Wiedereröffnung nach Umbau Von der Bierschwemme zum Schmuckkästchen - Musikalische Komödie Leipzig startet neu durch

Die Musikalische Komödie in Leipzig hat die Chance, nach der Sanierung auch künstlerisch neu durchzustarten: Am 8. Mai findet die digitale Eröffnungspremiere von Emmerich Kálmáns "Gräfin Mariza" statt: ein Stück aus dem Jahr 1924, in dem das rassistische Klischee des fiedelnden Zigeuners bedient wird. Erfindet sich die "MuKo" damit nach ihrer Wiedereröffnung tatsächlich neu – oder bleibt das Ganze doch eine Baustelle? Eine Betrachtung.

Probe in der Musikalischen Komödie
Probe für "Gräfin Mariza" in der renovierten Musikalischen Komödie Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Carl Wilhelm Naumann haben wir's zu danken: Der Bierbrauer aus Halle braut ab 1835 in Leipzig, baut zur Lagerung einen Felsenkeller in Plagwitz, der bis heute noch so heißt, und sorgt für Umsatz, indem er auch Gaststätten wie "Zills Tunnel" betreibt. 1912 planen die Naumänner sogar eine Supergaststätte, auch Bierschwemme genannt, mit 3.000 Plätzen in Lindenau. Zum Vergleich: Ein Bierzelt auf dem Münchner Oktoberfest ist heutzutage mit 6.000 Plätzen "nur" doppelt so groß. Um die 3.000 Plätze zu schaffen, entwirft Architekt Otto Gerstenberg ein hochmodernes Gewölbe als Stahlbetonrippenschale, das 20 Meter überspannen kann.

Ein Jahr später, 1913, kommt zum Bier noch eine Variétébühne hinzu. Das Haus heißt nun "Drei Linden", übersteht den Krieg ohne größere Schäden, wird deswegen als Ersatz für die Oper genutzt, und ab 1960, nachdem der Opernneubau auf dem damaligen Karl-Marx-Platz fertig ist, zur Spezialspielstätte für Operette und Musical. Zuletzt geht es auch nicht mehr ganz so beengt zu – schuld sind diverse baupolizeiliche Einschränkungen – im Sommer 2019 fasst die Musikalische Komödie noch 529 Plätze: Büropolsterstühle in Grau, vermutlich abwisch- und auch stapelbar. Dann war Schluss.

Partie am Foyer Variété, Drei Linden
Das Foyer in den 1930er-Jahren, als das Variété den Namen "Drei Linden" trug Bildrechte: imago/Arkivi

MuKo-Auslastung traditionell zwischen 80 und 90 Prozent

Die neuen Stühle sind nun samtrot, sogenannte "Akustikstühle", erklärt Frank Schmutzler, der die Musikalische Komödie technisch leitet. Das bedeutet, dass sie bei hochgeklappter Sitzfläche den Schall genauso gut absorbieren wie in besessenem Zustand. Aber das braucht die Musikalische Komödie, kurz "MuKo" genannt, nicht fürchten. Selbst wenn es dann 640 Plätze sein werden – die MuKo hat immer wieder eine gute Auslastung. Fast schon traditionell zwischen 80 und 90 Prozent.

Die Außenansicht der Musikalischen Komödie in Leipzig.
Außenansicht der Musikalischen Komödie in Leipzig Bildrechte: dpa

"Der Renovierungsprozess begann ab dem Eisernen Vorhang", sagt Schmutzler. Die Bühne selbst wurde nicht groß angefasst. Was angefasst wurde, ist der Orchestergraben. Und das gründlich. Man kann ihn jetzt auf 2,60 Meter absenken. "Wir haben um jeden Zentimeter gekämpft", sagt Schmutzler, um im Keller neben dem Graben ein Instrumentenlager mit akzeptabler Raumhöhe bauen zu können. Man kann den Orchestergraben, der nun für 55 Musikerinnen und Musiker ausgelegt ist, auch auf Bühnenhöhe hochfahren. In drei Teilen: links, mitte und rechts.

