Umfrage Nachhaltigkeit: Wie grün sind Kulturbetriebe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

Requisiten und Kostüme wiederverwenden, Gebäude ökologisch sanieren, E-Bikes und LEDs nutzen: In Zeiten von Fridays for Future und alarmierender Berichte des Weltklimarates wollen sich auch Theater, Museen und Festivals in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen umweltfreundlicher aufstellen. MDR KULTUR hat in einer Umfrage nachgehakt. Ergebnis: Viele Kultureinrichtungen haben bis jetzt noch kein Konzept für Nachhaltigkeit, aber der Wille, sich stärker nachhaltig auszurichten, ist da.

Ein begehbarer Holzwürfel wurde als "Grünes Labor" am Tempelherrenhaus in Weimar aufgebaut.
Das "Grüne Labor" der Klassik Stiftung Weimar ist ein Veranstaltungsort aus natürlichen Baustoffen – etwa Bäumen, die aufgrund von Krankheit gefällt werden mussten. Bildrechte: Thomas Müller, © Klassik Stiftung Weimar

Die Gesichter der Nachhaltigkeit in Kulturbetrieben sind vielfältig. Kostüme werden mehrmals verwendet, Gebäude ökologisch saniert oder Nachhaltigkeit im Leitbild verankert. Teils steht man bei der Umstellung noch ganz am Anfang, teils wird sie schon intensiv gelebt. Klar ist: Grün zu sein oder noch grüner zu werden, steht bei fast allen Kulturbetrieben auf der Agenda – das zeigt die Recherche bei Museen, Theatern und Festivals in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Bühnendeko wiederverwenden, Ökostrom, E-Bikes

Landestheater Altenburg
Im Theater Altenburg Gera wird darauf geachtet, Kostüme und Bühnendeko wiederzuverwerten. Bildrechte: dpa

Für Theater, gerade kleine und mittlere Häuser ist Nachhaltigkeit eng mit Wirtschaftlichkeit verknüpft. Wer Kostüme und Requisiten wiederverwendet, Theaterausstattung verleiht, der handelt ökologisch – und spart Geld. So arbeitet das Theater Altenburg Gera. Außerdem wird nicht mehr gebrauchte Bühnendekoration demontiert, und wiederverwertbare Teile werden in die Werkstatt zurückgegeben. Auch im Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen wird Wert auf Wiederverwendung gelegt. Das brauche keine gesonderte Ansage, sondern sei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Fleisch und Blut übergegangen, sagt Intendant Lutz Hillmann.

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Eine Person hält eine Pfanze in den den Händen.
Bildrechte: Colourbox.de
Zeitgeschichtliches Forum in Leipzig
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Auch aus einem großen Haus in Leipzig kommen grüne Signale: Denn der designierte Intendant der Oper Leipzig, Tobias Wolff, hat angekündigt, sein Haus nachhaltiger auszurichten: Er will neben der Wiederverwendung der Ausstattung auch darüber nachdenken, wie man die CO2-Bilanz des Publikums senken könnte.

Das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) richtet bei der Nachhaltigkeit auch den Blick nach innen: Das Haus hat auf Ökostrom und Ökogas umgestellt, nutzt E-Bikes für innerstädtische Dienstreisen und zählt die ressourcengerechte Bewirtschaftung des Theaters zu ihren Leitlinien. Das werde sich auch auf die Generalsanierung des Nationaltheaters auswirken, die Mitte der 2020er anstehe, so Geschäftsführerin Sabine Rühl.

