Kultur im Lockdown "Lohengrin" an der Oper Leipzig – Premiere kurz vor dem Lockdown

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Es war eine der letzten Premieren kurz vor dem zweiten Lockdown – noch eine Woche vorgezogen, damit sie noch stattfinden konnte: Die Oper "Lohengrin" in Leipzig in einer gekürzten Corona-Fassung. MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky wäre auch vom "Kammerspiel-Lohengrin" überzeugt, wenn die Regie nur nicht so missglückt gewesen wäre. Über einen der letzten Theaterabende für die kommenden Wochen.

Lohengrin
Eine Szene aus der Inszenierung "Lohengrin" an der Oper Leipzig mit König (Randall Jakobsh) und Elsa (Jennifer Holloway) Bildrechte: Kirsten Nijhof/Oper Leipzig

In Leipzig wurde ausgerechnet zum Premierentag der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro Woche gerissen, statt der ursprünglich vorgesehenen 370 Besucher durften nur noch 240 in die Oper – viele kamen also umsonst und wurden auf später vertröstet.

Die Zuschauer, die in die Oper durften, erlebten einen "Lohengrin" in einer Art Kammerspiel-Fassung. Der Stoff, der eigentlich auf vier Stunden ausgelegt ist, wurde hier gerade mal zwei Stunden gekürzt – und das funktioniert gut! Das Orchester wurde auf die Bühne gesetzt, die sechs Protagonisten agierten auf der Vorbühne und alles passte musikalisch wirklich bemerkenswert gut zusammen, das war fast ein bisschen Bayreuth-Feeling, wenn der Orchesterklang von hinten gut gemischt und fast in Mono kommt und davor viel Platz für die Stimmen lässt. Regiemäßig könnte die Konzentration auf das Kammerspiel auch klappen. Die Strichfassung der Musik, also die gekürzte Oper, funktioniert schlüssig.

Leider hat der Regisseur Patrick Bialdyga aber nicht dieses schlüssige Kammerspiel bedient und im Zentrum die Beziehungen der Figuren in Szene gesetzt, sondern allerlei bedeutungsschwangere Regieeinfälle aufgetischt.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

"Lohengrin" als überzeugend gekürztes Kammerspiel

"Lohengrin" ist eine Art Machtspiel um den Fürstenthron, es gibt alte und neue Rechte auf diesen Chefposten. Elsa soll den Thronfolger, ihren Bruder, umgebracht haben, das ist die Ausgangssituation. Lohengrin, der Schwanenritter, kommt als ihr Retter. Der Chor übernimmt die Rolle der Öffentlichkeit, vor der alle ihr Tun rechtfertigen müssen. In der gekürzten Fassung fällt der nun quasi komplett weg. Das ist einerseits schade. Andererseits: Normalerweise ist "Lohengrin" eine ganz große Choroper mit Extrachor, die Chorsänger mimen dann allesamt Soldaten, die in die Schlacht ziehen, ständig wird trompetet und getutet und die Soldaten stellen sich in Reihe auf: Linksum! Gewehr über! Das klingt bei Wagner sehr martialisch, wirkt dann aber allzu oft unfreiwillig komisch bis peinlich, wenn übergewichtige, ältere Chorherren versuchen, ein Gewehr auf Kommando zu schultern, bzw. historisch korrekt: die Lanze. Das sieht dann oft aus wie das letzte Aufgebot vor der Kapitulation und nicht wie ein gut gedrilltes, kampfbereites Heer. Diese Peinlichkeit wird dem Zuschauer hier erspart.

Hier ist es so: Der Chor steht auf der Seitenbühne im Off, wird über Mirkos verstärkt, was suboptimal klingt. Das Orchester in normaler Besetzung, also rund 60 Musiker, sitzt auf der Bühne, davor die sechs Protagonisten: das gute Pärchen Lohengrin und Elsa, die Bösewichte Ortrud und Telramund, dazu der König und sein Heerrufer.

Lohengrin
Die sechs Portagonisten haben sich auf der Bühne verteilt, im Hintegrund spielt das voll besetzte Orchester. Bildrechte: Kirsten Nijhof/Oper Leipzig

Die Kürzung funktioniert aber nicht nur in der Erzählung der Handlung, sondern auch musikalisch: Nach dem Ende der Vorstellung habe ich mich gefragt, ob ich irgendwas nicht gehört hätte, ob mir was fehlt. Nein! Es war eigentlich der komplette musikalische "Lohengrin".

