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Die freie Theaterszene in Sachsen-Anhalt wird neu gefördert. Der Branchenverband LanZe hofft auf ein Wachstum der Szene. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Jury befindet über einzelne Projekte

Hoffen auf Wachstum: Freie Theaterszene in Sachsen-Anhalt wird neu gefördert

von Luca Deutschländer, MDR KULTUR

Stand: 16. Februar 2021, 04:00 Uhr

In Sachsen-Anhalt ist die Förderung der freien Theaterszene mit dem Jahreswechsel neu aufgestellt worden. Der Branchenverband LanZe spricht nach langen Verhandlungen von einem "riesigen Quantensprung" für das Land, auch von Seiten der Akteurinnen und Akteure kommen lobende Worte. Zufrieden mit der Förderreform ist aber nicht jeder.

Annähernd zwei Jahre lang hatten sie verhandelt und diskutiert: Im Herbst 2020 folgten die ersten verheißungsvollen Signale von Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra (CDU). Nun, Mitte Februar 2021, ist alles in trockenen Tüchern – und die verbesserte Förderung der freien Theaterszene in Sachsen-Anhalt endgültig auf den Weg gebracht. "Die Förderreform kommt", freut man sich beim Landesverband freies Theater in Sachsen-Anhalt (LanZe) und sprach vor einigen Wochen von einem "riesigen Quantensprung" für das Land.

Franziska Elisabeth Schubert von LanZe freut sich über die Förderreform. Bildrechte: Giovanna Gahrns

Der Branchenverband hatte in den vergangenen Jahren wieder und wieder dafür gekämpft, dass die freie Szene staatlich besser gefördert wird. Franziska Elisabeth Schubert von LanZe sagt: "Die neue Förderung ist eine deutliche Verbesserung zur bisherigen. Sie bietet den Akteurinnen und Akteuren ganz andere Möglichkeiten." Bislang hatte es in Sachsen-Anhalt eine einjährige Projektförderung für die freie Szene gegeben. Darüber hatten das Landesverwaltungsamt und das Kulturministerium entschieden. Die neue Förderung sieht nun weitere Instrumente vor, etwa eine Einstiegsförderung, ein Stipendium und eine zweijährige Basisförderung für etablierte Häuser und Ensembles. Das erste Geld kann in diesem Jahr beantragt werden und soll 2022 fließen.

Das Ziel: Anreize für ein Wachstum der Szene schaffen

Kulturminister Robra hatte die Neuausrichtung der Förderung bereits im November 2020 im Magdeburger Landtag in Aussicht gestellt. In einer Regierungserklärung kündigte Robra seinerzeit an, deutlich mehr Geld für die freie Szene zur Verfügung stellen zu wollen. Laut LanZe bedeutet das für das Jahr 2021 eine Verdopplung der Summe im Landeshaushalt: Für die Förderung freier Theaterprojekte stehen nun 300.000 Euro parat, kommendes Jahr sollen weitere 150.000 Euro hinzukommen. Wie das Land hofft auch der Branchenverband LanZe, die Szene in Sachsen-Anhalt auf diese Weise zu stärken – und wachsen zu lassen. Franziska Elisabeth Schubert von LanZe sagt: "Die Förderung bietet einen Anreiz für Akteurinnen und Akteure, in Sachsen-Anhalt zu bleiben oder sogar nach Sachsen-Anhalt zu kommen."

Die Eckpunkte der neuen Förderung

Die neue Förderung des Landes sieht neben der Förderung von Projekten und einer Einstiegsförderung auch Stipendien und eine Basisförderung für etablierte Ensembles und Häuser vor. Letztere kann bis zum 15. Mai 2021 und dann für die folgenden beiden Jahre beantragt werden. Ausgezahlt werden bis zu 70 Prozent der Gesamtkosten und somit bis zu 75.000 Euro jährlich. Für eine Einstiegsförderung stehen bis zu 5.000 Euro zur Verfügung. Das neue Förderpaket bezieht explizit auch freischaffende Theaterpädagoginnen und -pädagogen ein.

Neu ist zudem, dass eine Fachjury über die Förderung befinden und Empfehlungen geben soll. Am Ende entscheidet aber das Land. Zur Jury gehören Maria Gebhardt (Geschäftsführerin des Landeszentrums freies Theater), Felix Worpenberg (freier Künstler), Kathrin Schremb (freie Kulturmanagerin), Skadi Konietzka (wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Merseburg) und Reinhard Bärenz (Leiter der Hauptredaktion MDR KULTUR).

Von der Förderreform profitieren nach Informationen von LanZe etwa 250 bis 300 Ensembles und Einzelakteurinnen und -akteure in Sachsen-Anhalt.

