"Solastalgia" Nachhaltigkeit beim Kunstfest Weimar: Ein Bühnenbild aus Pilzen

Regelmäßig werden an Theatern ganze Welten gebaut. Für die Bühnenbilder werden große Teile aus Holz und Aluminium verschraubt oder verklebt, mit Acrylfarben riesige Bilder gemalt und aus Styropor unterschiedliche Formen geschnitzt. Dabei gerät Nachhaltigkeit oft in den Hintergrund. Für Barbara Ehnes, Professorin für Bühnenbild an der Hochschule für bildende Kunst Dresden, sind nachhaltige Produktionsformen eine wichtige Herausforderung für die Zukunft. Wie ein nachhaltiges Bühnenbild aussehen kann, zeigt die Uraufführung von "Solastalgia" beim Kunstfest Weimar.

Ein Schauspielerin mit einem langen Kleid aus Müll steht auf der Bühne des Weimarer e-Werks.
Die Produktion "Solastalgia" erzählt nicht nur von Nachhaltigkeit, sondern will auch nachhaltig sein. Bildrechte: Candy Welz

Ein großes, rundes Loch klafft im Bühnenboden des Weimarer e-Werks. Sternförmig sind schwarze Bänke darum angeordnet. Die Bühne wird von einer halbrunden, dreistufigen Wand mit braunmarmorierten Platten begrenzt. Drei Musikerinnen lehnen sich an und spielen anklagende Musik, bis am Ende die Schauspielerin Miriam Schiweck in einem Kleid mit einer langen Schleppe aus Müllfetzen auftritt und sie vertreibt. 

Wie auch in früheren Stücken beschäftigt sich der österreichische Dramatiker Thomas Köck in "Solastalgia" mit der Klimakrise. Der Titel erinnert an Nostalgie, doch er beschreibt die Furcht und den Schmerz über aktuelle Verluste. Das Bühnen-Ich steht in einem Wald und lässt sich von einem Experten erklären, dass der deutsche Wald schon lange nur eine Illusion ist und immer weiter verschwinden wird. Währenddessen wird die Erzählstimme durch ein Telefonklingeln an die Depression des Vaters erinnert.

Theaterraum aus Pilzen

Schon früh hatte das Team von "Solastalgia", eine Koproduktion des Kunstfest Weimar und des Schauspiel Frankfurt, die Idee, einen Gedenkort auf die Bühnen zu bauen. "Dann habe ich eine große Recherche gemacht, was es so auf der Welt und in den unterschiedlichsten Kulturen gibt", erzählt Barbara Ehnes, Professorin für Bühnenbild an der Hochschule für bildende Kunst Dresden. Für ihre Bühne von "Solastagia" hat sie sich von sogenannten Himmelsgräbern im Nahen Osten inspirieren lassen.

Eine Frau mit blonden Haaren blickt ins Publikum. Hinter steht eine Schauspielerin mit dem Rücken zum Publikum und streckt den Arm zur Seite.
Das Stück "Solastalgia" verbindet Waldsterben und Depression. Bildrechte: Candy Welz

"Dann haben wir entschieden, dass wir uns in der Recherche auf das Waldsterben konzentrieren. Für mich lag der Materialbezug zum Myzel dann sehr nah", erinnert sich Ehnes. Myzelien sind Pilzsporen, die aktuell in der Architektur und im Design zum Einsatz kommen. Eine Entwicklung, die Barbara Ehnes genau verfolgt. Eine Art Streu wird mit den Pilzsamen angereichert, sodass sie zusammenwachsen. So sind in diesem Fall leichte Platten entstanden.

Die Hürden der Nachhaltigkeit

Dass das funktionieren kann, dafür war auch Hinrich Drews verantwortlich, Werkstätten-Leiter der Frankfurter Bühnen: "Es war eine Herausforderung, bei der man Gefahr läuft, der große Bedenkenträger zu sein. Man muss auf Dinge hinweisen, die vielleicht nicht so attraktiv sind: dass es dem Vergleich mit anderen Materialien nicht standhält, obwohl es künstlerisch hochinteressant ist."

Drews baute mit einigem Erfindungsreichtum Formen, in denen die Pilze zu den Platten wachsen konnten. Dafür mussten ideale Voraussetzungen geschaffen werden: Die Pilze wurden mit Nährlösungen gefüttert und durften nur sehr kontrolliert Sonnenlicht ausgesetzt werden, damit nicht unkontrolliert Fruchtkörper (also die eigentlichen Pilze) wachsen. "Alles Sachen, die wir gelernt haben", erklärt Drews.

