Expressionismus in der alten Heimat "Gas" am Theater Magdeburg: Klug, visionär und reif

1878 wurde Georg Kaiser in Magdeburg geboren. Seit 1917 feierte der Dramatiker erste Erfolge und gilt heute als der wichtigste Autor des expressionistischen Theaters. Damals entstand auch seine Theater-Trilogie "Gas", die heute – in Zeiten von Ukraine-Krieg, Energie-Krise und Gas-Lecks – wieder viel Interesse auf sich zieht. Nach dem Staatsschauspiel Dresden holt nun auch das Theater Magdeburg das Drama wieder auf den Spielplan – und überzeugt.

In einem rot erleuchteten kniet ein Mann in weißem Kittel verzweifelt auf dem Boden. Im Hintergrund bewegt sich eine schattenhafte Gestalt in einem Durchgang.
Das Bühnenbild ist inspiriert vom Magdeburger Architekten Bruno Taut. Bildrechte: Dorothea Tuch

"Die Stadt Magdeburg ist nicht phantastisch. Sie hat einen Dom, der auf Jugendliche keinerlei Eindruck macht – er steht da aus früheren Zeiten und ist von der Gegenwart nicht gewollt. Höchstens – und es genügt durchaus nicht – vermittelt der Fluss die Elbe einen mächtigeren Eindruck – aber doch nicht mächtig genug, um für die übrige Einöde zu entschädigen." – Das hat Georg Kaiser 1930 geschrieben. Da war der gebürtige Magdeburger schon einer der erfolgreichsten Autoren auf dem damaligen Theater.  

Im Gegensatz zu damals hat die Stadt heute auf junge Leute offensichtlich eine etwas andere Wirkung. Das beweist das sehr junge Team rund um Regisseur Florian Fischer, das Georg Kaisers Klassiker "Gas" aus dem Jahr 1918 an der Elbe zu neuem Leben erweckt – mit gleichermaßen leichter und sicherer Hand.

Ins Magdeburg der 1920er-Jahre

Der Abend beginnt mit einer Ouvertüre bei noch geschlossenem Vorhang, unter dem allerdings schon ein Bühnenbilddetail herausragt: ein Sideboard, oder (um im Geist der Zeit zu bleiben) eine Anrichte aus der Zeit des Neuen Bauens. Eine Stimme aus dem Off begrüßt uns im Jahr 1918, in einer Endzeitsituation der Menschheit. Die einen warten auf den Kometen, etwas realistischer Eingestellte zumindest auf nichts Gutes.

Doch es gibt eine Verheißung: die expressionistische Kunst, die den Menschen eines Besseren belehren will. Dann öffnet sich der Vorhang und wir schauen auf ein Gesamtkunstwerk. Die Bühnenbildnerin Sina Manthey hat ein Büro im Geist der Architektur von Bruno Taut erschaffen. Dem Meister des Neuen Bauens, der in Magdeburg in den 1920er-Jahren Stadtbaurat war und mit der "Hermann-Beims-Siedlung" seine Idee von der "bunten Stadt" verwirklichte.

Theater über Gas und Katastrophe

Hier klappert Bettina Schneider auf ihrer Schreibmaschine. Soundtechnisch unterlegt, wechselt die Zweifingersuche mit rasantem Stakkato, das sich völlig von den Tasten löst – die Luftgitarre lässt grüßen – um dann wieder im Normalzustand zu landen. Ein virtuoses Solo, ganz beiläufig präsentiert. Denn eigentlich erfahren wir von ihr und einem Herrn in Weiß (den Robert Lang-Vogel sehr exaltiert spielt), wo wir sind: In dem Werk, in dem das Gas produziert wird, von dem nicht nur diese beiden Angestellten, sondern die ganze Menschheit abhängig ist. Der Treibstoff des Fortschritts, des Lebens, des allgemeinen Wohlstands.

Der Raum ist in weißes Licht getaucht. Ein Mensch liegt verdreht auf dem Boden, im Hintergrund tritt eine weitere Person auf.
Das Stück "Gas" von Georg Kaiser ist von Katastrophen bestimmt. Bildrechte: Dorothea Tuch

Dann wird es hektisch. Ein Arbeiter im Katastrophenmodus (Oktay Önder) erscheint und alarmiert den von Nico Link gespielten Musterbuch-Ingenieur: "Gasverfärbung am Sichtglas!". Der Fabrikbesitzer (Lorenz Krieger), ein Philanthrop und laut Besetzungszettel "Milliardärsohn" erfährt, dass mit der Gas-Formel zwar alles stimmt, in Wirklichkeit aber trotzdem nichts so läuft, wie erwartet. Der Druck steigt, das Werk explodiert. Philipp Kronenberg stürzt als splitternacktes, bodygepaintetes Explosionsopfer herein, haucht seinen Botenbericht und sein Leben in den Armen des Chefs aus.

"Gas" am Theater Magdeburg 8 min
Bildrechte: Dorothea Tuch
8 min

MDR KULTUR - Das Radio So 09.10.2022 06:00Uhr 07:52 min

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Alles neu oder weiter wie gehabt?

Der Chef ist nun geläutert, will nicht mehr, will die "Welt-Werk-Ruhe" verordnen: "Ich habe meinen Beruf. Ich brauche den Erwerb", sagt die Schreiberin vom Anfang. Die Arbeiter sehen es ähnlich, brauchen aber einen Schuldigen. Der Ingenieur soll gehen, das Werk aber wiederaufgebaut werden. Damit beginnt das große Abwägen. Weiter wie gehabt oder auf zu neuen Ufern?

"Ihr seid entlassen aus Brot und Gewinn. Seid Menschen, kommt raus aus der Halle", ruft der Chef. Und der Ingenieur, der den Kittel auszieht, um die Arbeiter nun als Agitator zu bearbeiten: "Ihr müsst ins Werk – Gas! Gas! Herrscher seid ihr hier. Da Bauern." – "Zu Menschen seid ihr entlassen", fleht der Fabrikant. Doch da folgt die eben noch klagende Masse lieber dem Ingenieur.

Ein Mann in einem abgenutzten, orangem Arbeitsanzug schaut in die Kamera. Im Hintergrund steht eine entspannte Person.
Die Konflikte auf der Bühne Magdeburg nehmen zu. Bildrechte: Dorothea Tuch

Nachdenkwürdiger Abend in Magdeburg

Es wird unübersichtlich und es wird geschossen. Der eiserne Vorhang senkt sich als Schutzschild – für den Chef, einen bewaffneten Soldaten und einen Regierungsvertreter. Letzterer drängt zum Weitermachen und hat die Vollmacht, dem Chef von seinem Werk im Sinne des Gemeinwohls zu enteignen. Der Soldat hebt die Pistole. Was weiter geschieht, entzieht sich den Blicken. Denn der eiserne Vorhang senkt sich bis ganz zum Boden – um sich dann doch noch einmal zu öffnen.

Drei Männer sind ineinanderverschlungen, halten sich fest und werden weiß angestrahlt.
Der Theaterabend in Magdeburg überzeugt mit einer reifen und visionären Inszenierung. Bildrechte: Dorothea Tuch

Das Publikum blickt auf eine Art Muschel oder Gebärmutter, die in den Farben der Ukraine schimmert, um dann rasch ins poppig Bunte zu wechseln. Aus ihr drängen drei Hippies: Die Wiedergeburt der Menschheit in einem Blumenkinder-Paradies? Zu schön und kitschig, um wahr zu sein. Meldet sich da der Realist, der aber auch weiß, dass das Gas keine Alternative ist. Am Ende tobender Applaus für einen klugen, visionären und auch theatralisch sehr reifen Abend, der hier von einer jungen, augenscheinlich übermütigen Truppe zu einem Angebot fürs Weiterdenken gemacht wurde.

Weitere Informationen Die Schauspiel-Inszenierung von "Gas" von Georg Kaiser feierte am 8. Oktober Premiere am Theater Magdeburg.

Regie: Florian Fischer
Bühne: Sina Manthey
Kostüm: Carla Renée Loose
Musik: Diego Noguera
Mit: Lorenz Krieger, Philipp Kronenberg, Robert Lang-Vogel, Nico Link, Oktay Önder, Mia Rainprechter, Bettina Schneider und Carmen Steinert

Weitere Termine:
12. Oktober, 19.30 Uhr
16. Oktober, 18 Uhr
29. Oktober, 19.30 Uhr
5. November, 19.30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Oktober 2022 | 09:40 Uhr

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