Interview Warum der Dresdner Theaterintendant Klement Solidarität mit "Letzte Generation"-Aktivisten fordert

Im November haben Künstler*innen den Aufruf "Klimaschutz ist kein Verbrechen" gestartet, um sich mit der Klimaschutz-Gruppierung "Letzte Generation" zu solidarisieren. Zu den bisher rund 1.400 Unterzeichnenden zählen Schauspielerinnen, Autoren, Regisseure und Musikerinnen. Einer der Erstunterzeichner ist Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels Dresden. Er hat den Aufruf als Privatperson unterzeichnet. Im Interview erklärt er, warum er die "Letzte Generation" unterstützt – bei Protesten in seinem Theater aber die Polizei rufen würde.

Joachim Klement 9 min
Bildrechte: MDR/Alexandra Fröb

MDR KULTUR: Warum unterstützen Sie persönlich diese Protestbewegung?

Joachim Klement: Man muss ja mal sagen, wann ist sie denn auf den Weg gebracht worden? Das ist sie nach einem gescheiterten Weltklimagipfel in Ägypten und zu einem Zeitpunkt, als man den Eindruck hatte, jetzt wird die Hoheit über den Stammtischen den Menschen überlassen, die schon von einer Klima-RAF reden, obwohl es eigentlich um gewaltfreie Proteste geht. Und ich finde, das ist eine Situation, da muss man dann einfach sagen: Das kann man so nicht machen. Man muss dafür sorgen, dass verbal abgerüstet wird und man mal darüber redet, um was es eigentlich geht.

Es betrifft vielleicht die Kulturmenschen noch sehr viel stärker, dass die "Letzte Generation", Vertreter der "Letzten Generation", Kunst bewerfen, mit Lebensmitteln. Noch sind keine größeren Schäden entstanden, aber es könnten ja noch welche entstehen. Geht Ihnen das nicht gegen den Strich?

Doch, wenn das so wäre, wäre das in der Tat so, dass ich das verurteilen würde. Bis jetzt hat man ja gegen Glasscheiben geworfen, die Kunst schützt, weil man weiß, was das bedeutet. Wir reden über eine Art von zivilem Ungehorsam. Und beansprucht wird doch da, dass es sich um einen begründeten Protest handelt, der eben nichts mit individuellen Glaubensüberzeugungen zu tun hat, sondern mit einer Situation, von der man denkt, dass sie die Zukunft unseres Landes gefährdet. Und darauf berufen sich ja Vertreter der "Letzten Generation".

Die bis jetzt öffentlich vernehmbar waren, sind ja welche, die sich auf wissenschaftliche Forschung berufen. Ich habe zuletzt Andreas Levermann gehört, das ist ein Klimaforscher des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Und der sagt, wenn wir diese Aufgabe, unsere Zukunft zu schützen im Hinblick auf die Klimafrage, nicht in den Griff kriegen, dann haben wir auch zukünftig keine Demokratien mehr. Und ich finde, diese Kontextualisierung ist eine, die man sich klarmachen muss. Und das kann man nicht einfach mit irgendeinem Klima-RAF-konnotierten Begriff wegwischen. Das sind doch einfach Fakten, denen man sich stellen muss. Und es ist ja auch so, dass über Jahrzehnte wirklich Sachen verschlafen und ausgebremst worden sind.

Und dadurch entsteht eine Dringlichkeit, die diese Klimaaktivisten für sich in Anspruch nehmen. Und ich finde, der Versuch dieser Protestform ist doch, dafür zu sorgen, dass dieses Thema im Alltag vorkommt, der immer noch stark fossil geprägt wird. Darum geht es. Sie nehmen in Kauf, dass sie natürlich in einer Rechtsordnung leben und für das, wo sie Gesetze brechen, auch bestraft werden. Regelverletzung gehört dazu. Aber es gehört eben auch dazu, dass man dafür einsteht, dass man eine Normverletzung vorgenommen hat.

Wir haben es ja gesehen bei Gerichtsentscheidungen, dass es eben durchaus auch strafrechtlich relevant ist. Man könnte das natürlich so drehen, dass man sagt, Ihre Unterschriftenliste, Ihr Aufruf unterstützt strafbare Handlungen.

Das ist aber gar nicht so. Entschuldigen Sie bitte, da gibt es gar keine Aufforderung, sondern das, was wir dort tun, ist, zu sagen: Man muss das einfach ernstnehmen, was dort vorgebracht wird. Und dazu muss man sich verhalten.

Ist Kunst ein legitimes Ziel in diesem Zusammenhang?

Naja, wir können uns ja davor auch nicht verwahren.

Das kann ja bei Ihnen genauso passieren auf der Bühne. Was machen Sie denn, wenn Protestierer Ihre Inszenierung stören?

Dann würden wir wahrscheinlich auch die Polizei holen. Aber das hat doch miteinander nichts zu tun. Das eine ist doch das, was sozusagen passiert. Und das andere ist die Form, für was dieser Widerstand steht. Das sind doch zwei verschiedene Dinge.

Dennoch würden Sie als Intendant die Polizei holen, obwohl Sie diese Bewegung unterstützen? Sie sind ja Hausherr, Sie müssten nicht unbedingt.

Nein, natürlich. Aber die Menschen sind doch gekommen, um eine Vorstellung zu sehen. Und das sollen sie doch auch sehen. Und das kann man doch nicht einfach nur unterbrechen. Dass da möglicherweise auch eine Diskussion entsteht, die da gewollt ist, das wird man dann sehen.

Werden Sie denn Ihr Theater zumindest für diese Bewegung öffnen? Vielleicht für Diskussionsforen oder als Podium zur Verfügung stellen?

Natürlich. Das ist auch etwas, was man überlegen muss, wie man nochmal eine andere Form von Gesprächskultur entwickeln kann. Wie kann man Foren schaffen, in denen diese Fragen nochmal in der breiteren Öffentlichkeit auch diskutiert werden?

Und das könnte bei Ihnen passieren? Da sind Sie offen und planen schon etwas?

Zumindest sind wir in Vorplanung, so würde ich mal sagen. Es gibt noch keinen konkreten Punkt.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Vladimir Balzer. Dies ist eine gekürzte Fassung. Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

Anm. der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags fehlte der Hinweis, dass Joachim Klement den Aufruf als Privatperson unterzeichnet hat. Diese Information haben wir ergänzt.

Mehr zu Klimaprotesten in Museen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2022 | 10:15 Uhr

Mehr MDR KULTUR