HeimatWeltBühne Leipziger Forschungsprojekt zeigt Vielfalt des Amateurtheaters

Seit ungefähr fünf Jahren wird am Competence Center Theater, dem theaterwissenschaftlichen Institut der Leipziger Universität, zum Amateurtheater geforscht. In zwei geförderten Projekten unter dem Titel "HeimatWeltBühne" haben sie Dokumente zu Dilettanten und Amateuren in Sachsen in Brandenburg untersucht. Im Interview mit MDR KULTUR spricht Institutsleiter Günther Heeg über den Anlass zur Forschung und der Vielfalt des Amateurtheaters.

Günther Heeg 7 min
Bildrechte: Stefan Petraschewsky/MDR

MDR KULTUR: Was für einen reichhaltigen Kosmos haben Sie in den vergangenen fünf Jahren Forschungsarbeit zum Amateurtheater aufgefächert?

Günther Heeg: Wir hatten am Anfang auch keine genaue Vorstellung. Wir dachten an Volkstheater im traditionellen Sinne auf irgendwelchen Bauernbühnen. Nichts davon stimmt. Nachdem wir uns jetzt in zwei Forschungsprojekten seit fünf Jahren historisch und gegenwärtig mit Amateurtheater beschäftigen, ist eigentlich das Auffälligste die Vielfalt. Amateurtheater ist eine große, breitenkulturelle Praxis. Es gibt im Bund Deutscher Amateurtheater mehr als 2.500 Amateurtheater-Vereine – und das sind nur die offiziellen, die registrierten. Das ist also eine breite Theater-Bewegung, die noch nie in den Blick genommen worden ist. Wir haben uns nach 2015, als viel Theater unter anderem mit Geflüchteten gemacht worden ist, gefragt, ob hier nicht auch Potenzial für kulturelle Bildungsarbeit besteht. Es gibt Gruppen, die die Geschichte des Ortes und der näheren Umgebung erforschen, selbst gebaute Stücke, chorische Produktionen, Tanzchoreografien. Das alles lässt sich nicht auf einen einzelnen Nenner bringen, sodass wir sagen könnten: Das ist jetzt Amateurtheater.

Wie weit sind Sie in ihrer Untersuchung des Amateurtheaters zurückgegangen?

Wir haben einen Schnitt gemacht mit dem Kaiserreich, als sich die Amateure noch Dilettanten genannt haben, also Liebhaber. Die haben immer auf das professionelle Theater geschielt und es ist das Höchste gewesen, wenn einer der Dilettanten zu den Profis wechseln konnte. Diese Vorstellung ändert sich in der Weimarer Republik, wo programmatisch gesagt wurde, dass sich die professionellen Theater ein Beispiel am Amateurtheater nehmen könnten. Dann ist das Amateurtheater auch instrumentalisiert worden: Im Nationalsozialismus stand das Amateurtheater im Dienste der Volksgemeinschaft und hat das zum Teil liebend gerne gemacht. Dafür spricht die Kontinuität in Präsidentschaft des Amateurtheater-Verbandes: Der damalige Vorsitzende hat auch nach 1945 weitergemacht. Nach dem Krieg hat sich das natürlich aufgeteilt in Ost oder West mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Und heute ist die Internationalisierung des Amateurtheaters bei internationalen Festivals und auch Diversität ein ganz starkes Thema.

Bühnenszene "Räuber*innen"
Die Bürgerbühne des Dresdner Schauspiels erarbeitet zuletzt Schillers "Räuber" mit Amateuren. Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

Das Buch zu dieser Forschung trägt den Titel "Fremde spielen". Ab wann ging es darum, jemand anderen und nicht mehr nur sich selbst und die eigene Welt nachzuspielen?

Wir wollten zuerst wissen, wer das ist und was die machen und wie die sich sehen. Dann haben wir gedacht, dass Theater spielen als eine gesellschaftliche, gesellige und kulturelle Praxis für alle und von allen eigentlich ein ausgezeichnetes Mittel sein könnte, sich selbst und die eigenen Ansichten buchstäblich aufs Spiel zu setzen, ins Spiel zu bringen und sich mit anderen Vorstellungen auszutauschen. Das wäre eine Art und Weise dem Fremden zu begegnen. So in etwa ist es auch von Bertholt Brecht in seiner Lehrstück-Arbeit konzipiert worden. In so einem Horizont steht heute ein Großteil von Amateurtheater-Arbeit. Die Begegnung mit dem Fremden passiert nicht durch bestimmte Themen oder Stoffe, sondern einfach dadurch, dass ich mich selbst im Spiel aufs Spiel setze und ins Spiel bringe mit anderen Ansichten und Vorstellungen.

Welche Entwicklung wird das Amateurtheater in den nächsten Jahren erleben? Wird es vielleicht eine Aufwertung des Amateurtheaters geben, sodass es auf Augenhöhe mit dem professionellen Theater steht. Wird es vielleicht sogar spannender sein als die Arbeit auf den professionellen Bühnen?

Ich würde es jetzt nicht wieder gegeneinander ausspielen. Es ist zu beobachten, dass es im Zeitalter der Digitalisierung einen ganz starken Gegentrend zum analogen, gleichsam zum unmittelbaren Kontakt und zum Theaterspielen gibt. Das sehen wir schon daran, dass die Anzahl von Spielgruppen für nichtprofessionelle Akteurinnen und Akteure, die die professionellen Theater heute anbieten, sprunghaft angestiegen sind. Die werden auch für jedes Lebensalter nachgefragt. Das wird sich weiter ausbreiten. Vor allem wird sich dieses Zusammenspiel, die Auseinandersetzung, aber auch die Versuche für gemeinsame Produktionen von nichtprofessionellen Akteurinnen und Akteuren und professionellen Theaterschaffenden weiter entwickeln. Es wird eine noch breitere kulturelle Praxis sein, als sie es jetzt schon ist. Es gibt einfach ein Bedürfnis nach einer Unmittelbarkeit, persönlichem Kontakt und nach Austausch in einem Zeitalter, das von digitalen Medien bestimmt ist.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Informationen zum Buch Günther Heeg u.a.: "Fremde spielen. Materialien zur Geschichte von Amateurtheater"
Schibri-Verlag
200 Seiten
ISBN: 978-3-86863-221-7
Preis: 24,80 Euro

Mehr zum Theater

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juni 2021 | 16:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei