Premiere Oper Leipzig versetzt Nielsens "Maskarade" in die Spaßgesellschaft des 20. Jahrhunderts

Als dänische Nationaloper gilt "Maskarade" von Carl Nielsen. Dabei dreht sich die Handlung darum, wie das Maskentragen die öffentliche Ordnung durcheinanderbringen kann. Den subversiven Maskenball aus dem frühen 20. Jahrhundert hat Regisseur Cusch Jung jetzt an der Leipziger Oper als Geheim-Party im Hinterhof inszeniert. Aus der komischen Oper macht er so eine musikalische Revue und ein gelungenes Ensemble-Stück, wie unser Kritiker findet.

Die Oper "Maskarade" von Nielsen an der Oper Leipzig, Premiere am 23.04.2022
Carls Nielsens komische Oper "Maskarade" feierte am 23. April 2022 in Leipzig Premiere. Bildrechte: Tom Schulze

Es ist eine Zeitenwende, die die dänische Nationaloper "Maskarade", 1906 in Kopenhagen uraufgeführt, thematisiert. Als Vorlage diente dem Komponisten Carl Nielsen eine Komödie der Frühaufklärung von Ludvig Holberg, die sich 1723 polemisch gegen das damals in Kopenhagen geltende Verbot von Maskenbällen und gegen den Pietismus und die patriarchalische Gesellschaft richtete.

Inspiriert von Komödie über Maskenverbot der Pietisten

Unter den Masken sind alle gleich: Bediente und Herrschaft, Bettler und König, Mann und Frau. Die von den spießigen Familien-Vätern vorgesehene Eheverbindung wollen die Kinder nun nicht mehr eingehen. Sie sind vergnügungssüchtig und verlieben sich unsterblich in ihre maskierten Partner. Zwar erweist sich – für den Komödienmechanismus wenig überraschend – dass die von den Vätern vorgesehenen Ehepartner gleichzeitig die maskierten Geliebten sind, doch wenn die Figuren im Finale ihre Masken schließlich abnehmen müssen, ist Nielsens Musik plötzlich von tiefer Melancholie bestimmt. Das Paradox, das "Maskarade" zeigt: Wahrer Mensch ohne Schranken ist man anonym unter der Maske, nicht in der vorgegebenen Rolle als Familienpatriarch, Ehemann oder Arbeitgeber.

Gewandhausorchester schwelgt in spätromantischer Musik

Die Wahl eines Commedia dell arte-Stoffes ist für die vorletzte Jahrhundertwende nicht ungewöhnlich. Nielsen, 1865 geboren, gehört einer Generation an, die wie auch Richard Strauß, Jean Sibelius und vor allem Gustav Mahler eine immer wieder gebrochene spätromantische Musiksprache zum Klingen bringt, und in der das Gewandhausorchester unter Stephan Zilias nun mit viel Delikatesse schwelgt: Volksliedhaftes, fast zum Mitsingen, neben aufgerauten Klangfarben. Doch auch an Zitate von Richard Wagners "Meistersinger" und Giuseppe Verdis "Falstaff" wird man erinnert.

Szene aus der Stück "Maskarade" an der Oper Leipzig
Volksliedhaft, fast zum Mitsingen, ist Nielsens Musik in "Maskarade". Bildrechte: Tom Schulze

Maskenball als Geheim-Party

Szene aus der Stück "Maskarade" an der Oper Leipzig
"Maskarade" an der Oper Leipzig: Zwei Männer buhlen um dieselbe Frau. Bildrechte: Tom Schulze

Die Leipziger Inszenierung von Cusch Jung versetzt die Handlung in eine Spaßgesellschaft des 20. Jahrhunderts. Der Maskenball: eine geheime Party im Hinterhof. Der Nachtwächter, der die Stunden ausruft: ein Zigaretten rauchender Mann einer Wachgesellschaft. Und besonders effektvoll: die Beauty-Lounge (Ausstattung: Karin Fritz), in der sich die Ehefrau des Familienpatriarchen schön macht. Sie flieht ebenfalls zum erotischen Abenteuer auf dem Maskenball, für das sie sich in einer beeindruckenden Arie (Barbara Kozelj) keineswegs zu alt fühlt.

Cusch Jung, Chefregisseur der Musikalischen Komödie Leipzig, inszeniert die Oper als musikalische Revue, was zwar ein wenig die gebrochene Komik unterschlägt, andererseits den Cancan-Zitaten Nielsens entspricht. Am wirkungsvollsten sind die beiden Balletteinlagen, die Dreiecksgeschichten zwischen zwei Männern und einer Frau erzählen: Zwei Hähne, die um eine Henne streiten und der Kampf zwischen Mars und Vulkan um Venus (Choreografie: Oliver Preiss). Irritierend allerdings ein wenig die deutsche Übersetzung, die auf Teufel komm raus alles in Reime zwingt und dem Geschehen so – etwas angestrengt bemüht – eine zusätzliche kabarettistische Note zu geben versucht.

Szene aus "Maskarade" an der Oper Leipzig
Als musikalische Revue inszenierte Regisseur Cusch Jung die dänische Nationaloper "Maskarade" von Carl Nielsen an der Musikalischen Komödie Leipzig. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Großes Ensemblestück mit einem Gast aus Dänemark

"Maskarade" ist vor allem ein großes Ensemblestück. Von den vierzehn Rollen sind allerdings nur drei weiblich. Als Vater Jeronimus trauert Magnus Piontek den alten Zeiten nach, wo man schon um 21 Uhr zu Bett und nicht auf die Party ging und in der das Familienoberhaupt noch etwas galt.

Szene aus der Stück "Maskarade" an der Oper Leipzig
Gert Henning Jensen sang den Part des Sohnes Leander in der dänischen Originalsprache. Bildrechte: Tom Schulze

Zwei Hauptrollen mussten für die Premiere in letzter Minute neu besetzt werden: Sehr überzeugend vor allem Marek Reichart als revolutionärer Diener Hendrik. Für die Hauptrolle dieser dänischen Nationaloper, den partysüchtigen Sohn Leander, konnte kurzfristig Gert Henning Jensen aus Kopenhagen gewonnen werden. Er ist ein Spezialist dieser Rolle, hatte sie bereits in den 90er-Jahren unter Ulf Schirmer in einer Plattenaufnahme eingespielt und sang seine Partie nun in der dänischen Originalsprache. Dafür gab es viel und langen Applaus eines gut unterhaltenen Publikums.

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Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Cusch Jung
Choreographie: Oliver Preiß
Bühne und Kostüme: Karin Fritz
Chor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Weitere Termine:
Sonntag, 8. Mai 2022, 18 Uhr
Sonntag, 15. Mai 2022, 18 Uhr
Samstag, 4. Juni2022, 19 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2022 | 09:40 Uhr

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