die Zuschauer erleben wirklich den Einbruch von Wasser und Feuer – Elemente spielen bei uns eine große Rolle.

Szenenbild "Titanic" des Theaters Titanick
Feuer und Wasser prägen die Inszenierung der Leipziger Theatergruppe. Bildrechte: Titanick

Wir wollten zwei Themen klar machen: zum einen die Dekadenz, die darin besteht, dass oben getanzt wird und unten schon das Wasser einbricht. Zum anderen wollten wir den Hochmut über die Natur zeigen. Wir haben in letzter Zeit auch Katastrophen erlebt. Die Pandemie lässt sich damit nicht vergleichen, aber wir wollten diesen Zeitgeist noch einmal aufgreifen. Deswegen zeigen wir diese zeitlose Geschichte nochmal in Leipzig.

Sie haben eine universelle Theatersprache erfunden. Die versteht man rund um die Welt?

Es ist die Mischung aus Objektkunst und Aktionstheater zusammen mit Musik. Wir nutzen fast keine Sprache. Wir schreien und rufen, aber Dialoge spielen keine Rolle. Die Bilder erklären sich durch die Aktion selber. Mir war es immer wichtig, Geschichten zu erzählen, die auf der ganzen Welt verständlich sind.

Ist es von Anfang an der Plan gewesen, dem vergrübelten Stadttheater zu entgehen? Oder sind sie Ingenieure, die einfach nicht mehr nützlich sein wollten?

Es ist eine Mischung. Wir haben in den 80er-Jahren Erfahrungen in bestimmten Theatergruppen in Europa, in Frankreich oder Holland gesammelt, die diese Theaterform schon praktiziert haben. Wobei wir mit diesen Mitteln wirklich Geschichten erzählen wollten. Wir haben sicherlich das Open-Air-Theater und diese Form in Deutschland neu belebt. Wir wollten die Kunst und das Theater zu den Leuten bringen, die vor Ort sind. Wir lieben es, umsonst und draußen zu spielen für jedermann und Leute zu erreichen, die sonst nicht zur Kultur erschienen sind.

Szenenbild "Titanic" des Theaters Titanick
Mit imposanten Bildern wollen die Performer das Publikum begeistern. Bildrechte: Titanick

Warum Leipzig und Münster?

Das ist witzig: Wir haben in Münster begonnen, wo wir nach Mitspielern gesucht und sie nicht gefunden haben. Denn in Münster war schlechtes Wetter: Es regnete ständig und es gab kaum Geld. Dann gab es 1990 einen Kulturaustausch zwischen Ost und West. Kollegen von uns aus Münster fuhren nach Leipzig und haben dort Kollegen getroffen, die damals schon freies Theater gemacht haben. Mit denen haben wir angefangen zu arbeiten und schon war es eine kreative Explosion. Das passte einfach: diese Mischung aus Technikern, die aus nichts Gold machen wollten, und geniale Musiker, die alles in Musik übertragen konnte, aus dem Osten, auf der anderen Seite Schauspieler aus dem Westen. Diese Mischung aus den verschiedenen Fähigkeiten der Personen hat Theater Titanick extrem stark beeinflusst. Bis heute gibt es diese Kooperation von Münster und Leipzig, die wir auch nicht missen möchten.

Wie ist es jetzt, ihrer alten Produktion wiederzubegegnen? Mussten sie alles altersgerecht anpassen für Lesebrillen und künstliche Hüftgelenke?

Szenenbild "Titanic" des Theaters Titanick
Clair Howells während einer Aufführung von "Titanic" Bildrechte: Titanick

Einer unser Leipziger Schauspieler musste wegen Rückenproblemen ausscheiden. Ich wollte auch den Schiffskoch wieder spielen, aber habe mir die Achillessehne gerissen. Wir sind schon eine grauhaarige Truppe, aber unsere Regisseurin hat so aufs Tempo gedrückt, dass wir das Stück fast in der gleichen Zeit hinkriegen, wie vor 30 Jahren.

Die nächste Premiere in Leipzig von "Upside Down" ist dann mit der nächsten Generation. Was ist anders, wenn die Jungen das machen?

Es ist schon eine andere Theatersprache. Das Objekt – eine sieben Meter hohe Kugel titanischen Ausmaßes, die sich in alle Richtungen drehen kann – ist schon genial. Regisseurin Marie Nandico wollte das Thema der auf dem Kopf stehenden Welt, also den aktuellen Zeitgeist aufgreifen. Sie tendieren mehr zum Tanztheater. So wollen sie das Kippen der Welt thematisieren, was durch Intoleranz, durch Machtstreben, durch Populismus entsteht und nur durch Toleranz wieder ins Gleichgewicht gerät. Das ist die große dramaturgische Linie dieses Stückes. Das ist genial umgesetzt und wird auch ohne Sprache verständlich. Ich bin gespannt, wie das in Leipzig ankommt.

Das Gespräch führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Weitere Informationen "Titanic" ist nur am 24. Juli nochmals auf dem Geländer der Alten Messe in Leipzig zu sehen.

Die Produktion "Upside Down" feiert am 30. Juli Premiere im Kunstkraftwerk Leipzig. Eine weitere Vorstellung findet am 31. Juli statt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juli 2021 | 10:10 Uhr

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