Kritik Staatstheater Meiningen überzeugt mit Georges Bizets "Ivan IV"

Am Staatstheater Meinigen wurde Georges Bizets Zaren-Oper "Ivan IV" erstmals auf einer deutschen Bühne aufgeführt – und genau am 24. Februar 2023, dem ersten Jahrestag von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Inszenierung hat unseren Kritiker überzeugt und wirft die Frage auf, warum nicht schon früher ein anderes Theater dieses durchaus spannende Stück des "Carmen"-Komponisten auf die Bühne gebracht hat. Eine Kritik.

Marie kniet vor Ivan, er hält sie an den Handgelenken fest. Im Hintergrund ist ein Chor zu sehen.
Szene aus der Oper "Ivan IV", die aktuell am Staatstheater Meiningen zu erleben ist: Mercedes Arcuri als Marie und Tomasz Wija als Ivan. Bildrechte: Christins Iberl

Georges Bizet war keineswegs der Eine-Oper-Komponist, als der er heute weitgehend im Repertoire erscheint. Auch wenn sein letztes Werk, die unsterbliche "Carmen", uraufgeführt drei Monate vor seinem Tod 1875 mit nur 36 Jahren, die Spielpläne weltweit und unangefochten anführt. In einer Zeitspanne von 20 Jahren entstanden immerhin 15 Bühnenwerke. Darunter ist auch "Ivan IV." ebenfalls ein Fünfakter, komponiert zwischen 1862 und 1865, zwecks besserer Wiederkennbarkeit auch "Ivan der Schreckliche" betitelt.

Georges Bizets Oper "Ivan IV" wartete viele Jahre auf ihre Premiere

Das Libretto von François-Hippolyte Leroy und Henri Trianon ist – vor dem historischen Hintergrund der zweiten Ehe des Zaren Ivan IV. von Russland mit Marija Temrjukowna – dramaturgisch saftige, reine Fiktion. 1856 war es bereits Charles Gounod zur Vertonung angeboten worden, dieser hatte seine Oper auch 1858 vollendet, aber nie zur Aufführung gebracht.

Szene aus der Oper "Ivan": Marie und Ivan halten sich in goldenen Gewändern an der Hand und schauen sich an.
Mercedes Arcuri als Marie und Tomasz Wija als Ivan spielen die Hauptrollen in der Inszenierung des Staatstheaters Meiningen. Bildrechte: Christins Iberl

Georges Bizet hingegen begann möglicherweise bereits 1862 mit einer Vertonung für Baden-Baden. Die aber kam nie zur Aufführung. Später fanden unergiebige Verhandlungen mit dem Théâtre-Lyrique in Paris, ebenso mit der Pariser Oper statt. Als Folge blieb das Stück ebenfalls liegen, obwohl es – abgesehen von Teilen der Orchestrierung des fünften Akts – vollendet war.

Kultur

Opernszene: "Ivan IV." Staatstheater Meiningen 55 min
Bildrechte: Christina Iberl

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Opernszene: "Ivan IV." Staatstheater Meiningen 55 min
Bildrechte: Christina Iberl

Premiere am ersten Jahrestag des russischen Angriffskriegs

Komplettiert szenisch kam das Werk 1951 in Bordeaux heraus – freilich in einer vieraktigen Bearbeitung von Henri Büsser. 1975 wurde es in England konzertant erstmals in der ergänzten Originalfassung gegeben, der liegt auch einer CD-Aufnahme von 2002 zu Grunde.

Schon im Herbst 2020 wollte Jens Neundorff von Enzberg seine Meininger Intendanz mit der szenischen Uraufführung der Bizet-Originalfassung eröffnen – Corona hat es verhindert. Nun wurde es die deutsche Erstaufführung, die Petersburger Kammeroper ist den Meiningern letzten Dezember zuvorgekommen. Und die hat sich gelohnt.

Natürlich hatte man Bedenken, ausgerechnet am ersten Jahrestag von Vladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine eine französische Oper über einen legendär "schrecklichen" Zaren zu spielen. Aber Regisseur Hinrich Horstkotte, immer auch sein eigener Ausstatter, der gerne bildlich mit historischen Vorgaben arbeitet und diese bricht, hielt sich diesmal zurück.

Ivan hebt mit gekröntem Haupt die Hand in die Luft, um ihn herum kniet sein Volk.
Hinrich Horstkotte hat bei der deutschen Erstaufführung von Bizets Oper "Ivan IV" am Staatstheater Meiningen Regie geführt. Bildrechte: Christins Iberl

Die Geschichte von Ivan, der sich als Frau eine Tscherkessen-Prinzessin nimmt, während diese Beziehung von Anfang an durch Intrigen in Frage gestellt wird, hat die Regie vor einem kriegerischen Hintergrund weitgehend ohne aktuelle Anspielungen auf der privaten Ebene belassen.