Neu wird also eine Vorbühne sein, die auch bespielt werden kann. Das Portal bleibt, wie es ist: fünf Meter hoch, zehn Meter breit. Höher geht es nicht, weil man für die Kulissen dann zu wenig Platz im Schnürboden hätte. Breiter macht keinen Sinn, weil die Seitenbühnen fehlen. 

Bessere Sicht

Schlechte Sicht war das Problem im Zuschauerraum. Der Höhenunterschied zwischen den Sitzreihen war zu klein. Er ist jetzt deutlich vergrößert. Die "Auframpung" ist so groß geworden, dass sich die letzten Sitzreihen auf der Höhe des bisherigen Ranges befinden. Die klassische Trennung in Parkett und Rang wird es nun nicht mehr geben. Eine Demokratisierung des Zuschauerraums also.

Bühne
Die neuen Sitzreihen ermöglichen jetzt eine gleichmäßig gute Sicht auf das Bühnengeschehen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für das Publikum fällt aber noch mehr ab. Die Stahlbetonrippenschale erstrahlt frisch gestrichen in Champagnergelb. Hier und da prangen goldfarbene Rosetten. Originalfarben sozusagen.

Frank Schmutzler ist sichtbar stolz, wenn er durch die sanierte MuKo führt. Warum es die Sanierung jetzt gab? Schmutzler erklärt, dass die MuKo über Jahre mit Sondergenehmigungen betrieben worden war. Als dann die Notbeleuchtung erneuert werden musste, seien aufgrund dieser Baumaßnahme alle Genehmigungen erloschen: "Und alle Ämter waren plötzlich wieder da!" – Glück im Unglück sozusagen.

Der neue Zuschauerraum der Musikalischen Komödie in Leipzig nach der Wiedereröffnung im April 2021.
Der neue Zuschauerraum der Musikalischen Komödie in Leipzig ist eindrucksvoll Bildrechte: Tom Schulze

"Gräfin Mariza" als digitale Eröffnung

Nach mehrmaligen Verschiebungen – die Eröffnung war schon im Dezember 2020 geplant – wird es nun eine "digitale Eröffnung" am 8. Mai geben. Sozusagen am Tag der Befreiung von coronabedingten, immer wieder neuen Eröffnungsplänen. Im Stream ist die "Gräfin Mariza" zu sehen. Sie wurde Ende April ohne Publikum aufgezeichnet.

Emmerich Kálmán hat diese Operette als späte Vertreterin ihrer Gattung vor knapp 100 Jahren komponiert. 1924 wurde sie in Wien, im Theater an der Wien, uraufgeführt. Hier wurde schon viel uraufgeführt. Beethoven, Kleist, aber auch viel Operette. Im Theater an der Wien wurden Lortzings "Waffenschmied" uraufgeführt, Millöckers "Bettelstudent", "Die lustige Witwe" von Franz Lehár. Auch "Der Zigeunerbaron" von Johann Strauss, der in der "Gräfin Mariza" sogar ausdrücklich zitiert wird. Mit der Eröffnungspremiere reiht sich die MuKo in eine lange Traditionslinie ein.

Eine gute Wahl also! Einziger Unterschied heute: Damals waren es Uraufführungen, also damals zeitgenössische, neue Stücke – heute liegen mindestens 100 Jahre Tradition dazwischen und man hat als Regieteam die Qual der Wahl, wie man so ein Stück auf die Bühne bringt. Zwischen Theatermuseum und einer aktuellen Inszenierung ist es eine große Spanne. Und bei der "Gräfin Mariza" auch eine ganz besondere Herausforderung.

Darsteller auf der Bühne im Stück - Gräfin Mariza
Vorbereitung von "Gräfin Mariza" an der MuKo Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stolpersteine, mit denen man heute umgehen muss

Denn als das Stück 1924 auf die Bühne kommt, ist der Ersten Weltkrieg erst ein paar Jahre vorbei. Es ist eine neue Zeit angebrochen, in der der Adel abgeschafft ist und in der die k. und k. Monarchie Österreich-Ungarn nicht mehr existiert. Aber die "Gräfin Mariza" spielt in beziehungsweise mit dieser alten Zeit. Frei nach dem Motto: Früher war alles besser!? – Das möchte man fragen. Und nachfragen: Ist das ernst gemeint? Oder Ironie?