Ulf Schirmer hat das also überzeugend gekürzt. Ein Experiment, das man wirklich weiterverfolgen kann.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Missglückte Regie

Leider musste Regisseur Patrick Bialdyga unbedingt bedeutungsschwangere Regiemätzchen wie einen blinden, umhertappenden Telramund zeigen – warum auch immer – oder einen König, der das Kreuz aus seinem Reichsapfel rausschraubt, das Kreuz hat unten einen Ring, im Apfel ist Seifenwasser, aus dem der König Seifenblasen in die Welt bläst – warum nur? Hier werden Nebensächlichkeiten in Szene gesetzt, während die Hauptsache völlig ausgeblendet wird. Denn das Orchester auf der Bühne ist ja durch diese Verortung quasi zum Mitspieler gemacht. Aber seltsamerweise wird das Orchester von den Sängern nie bemerkt. Ganz zu schweigen davon, dass man das Orchester ja auch anspielen könnte, z. B. wenn im dritten Akt Brautgemach ein Moment der Sprachlosigkeit da ist, Stillstand der Handlung, Elsa und Lohengrin suchen nach Worten, und der Impuls weiterzumachen, dann aus dem Orchester kommt mit dem Motiv, das Lohengrin dann aus der Musik aufnimmt: "Atmest Du nicht mit mir die süßen Düfte".

Wenn man das Orchester auf die Bühne setzt, dann muss sich die Regie damit auseinandersetzen, einfach nur ignorieren geht überhaupt nicht. Regie also mangelhaft bis ungenügend. Schade!

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Lohengrin
Der König hält den seltsamen Seifenblasen-Reichsapfel in der Hand, im Vordergrund der blinde Telramund. Bildrechte: Kirsten Nijhof/Oper Leipzig

Hervorragend besetzt

Dennoch war es eine überzeugende Ensembleleistung. Niemand fällt raus, im Gegenteil: Michael Weinius als Lohengrin hat eine schöne Tenorstimme. Heerrufer (Mathias Hausmann), König (Randall Jakobsh), Telramund (Simon Neal) haben tiefe, klare, gut artikulierte Männerstimmen. Überhaupt sind die Texte auffallend gut zu verstehen. Vielleicht auch ein Resultat dieser Anordnung der Sänger vor dem Orchester. Ortrud klingt mühelos und groß – vielleicht sogar zu groß. Stephanie Müther ist hier für Kathrin Göring kurzfristig eingesprungen. Für Jennifer Holloway, die die Elsa singt, ist es das Rollendebüt. Sie hat viel Kraft in der Stimme, kann sie aber auch gut und klar führen, ist erstaunlich gut zu verstehen, hat auch schöne leise, lyrische Töne – eine überzeugende musikalische Leistung. Und Holloway spielt auch sehr gut, trotz der bemerkenswert ignoranten Regie.

Lohengrin
Michael Weinius spielt den Lohengrin. Bildrechte: Kirsten Nijhof/Oper Leipzig

Ein doppelt richtiger Theaterabend

Bei den vielen Theatern, die jetzt im Lockdown ihre Künstler wieder in Kurzarbeit schicken (müssen), war der "Lohengrin" am Ende doppelt richtig: Erstens, weil er versucht, den Betrieb am Laufen zu halten, was wirklich meinen höchsten Respekt verdient! Und zweitens: weil er in dieser Kammerspielfassung auch überzeugt und mehr als ein Notnagel ist. Man müsste nur das Orchester als Mitspieler stärker mitspielen lassen und mehr auf die Beziehungen der Figuren setzen.

Mehr Infos zur Inszenierung "Lohengrin" (Gekürzte Fassung)
Premiere 1. November 2020

Weitere Aufführungstermine stehen noch nicht fest.

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Patrick Bialdyga

Elsa: Jennifer Holloway
Ortrud: Stephanie Müther
König Heinrich: Randall Jakobsh
Lohengrin: Michael Weinius
Telramund: Simon Neal
Herrufer: Mathias Hausmann

Hören

Lohengrin 8 min
Bildrechte: Kirsten Nijhof/Oper Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. November 2020 | 12:40 Uhr