"Natural Woman" Westflügel Leipzig: Online-Performance über Frauenrollen – "Von uns wird das erwartet"

Im Jahr 2020 wurde Corona-bedingt Vieles ins Internet verlegt: Geschäftstreffen, Konzerte und Theateraufführungen. Die Leipziger Künstlerin Gwen Kyrg wollte das Medium ausloten und seinen künstlerischen Wert erkunden. Dafür hat sie sich mit dem Thema Zuhause beschäftigt – und mit der Rolle, die die Gesellschaft Frauen in diesem Zusammenhang zuschreibt. Frauen, die versuchen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. "Natural Woman" heißt ihr Stück am Westflügel Leipzig, das am 25. November online Premiere feiert.

Eine kleine Puppe schaut durch ein rundes Loch.
Die Performance "Natural Woman" des leipziger Westflügels zu Beginn: ein Blick in eine Wohnung. Bildrechte: Dana Ersing

Bei dieser Probe ist zwar noch nicht das richtige Bild auf dem Screen zu sehen, doch die Idee geht bereits auf: Eine körperlose Stimme fordert das Publikum an den Computern auf, an die eigene Eingangstür zu gehen. Sie sollen die Schlüssel nehmen und für einige Sekunde vor die Wohnung treten. Klappern und Türschlagen ist zu hören. Die Stimme sagt, wann die Kameras angehen sollen, sodass interessante Bildkompositionen entstehen, und wohin die Zuschauerinnen und Zuschauer gehen sollen.

Das Stück "Natural Woman" am Leipziger Westflügel ist eine Entdeckungsreise durch die eigene Wohnung, die alle gemeinsam haben. Regisseurin Gwen Kyrg erklärt: "Ich habe probiert, Sachen zu finden, von denen ich denke, dass die allermeisten Menschen auf der Welt das haben: einen Ort, wo ich koche, einen Ort, wo ich schlafe, einen Ort, wo ich mich wasche – diese zentralen Punkte. Dann habe ich versucht, zu diesen Orten etwas zu erarbeiten."

Besondere Ästhetik des Theater im Internet

Im vergangenen Jahr wurden viele Theaterstücke ins Internet verlagert und Videokonferenzen plötzlich zum Standard. Gwen Kyrg wollte das Netz jedoch nicht als Notlösung nutzen, "nicht defizitär". Ihre Idee war es, dass das Publikum aktiver mitmachen soll, kleine Aufgaben lösen muss und so über die zahlreichen privaten Räume eine Verbindung entsteht. "Ich weiß als teilnehmende Personen, dass ich gerade genau das Gleiche mache, wie die anderen 20 Menschen auf der Welt", beschreibt Kyrg das Ideal. So soll ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, wie es das Theater auszeichnet.

Leipziger Regisseurin hinterfragt Frauenrollen

Am Anfang hatte sich Gwen Kyrg vorgenommen, etwas zum Zuhause zu machen. Dazu hat sie dank einer der TakeCareResidenzen der Bundesregierung lange recherchiert, über Soziologie und Räumlichkeit nachgedacht. So hat sich das Thema schnell weiterentwickelt: "Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht über Zuhause reden kann, ohne die Rolle von Frauen oder Menschen, die als Frauen sozialisiert wurden, besonders in den Vordergrund zu stellen", so die Regisseurin.

Diese klassischen – eigentlich schon überkommenen – Frauenrollen sind ein Thema, das die westliche Gesellschaft seit dem ersten Lockdown im Jahr 2020 wieder besonders beschäftigt: Als die Kindergärten und Schulen geschlossen waren, kümmerten sich plötzlich wieder Frauen um die Kinder und kochten, sodass sie kaum noch ihrer Arbeit nachgehen konnten. Sicherlich können Männer das ebenfalls und tun es sicherlich auch. Doch von Frauen werde das erwartet, unterstreicht Projektmanagerin Dana Ersing.

Zwei Bildübertragungen nebeneinander: Blick auf ein Waschbecken und eine Frau, die in den Spiegel schaut.
Die Performance führt zu Orten, die sich wohl in jeder Wohnung finden. Bildrechte: Dana Ersing

Die Welt in Leipzig

Zwischen den Aufgaben, die das Publikum in der eigenen Wohnung erfüllen soll, gibt es immer wieder kurze Szenen. Das Team konnte dafür zwei Performerinnen gewinnen: Omayra Martínez Garzón aus Buenos Aires und Li Lorian aus Jerusalem. Im digitalen Theater können weit entfernte Wohnzimmer miteinander in Kontakt kommen.

Eine Frau hantiert in der Leipziger Performance an der Wand neben der Dusche.
Die israelische Künstlerin Li Lorian ist Teil der Leipziger Performance "Natural Woman" Bildrechte: Dana Ersing

Die Proben dafür sind aber auch eine Herausforderung. Weil mehrere Zeitzonen vereint werden müssen und wegen der Verzögerung im Netz sind spontane Reaktionen schwierig. Doch diese Herausforderung war Gwen Kyrg wichtig, weil ihr noch mal bewusst geworden ist, "dass meine europäische, deutsche, weiße, feministische Sicht natürlich nicht die einzige dieser Welt ist und dass es auch Themen gibt, die für einige Frauen dieser Welt nicht präsent oder relevant sind." Grob gesagt: Wo Frauen kaum Zugang zum Arbeitsmarkt haben, spielt auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine andere Rolle.

Mehrere Menschen sprechen in einer Online-Konferenz miteinander.
Auch die Proben liefen komplett über Zoom ab. Bildrechte: Dana Ersing

Deswegen habe sich Kyrg bei der Probenarbeit immer wieder überlegt, was diese Frage oder ein Raum wie die Küche für nicht-weiße oder ärmere Frauen bedeutet. Dana Ersing hat aber gleichzeitig gemerkt, wie viele Parallelen sich doch finden: "Natürlich gibt es da Spezifika für die einzelnen Länder, aber es ist schon erstaunlich, wie ähnlich die Geschichten sind und wie die auch in die nächste Generation weitergegeben werden.

Letztlich ist das auch etwas, worum es in der Performance gehen soll: ungerechte Strukturen sichtbar machen, um sie zu überwinden. Ein ambivalentes Spiel, erklärt Kyrg. Denn das Leben zu Hause wird sich erst richtig ändern, wenn wir die Welt verändern, gleichzeitig muss es zu Hause beginnen. "Dass ich aber dadurch, wie ich sozialisiere, sozialisiert werde oder mich zu Hause verhalte, natürlich auch ein anderes Standing nach außen trage. Den Kampf, den ich im kleinen Kosmos ausfechte, den fechte ich dann auch in der Welt draußen." Kyrg und ihr Team wollen dem Publikum zwar keine dezidierte Botschaft vermitteln, aber haben eine Vision für die Zukunft. Darum ist eben auch das Publikum in dieser Online-Performance besonders gefragt, ihr Heim und Zuhause anders zu entdecken und zu hinterfragen.

Weitere Informationen "Natural Woman" ist eine Performance am Westflügel Leipzig.

Termine:
25. November, 20 Uhr
26. November, 20 Uhr
27. November, 22 Uhr

Eine vorherige Anmeldung per Mail ist erforderlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2021 | 12:40 Uhr