Bühnenbild spielt auf den Krieg in der Ukraine an

In einer grau-schwarzen Kiste konzentriert sich alles auf eine dichte Personenführung. Ein Hügel, der aussieht wie die Steine des Holocaust Memorial in Berlin (einer davon dient später auch als Bett Marias), zeigt die Überzeitlichkeit dieses expressiven Ambientes. Und am Ende, der Zar hat sich zwar zu seiner Frau bekannt, schlägt aber trotzdem im Wahn die Krone an den Thron, zieht sich das russische Volk ein Betttuch über die Köpfe. Öffnet sich der Vorhang noch einmal, dann ist dieses Laken in die Farben der Ukraine, Blau und Gelb, getaucht.

Ivan schläft mit nacktem Oberkörper neben Marie, ein durchsichtiger Vorhang umringt sie.
Szene aus der Operninszenierung "Ivan IV" am Meininger Staatstheater Bildrechte: Christins Iberl

Psychologisch interessant, instrumental schillernd

War dieser "Ivan der Schreckliche" also die Rekonstruktion wert? Ist er dem "Carmen"-Komponisten würdig? Unbedingt, es ist eine durchaus gelungene Grand Opéra, psychologisch interessant, wenngleich ohne die populäre Melodienfülle der "Carmen".

Nach der heftig beklatschten Premiere wundert man sich schon, warum nicht schon früher ein anderes Theater dieses durchaus spannende Stück eines berühmten Komponisten auf die Bühne gebracht hat.

Manuel Brug, Opernkritiker

Am Pult dieses "Ivan der Schreckliche" stand der ehemalige, mit raren Großwerken vertraute Meininger Generalmusikdirektor Philippe Bach, der mit der Hofkapelle die extremen Kontraste des instrumental schillernden Stückes souverän im Griff hatte. Das klang betörend im Flötenleisen und machtvoll im Orgelgepluster.

Igor hält kämpferisch eine Waffe in die Höhe, Soldaten in traditioneller Tracht umgeben ihn. Im Hintergrund ist Temrouk, der Regent der Tscherkessen zu sehen.
Alex Kim als Igor und Paul Gay als Temrouk mit dem Herrenchor in der Oper "Ivan IV" von Georges Bizet am Staatstheater Meiningen. Bildrechte: Christins Iberl

Russische Kulturgeschichte nicht Putin überlassen

Sechs Rollen mit höchsten Vokalanforderungen sind hier zu besetzen. Auch das gelang mehr als befriedigend. Tomasz Wija ist mit dunklem Bariton ein glaubwürdig fesselnder Ivan zwischen Umnachtung, Leidenschaft und Brutalität. Gut auch die anderen beiden Baritone, Shin Taniguchi als Intrigant Yorloff und Paul Gay (der schon 2002 auf der CD zu hören war) als besorgter Vater Marias. Die wiederum wird mit Agilität und Höhensicherheit von Mercedes Arcuri verkörpert. Sara-Maria steuert als junger Bulgare und Marias Vertrauter stellenweise Mezzotöne bei.

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Opernszene: "Ivan IV." Staatstheater Meiningen 55 min
Bildrechte: Christina Iberl
55 min

Georges Bizet war einer der größten Opernkomponisten und sein IVAN IV. hat das Niveau von Carmen, sagt Philippe Bach, der GMD der Meininger Hofkapelle über die Opern-Wiederentdeckung am Staatstheater Meiningen.

MDR KLASSIK Sa 25.02.2023 20:00Uhr 54:48 min

https://www.mdr.de/klassik/hoeren-sehen/opernmagazin-georges-bizet-ivan-IV-100.html

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Stark und präsent auch der aufgestockte Chor. Und nach der heftig beklatschten Premiere wundert man sich schon, warum nicht schon früher ein anderes Theater diese durchaus spannende Stück eines berühmten Komponisten auf die Bühne gebracht hat. Die Reise nach Meiningen lohnt also. Auch weil es Not tut, sich weiterhin mit russischer Kulturgeschichte auseinanderzusetzen und die nicht ganz Putins Propaganda zu überlassen.

Weitere Informationen

Ivan IV
Grand opéra in fünf Akten von Georges Bizet
Dichtung von François-Hippolyte Leroy und Henri Trianon

Deutsche szenische Erstaufführung der fünfaktigen Fassung in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Philippe Bach
Regie, Bühne, Kostüme: Hinrich Horstkotte
Chor: Manuel Bethe
Dramaturgie: Julia Terwald

Besetzung:
Ivan: Tomasz Wija
Olga: Tamta Tarielashvili/Marianne Schechtel
Yorloff: Shin Taniguchi
Junger Bulgare: Sara-Maria Saalmann
Offizier: Andreas Kalmbach
Temrouk: Paul Gay/Selcuk Hakan Tıraşoğlu
Marie: Mercedes Arcuri/Monika Reinhard
Igor: Alex Kim
Tscherkesse, eine Stimme, Wache: Mikko Järviluoto
Herold: Stan Meus
Sophie: Lea Pauline Kellermann/Nancy Kasper

Mit dem Chor des Staatstheaters Meiningen, dem Extrachor des Staatstheaters Meiningen und der Meininger Hofkapelle.

Termine:
26. Februar, 18 Uhr
04. März, 19:30 Uhr
11. März, 19:30 Uhr
27. April, 19:30 Uhr
28. Mai, 18:00 Uhr
23. Juni, 19:30 Uhr
28. Juni, 19:30 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Opernmagazin | 25. Februar 2023 | 20:05 Uhr

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