Eine Schauspielerin mit einer Schleppe aus Müll sitzt auf den Boden. Rechts und links stehen andere Schauspielerinnen mit Feder-Kopfschmuck.
Am Schluss sinnieren die Schauspielerinnen in "Solastalgia" über Wirtschaft und Politik. Bildrechte: Candy Welz

Zweimal täglich mussten Drews und Ehnes nach dem wildwachsenden Baumaterial schauen. Beide haben so innerhalb einiger Wochen eine Art Beziehung zu den Pilzplatten aufgebaut. Ehnes erzählt, dass sie fast schon traurig war, als sie das Wachstum beenden und sich nicht mehr um die Pilzplatten kümmern musste. Doch das ist nicht der Grund, warum sie dieses Material so schätzt: "Es ist komplett kompostierbar und wenn man komplett bei Null mit den Laborarbeiten startet, ist es auch sehr preisgünstig."

Kunstfest Weimar und die Klimakrise

Zwei Frauen sitzen lächelnd bei einer Podiumsdiskussion im Weimarer e-Werk.
Nadia Fistarol (links) und Barbara Ehnes (rechts) bereiten eine Datenbank mit nachhaltigen Materialien vor. Bildrechte: Thomas Müller

Das Motto des Weimarer Kunstfests in diesem Jahr lautet "Sehnsucht nach morgen". Das bedeutet, dass die Künstler*innen mit Optimismus auf die Herausforderungen der Gegenwart schauen wollen. Dazu gehört eben auch der Themenkomplex Klimakatastrophe, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Deswegen hat das Festivalteam die Uraufführung von "Solastalgia" mit einer Podiumsdiskussion begleitet. Laut Barbara Ehnes ist das Theater ein idealer Ort, um sich damit zu beschäftigen: "Die Werkstätten haben bei jedem Bühnenbild mit einem Prototyp zu tun. Es ist immer neu, es ist immer anders. Deshalb sitzen wir in den Werkstatt-Besprechungen mit vielen Menschen zusammen, die flexibel im Denken und mit ihrer Berufserfahrung sind, sodass es sich um einen idealen Ort als Thinktank handelt, um Prototypen zu entwickeln."

Zusammen mit der Züricher Bühnenbild-Professorin Nadia Fistarol setzt sich Barbara Ehnes für mehr Nachhaltigkeit im Bühnenbild ein. Beide berichten, dass ihre Studierenden großes Interesse für das Thema zeigen. "Man kann ihnen einfach helfen, nachhaltig arbeiten zu können", meint Fistarol. Das bedeutet zum einen, dass sie den jungen Kunstschaffenden Umgang mit nachhaltigen Materialien beibringen und zum anderen, dass die Strukturen am Theater geändert werden. "Wir müssen alle an einem Strang ziehen", so Fistarol.

"Es geht nicht ohne systemische Veränderung, weil das System, so wie es jetzt ist, gerade an Stadttheatern, auf maximale Effizienz ausgelegt ist", stellt Ehnes klar. Statt acht Produktionen zu stemmen, könnten die Häuser auch sieben Inszenierungen rausbringen und dafür die Bühnenbilder ordentlich auseinanderbauen und recyceln, schlägt Fistarol vor. Außerdem bräuchten die Kunstschaffenden mehr Zeit, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Barbara Ehnes möchte auf jeden Fall weiter mit den Pilzplatten arbeiten und das nächste Mal sogar eine Skulptur wachsen lassen. Sie begreift das Material als anregenden Prozess.

Mehr Informationen "SOLASTALGIA"
Eine sprachliche Spurensuche nach den verbleibenden Relikten unserer Heimat // Thomas Köck

Regie: Thomas Köck
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Agathe MacQueen
Musik: Andreas Spechtl
Dramaturgie: Marlies Kink, Julia Weinreich
Licht: Frank Kraus.
Mit: Katharina Linder, Mateja Meded, Miriam Schiweck sowie Laia Haro Catalan, Maria Laura Oliveira und Patrícia Pinheiro (Live-Musik).

Uraufführung am 7. September 2022
Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt

Dauer: 120 Minuten

Veranstaltungsort: e-werk weimar I Am Kirschberg 4, 99423 Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. September 2022 | 18:35 Uhr

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