Einen Schritt nach vorn erhofft sich auch Nicole Tröger. Die Projektleiterin des WUK Theater Quartiers in Halle betont aber auch, dass das wahrlich keine Schwierigkeit sei. Die bisherige Förderpolitik des Landes nennt Tröger eine "Katastrophe" – und zudem intransparent. Dass es nun mehr Geld für die freie Szene gebe, sei großartig, lobt sie, sieht dies aber lediglich als ersten, kleinen Schritt. Größtes Problem sei, dass auch nach der Reform die Spielstätten als solche nicht vom Land bedacht würden. Es gebe zwar eine Förderung für Ensembles, Projekte und für Künstlerinnen und Künstler, aber eben keine für freie Theater als solche.

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Nicole Tröger: "Enttäuschend für freie professionelle Spielbetriebe"

Tröger kommt zu dem Schluss, das Land Sachsen-Anhalt erkenne weiterhin nicht die Relevanz freier Theater an. Die Förderung von Projekten sei schön und gut, sagt sie. "Nur: Wir können ja nicht in einer Scheune spielen." Die Projektleiterin des Halleschen WUK Theater Quartiers kritisiert eine Ungleichbehandlung zu den kommunalen Häusern, die deutlich besser gefördert würden.

Schauspieler: Die Kultur hat nicht den Stellenwert, den sie verdient hätte

Markus Bölling sieht die neue Förderung positiver. Bölling ist freischaffender Theaterpädagoge, Schauspieler und einer der Mitgründer der Bühne 7 in Quedlinburg. Die neue Förderung betreffe ihn somit gleich drei Mal, sagt er. "Ich hoffe auf eine verbindliche Sicherheit", erklärt Bölling, "gerade in Zeiten von Corona." Die Pandemie hat für ihn eines gezeigt: Dass Kultur noch immer nicht den Stellenwert hat, den sie verdient habe. "Wir dienen nicht der Unterhaltung, wir dienen der kulturellen Bildung", betont Bölling.

Die Bedeutung des Theaters für die demokratische Gesellschaft ist vielen noch immer nicht klar. Theater muss stattfinden, Theater muss gefördert werden. Es ist wichtig, damit wir im Austausch bleiben. Es ist wichtig, damit die Gesellschaft ihre Diskursfähigkeit behält.

Markus Bölling | Theaterpädagoge und Schauspieler

Auch Bölling weiß um die Tücken, die die Landesförderung für freie Theater bislang hatte. Im Gespräch mit MDR KULTUR fallen die Begriffe "Glücksspiel" und "Antragsdschungel". Dass vor einer Förderung nun eine Jury über Projekte und Ideen befindet, begrüßt Bölling ausdrücklich. Es sei unabdingbar, dass Menschen aufgrund ihrer fachlichen Expertise über Projekte befänden – und nicht aus haushalterischen Gründen, wie er sagt. Das unterstreicht auch Nicole Tröger vom WUK Theater Quartier in Halle. Sie hätte sich jedoch gewünscht, dass die Förderung am Ende auch von der Jury bewilligt wird. Die Praxis sieht vor, dass das unabhängige Gremium lediglich eine Empfehlung abgibt – entschieden wird weiterhin im Kulturministerium.

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Schauspieler Markus Bölling: "Sehe endlich den dringend notwendigen Richtungswechsel"

Die neue Förderrichtlinie bietet aber noch eine Weiterentwicklung. In dem Papier heißt es: "Die vom Bundesverband Freie Darstellende Künste abgegebenen Empfehlungen zur Honoraruntergrenze sind zu berücksichtigen." Pro Projektumsetzung müssen eine Künstlerin und ein Künstler somit nun mindestens 2.600 Euro monatlich verdienen. Andernfalls zahlt das Land kein Fördergeld. Laut LanZe ist das bundesweit einmalig.

LanZe bietet Infoveranstaltung zu neuer Förderung

Um freie darstellende Künstlerinnen und Künstler sowie Theaterpädagoginnen und -pädagogen über Eckpunkte der neuen Förderung zu informieren, lädt das Landeszentrum freies Theater in Sachsen-Anhalt (LanZe) für Mittwoch, 17. Februar, zu einer ersten digitalen Infoveranstaltung. Zwischen 11 Uhr und 13 Uhr können sich Theaterprofis informieren, zwischen 17 Uhr und 19 Uhr Akteurinnen und Akteure von Amateurtheatern. Anmeldungen nimmt LanZe bis 16. Februar entgegen. Für die kommenden Monate sind regelmäßig weitere Infoveranstaltungen geplant.

Das Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt sitzt in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 16. Februar 2021 | 06:30 Uhr