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Milan Peschel hat an der Berliner Volksbühne in zahlreichen Inszenierungen von Frank Castorf mitgewirkt. Nun inszeniert er Schillers "Räuber" am Anhaltischen Theater Dessau. Bildrechte: Claudia Heyse

"Ich bin keine Wichsvorlage von Schiller"

Milan Peschel inszeniert in Dessau Schillers "Die Räuber"

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Stand: 26. März 2021, 04:00 Uhr

Milan Peschel ist vielen vor allem als Schauspieler durch Filme wie "Halt auf freier Strecke" oder "Gundermann" bekannt. Doch eigentlich kommt er vom Theater, sowohl als Schauspieler wie auch als Regisseur zieht es ihn immer wieder dorthin zurück. In Dessau hat er nun Schillers Meisterstück "Die Räuber" inszeniert – mit aktuellem Bezug bis hin zur Kapitalismuskritik.

Milan Peschel inszeniert gerade am Anhaltischen Theater Dessau Friedrich Schillers "Die Räuber". Milan Peschel? Das ist doch der mit dem markanten Gesicht, den man aus dem Kino kennt oder vom Fernsehen. Dort war er zuletzt im vielgelobten Zweiteiler "Altes Land" im ZDF zu sehen. Oder immer mal wieder im Tatort. Im Kino hat er viel mit Andreas Dresen gedreht: "Halt auf freier Strecke", "Gundermann" und "Tim Thaler oder das verkaufte Lachen". Der Mann ist im Geschäft der bewegten Bilder, kommt aber eigentlich vom Theater. Und da zieht es ihn auch immer wieder hin, als Schauspieler und Regisseur.

Was heißt hier Werktreue?

Gerade inszeniert Peschel in Dessau am Anhaltischen Theater "Die Räuber". Doch ist das wirklich Schiller? Beim Besuch einer Probe auf der großen Dessauer Bühne brüllt die Darstellerin in den Saal: "Ich bin keine Wichsvorlage von Schiller". Natürlich nicht, der Mann ist lange tot, und sie spielt hier die Amalia. Aber der Regisseur Milan Peschel will halt Leben in der Bude: "Was heißt Werktreue? Einfach nur den Text aufsagen. Ich glaube, da tut man dem Werk keinen Gefallen. Wenn wir das Werk vom Blatt spielen, werden wir eher erreichen, dass die Leute einschlafen oder rausgehen.", gibt Peschel in einer Lüftungspause zu Protokoll. Rein Corona-bedingt ist diese Maßnahme – auf der Bühne herrscht keine dicke Luft.

Probenbild von Milan Peschels "Räuber"-Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau Bildrechte: MDR/Wolfgang Schilling

Das ist kein Dogma, eher ein Hinweis

Die Schauspieler sind engagiert dabei, und auch den Regisseur reißt es immer wieder aus seinem Sitz im Parkett vor an die Bühne. "Ich weiß natürlich, wie ich bestimmte Sachen spielen würde auf der Bühne. Das werfe ich dann immer wieder mit rein. Das ist kein Dogma, das ist eher ein Hinweis für die Schauspieler. Die müssen ja ihren eigenen Weg finden, in dem Gerüst, das ich da versuche zu bauen", erklärt Peschel seine Arbeitsweise, die den Schauspielern viel Freiraum lässt. Er hat es selbst so erfahren – bei seinem großen Lehrmeister Frank Castorf an der Berliner Volksbühne.

"Ein bisschen arbeite ich mich hier auch an meinen Dämonen ab"

Castorf hat dort auch mal die "Räuber" inszeniert. Da war Peschel noch Bühnenarbeiter am Haus am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. Nach seinem Schauspielstudium kam er zurück und hat elf Jahre mit Castorf zusammengearbeitet. "Das prägt natürlich und klar, ein bisschen arbeite ich mich hier auch an meinen Dämonen ab", sagt Peschel. Und dass er sich "Die Räuber" ausgesucht hat, weil die zum einen so ein deutscher Stoff sind, der gut zum Dessauer Theater und seiner Gründungsgeschichte passt. 1938 kam hier die gesamte Nazi-Prominenz zur Einweihung mit dem "Freischütz". "Es soll sogar ein eigens für Hitler eingebautes Klo geben", hat Peschel erfahren. Sowas gefällt ihm.

Das Anhaltische Theater in Dessau Bildrechte: IMAGO

Theater gegen den Überdruss an den Verhältnissen

Aber dann wird Peschel plötzlich ganz bestimmt und sagt, dass ihm der Stoff auch wichtig war, "weil es hier um Menschen geht, die einen starken Überdruss verspüren – an den Verhältnissen und an sich selber. Und das ist das, was ich gerade nicht nur in Ostdeutschland, sondern überall im Land erlebe. Diesen Überdruss an den bestehenden Verhältnissen."

Milan Peschel Bildrechte: Claudia Heyse

Wir merken – und ich schließe mich da gar nicht aus – dass wir einfach nur Konsum-Vieh sind, das jeden Monat zur Schlachtbank des Kapitals getrieben wird.

Milan Peschel, Schauspieler und Regisseur

Mehr als man im Reclamheft liest

Da kommt also was zu auf das Dessauer Publikum. "Mehr als nur der Text, den man im Reclamheftchen liest", bringt es der Schauspieler Niclas Herzberg, der den Max Moor spielt, auf den Punkt.

Ein Hauch von Volksbühne in der Provinz? Für Regisseur Peschel kein Thema: "Ich bin einfach wahnsinnig gern am Theater. Das kann sonst wo stehen. Und ich arbeite gerne mit Schauspielern zusammen, die Phantasie haben, die begeisterungsfähig sind und die gerne spielen. Und das ist hier der Fall."

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2021 | 07:40 Uhr