Publikum soll nachhaltiger anreisen

Straßenbahn in Dresden
Das Pubikum mit dem Theaterticket den ÖPNV nutzen lassen – eine Idee des Dresdner Staatsschauspiels. Bildrechte: Colourbox.de

Zudem waren das Deutsche Nationaltheater Weimar, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und das Dresdner Staatsschauspiel Teil des Pilotprojekts "Klimabilanzen in Kulturinstitutionen" der Kulturstiftung des Bundes. Dabei haben bundesweit 19 Kulturinstitutionen den eigenen CO2-Fußabdruck ermittelt – und nächste Schritte daraus abgeleitet. Das Dresdner Staatsschauspiel beispielsweise fand heraus, dass 40 Prozent seiner Gesamtklimabilanz auf Mobilität entfällt – und ein Großteil davon das Publikum betrifft. Mit der Idee, dass das Publikum mit dem Theaterticket auch kostenlos den ÖPNV nutzen kann, versucht man ab der Spielzeit 2021/2022 gegenzusteuern.

Auch bei den Dresdner Musikfestspielen wird versucht, das Publikum zur Anreise mit Bus und Bahn zu motivieren. Das ist ein Ergebnis der Nachhaltigkeits-AG bei den Festspielen. Dazu wurden die Anfangszeiten eine halbe Stunde vorverlegt, damit nach dem Konzert auch noch der letzte Bus oder die letzte Bahn erreichbar sei, hieß es. Außerdem sollen auch die Musikerinnen und Musiker weniger unnötige Wege zurücklegen. Daher soll bei der Konzertorganisation darauf Wert gelegt werden, dass die Künstlerinnen und Künstler nicht nur wegen eines Auftritts nach Europa kommen, sondern weitere Konzerte beispielsweise in Prag oder Wien spielen.

Beleuchtung mit energiesparenden LEDs

Das Lutherhaus in Wittenberg.
Das Lutherhaus in Wittenberg soll energetisch erneuert werden. Bildrechte: Claire Laude, Klassik Stiftung Weimar

Viele Museen und Theater befinden sich in großen Gebäuden, die je nach Jahreszeit geheizt oder gekühlt werden müssen – und in denen oft ein bestimmtes Raumklima herrschen sollte, gerade bei Museen. Während die beiden Häuser des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen bereits nach dem neuesten Stand der Wärmeschutzverordnung saniert sind, plant die Stiftung Luthergedenkstätten momentan, das Lutherhaus energetisch zu erneuern.

Man könne mit Wärmedämmung, neuer Heizung und neuen Fenstern 60 Prozent der Energie einsparen, sagt Astrid Mühlmann, Verwaltungsdirektorin der Stiftung Luthergedenkstätten. Doch noch fehlen letzte Zusagen des Landes zur Finanzierung der Sanierung. Auch wird im Geburts- und Sterbehaus Luthers bei der Beleuchtung auf energiesparende LED umgerüstet. Eine Maßnahme, die in vielen Häusern gerade läuft, wie den Kunstsammlungen Chemnitz, oder schon abgeschlossen ist, wie beim Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz.

Die Klassik Stiftung Weimar will bei der Sanierung des Stadtschlosses Weimar noch einen Schritt weitergehen: In den Räumen soll es kein von den Außentemperaturen unabhängiges Innenklima geben – also draußen kalt und drinnen warm. Man wolle einfach in kühleren Jahreszeiten auch kühlere Räume akzeptieren, so Sprecherin Silke Müller.

Gerade bei Sanierungsmaßnahmen spielt auch bei der Stiftung Bauhaus Dessau Nachhaltigkeit eine immer bedeutendere Rolle. Abgewogen werde hier immer, wie Denkmalschutz – also der Erhalt der historischen Bausubstanz – und beispielsweise energetische Maßnahmen zusammenspielen können, hieß es auf Nachfrage.

Nachhaltigkeit im Leitbild

Die Klassik Stiftung Weimar will zudem insgesamt grüner werden – und dazu soll Nachhaltigkeit im Leitbild verankert werden, sagt Silke Müller, Sprecherin der zweitgrößten Kulturstiftung Deutschlands. Es sei ein Prozess, der gerade laufe und große Auswirkungen haben könnte. "Dieses Konzept in zwei oder drei Sätze zu fassen, ist ein unglaublicher Bewusstseinsbildungsprozess. Und wenn dieser Paragraf dann formuliert ist, dann kann man davon ausgehen, dass es wirklich für die Stiftung ein komplett gültiges Gesetz ist, nachdem alle Entscheidungen getroffen werden", erklärt Silke Müller weiter.