Hinzukommt ein – Pardon – "Zigeunerkolorit", das deutlich skizziert wird. Ein Evergreen ist die Melodie: "Komm Zigan, komm Zigan, spiel mir was vor". Hier wird also das Klischee des fiedelnden Zigeuners bedient. Wir haben auch noch hölzerne Reime im Textbuch wie: "Denn Deine Leidenschaft, brennt heißer noch als Gulaschsaft!" Ist das von heute aus betrachtet rassistisches Spielmaterial? Solche Texte und Klischees – ironisch oder ernst gemeint – das sind heutzutage potenzielle Stolpersteine, mit denen ein Regieteam umgehen muss. Aber wie?

Denkmal von Emmerich Kálmán in Budapest.
Denkmal von Emmerich Kálmán in Budapest Bildrechte: imago/imagebroker

Kálmán, der Komponist, ist in Ungarn geboren, musste als Jude in der Nazizeit in die USA auswandern, hatte vorher, 1924, in seiner "Gräfin Mariza" mit diesem Zigeuner-Klischee gespielt, es wohl auch ironisch gemeint, weil sich das gut vermarkten ließ – Unterhaltungsindustrie eben. Kálmán hatte, wie erwähnt, in seiner Operette auch den "Zigeunerbaron" zitiert, also die Operette von Johann Strauß, die 40 Jahre früher uraufgeführt wurde und auch schon dieses Zigeunerkolorit beinhaltet hatte. Kálmán setzt sich also auf dieses alte Klischee drauf. Auch das kann (oder muss?) man hier bedenken.

Zeitgemäße Inszenierungen

OK – man muss auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und sich auch nicht jederzeit zum Moralisten aufschwingen – trotzdem stellt sich die Frage, wie man heute mit diesen Dingen umgeht. Zwischen Theatermuseum und einer aktuellen Regietheaterinszenierung ist es ein weites Feld. Und es gibt Vergleichsmöglichkeiten.

Die Komische Oper in Berlin hat sich die letzten Jahre mit witzig-reflektierten Operetteninszenierungen profiliert. Hat sich intelligent mit solchen Fettnäpfchen auseinandergesetzt. Auch die Staatsoperette in Dresden ist auf diesem Weg unterwegs, seitdem Kathrin Kondaurow hier die neue Intendantin ist. Es geht darum, die Operette und die sogenannte leichte Muse in eine neue Zeit zu bringen.

Filmszene - Gräfin Mariza
"Gräfin Mariza" in der Verfilmung von 1958 mit Rudolf Schock und Christine Görner Bildrechte: imago/United Archives

Wie weltoffen ist ein Zigeunerklischee?

In Leipzig steht in gut einem Jahr ein Intendantenwechsel an. Welche Aufmerksamkeit wird Tobias Wolff der Zweitspielstätte MuKo widmen? Wird er aktiv an einem neuen Profil arbeiten oder setzt er auf ein Weiterso, wie es hier immer wieder praktiziert wurde? Oft hat man es sich allzu bequem gemacht?

Wenn die Auslastungszahlen stimmen, braucht man sich um ein künstlerisches Profil und eine bewusste Haltung zum Genre nicht groß kümmern. Andererseits: Die kulturpolitische Vision für die Entwicklung der Leipziger Oper samt MuKo sieht als Vorbild ein weltoffenes Leipzig mit starker Tradition vor. Wie weltoffen ist ein Zigeuner-Klischee? Wieviel Tradition steckt darin? Wie kann man damit angemessen umgehen? Das sind hier die Fragen. Frisch gestrichen reicht wohl nicht.

Premierenstream "Gräfin Mariza"
Operette in drei Akten
Musik von Emmerich Kálmán
Text von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere im Stream
Samstag 08.05.2021 | 19:00 Uhr | Musikalische Komödie

Informationen erhalten Sie auf der Homepage der Musikalischen Komödie

Musikalische Komödie Leipzig

Probe in der Musikalischen Komödie 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Spielstätte wurde umfassend erneuert. Das Publikum kann jetzt nicht nur von allen Plätzen aus einen guten Ausblick genießen, auch für den Klang des Hauses wurde einiges getan. Wie probt es sich dort nun?

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2021 | 18:00 Uhr

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