Eigene Müllabfuhr bei Festivals

Bei großen Rock- oder Elektrofestivals mit tausenden Besucherinnen und Besuchern entsteht auch eine Menge Müll. Oft werden beispielsweise auch Zelte einfach hinterlassen. Aber die Festivalbetreiber versuchen, mit dem Konzept "Grün Rockt" entgegenzusteuern, wie das Highfield-Festival am Störmthaler See, bei dem in Nicht-Corona-Zeiten über 30.000 Menschen feiern.

Das Konzept beinhaltet u.a. eine festivaleigene Müllabfuhr. Auch soll ein Shuttle vom Leipziger Hauptbahnhof eine Anreise ohne eigenes Fahrzeug fördern. Das Publikum zeige sich bisher sehr offen und habe mittlerweile sogar eine Erwartungshaltung, was die Nachhaltigkeit angeht, heißt es von den Organisatoren des Highfield-Festivals.

Das Feedback unserer Gäste und unsere Erfahrungen zeigen, dass junge Menschen auf Festivals zwar immer noch gerne ihren Alltag, aber nicht die Welt um sie herum vergessen wollen.

Jonas Rohde, FKP Scorpio Konzertproduktionen, verantwortlich für das Highfield-Festival
Ein Haufen Müll zwischen Zelten
Auf Festivals sammelt sich viel Müll an. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Beim ähnlich stark besuchten SonneMondSterne-Festival in Thüringen geht man ähnliche Schritte: Neben einer eigenen Müllabfuhr werden dort die Besucherinnen und Besucher mit einer eigenen Kampagne sensibilisiert. "Safe the Beach" heißt sie und fordert dazu auf, den eigenen Müll korrekt zu entsorgen und gar nicht erst so viel mitzunehmen.

Schwierigkeiten, ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept umzusetzen, ergeben sich beim Rudolstadt-Festival in Thüringen. Das Festival selbst sei stark in die städtischen Strukturen eingebunden, sodass man bei Vergabeverfahren beispielsweise immer den günstigsten Anbieter nehmen müsse, heißt es aus der Pressestelle.

Die Autoflotte für den Fahrdienst sei nicht komplett elektrisch, weil die Autohäuser, mit denen das Festival kooperiere, gar nicht so viele E-Autos zur Verfügung stellen könnten – und es außerdem zu wenig Ladesäulen gebe. Dennoch gebe es Versuche, umweltbewusst zu handeln – beispielsweise bei der Wiederverwendung von Bühnenelementen oder einem Pfandsystem in der Gastronomie.

Nachhaltige Bildungsarbeit mit Theaterstücken und Workshops

Ein Lastenrad mit Aufsteller und der Aufschrift "Grünes Labor unterwegs".
Das "Grüne Labor unterwegs" hält in Weimarer Stadtteilen und Parks und lädt zu Experimenten rund um die Natur ein. Bildrechte: André Kühn, © Klassik Stiftung Weimar

Museen, Theater und Festivals sind Kulturinstitutionen, die in die Gesellschaft wirken. Deswegen zählt für viele Kulturbetriebe auch die Bildungsarbeit zum nachhaltigen Handeln. Das reicht von Theaterstücken über Umweltbewusstsein am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, über Workshops zu heimischen Pflanzen der Stiftung Luthergedenkstätten, bis hin zum Jahresthema der Klassik Stiftung Weimar: "Neue Natur".

Es fällt auf: Es gibt nicht einen Weg, nachhaltiger zu handeln, sondern viele. Zudem muss jeder Kulturbetrieb für sich selbst herausfinden, wo Potenziale dafür stecken. Die Herausforderung der Zukunft wird sicher sein, die Maßnahmen noch mehr in ihrer Wirkung messbar zu machen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2021 | 16:20 Uhr

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