10. Jahrestag "Kein Schlussstrich!": Deutschlandweites Theaterprojekt zum NSU-Komplex

Die rechtsextremistisch motivierten Morde des NSU werden im Herbst auf der Bühne neu verhandelt. Im Zentrum stehen nicht die Täter, die sondern die Opfer und Nachwirkungen wie der Anschlag in Halle. Anlass ist der 10. Jahrestag, als das Terror-Trio mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nach einem Banküberfall in Eisenach aufflog. Das Projekt entsteht als Kooperation unter anderem mit Kampnagel in Hamburg, dem Theaterhaus Jena oder dem Theater Chemnitz – Schauplätze der Gewaltserie des NSU.

Feuerwehrleute und Polizisten stehen 2011 in Eisenach vor einem qualmenden Wohnmobil.
Sicherheitskräfte finden die Leichen von Böhnhardt und Mundlos 2011 in diesem Wohnmobil in Eisenach. Bildrechte: dpa

Ein deutschlandweites Theaterprojekt befasst sich im Herbst mit dem NSU-Komplex. Am 4. November 2011 waren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die gemeinsam mit Beate Zschäpe als Köpfe der rechtsextremistischen Netzwerkes "Nationalsozialistischer Untergrund" gelten, tot aufgefunden worden. Im Anschluss wurde ihre Serie von Morden an neun Menschen mit türkischen und griechischen Wurzeln sowie einer Polizistin bekannt.

Nicht Täter, sondern Opfer im Fokus

Mehrer tausend Menschen, unter Ihnen Angehoerige der Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe NSU protestiern nach der Urteilsverkündung im NSU-Prozess
Demonstration nach Urteilsverkündung im NSU-Prozess in München Bildrechte: imago/Christian Mang

Rund um den Jahrestag planen Theater und andere Institutionen in 13 deutschen Städten Aufführungen, Lesungen, Diskussionen und andere Veranstaltungen. "Kein Schlussstrich!" lautet der Titel des Projektes, das vom 21. Oktober bis 7. November 2021 stattfinden soll. Dabei würden vor allem die Perspektiven der Familien der Opfer und der Migranten-Communities in den Fokus gerückt, teilte die Veranstalter am Dienstag mit. Auch die jüngsten rechtsextremistischen Anschläge in Halle, Hanau und Kassel sollten eine Rolle spielen.

Bühnen von Jena über Zwickau bis Köln beteiligt

Zu den beteiligten Institutionen gehören demnach unter anderem das Theaterhaus Jena, das Theater Plauen-Zwickau, das Theater Chemnitz, das Deutsche Nationaltheater Weimar, das Theater Rudolstadt-Eisenach sowie Häuser in Köln, Kassel, Heilbronn oder Rostock. Beteiligt sind somit Bühnen der Städte, in denen die Täter des NSU aufwuchsen, Aufenthalt oder Unterstützung fanden sowie Theater in den Städten, in denen die Opfer – Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter – lebten.

Die künstlerische Klammer des Projekts bildeten das musikalisch-performative Oratorium "MANİFEST(O)" des Komponisten Marc Sinan und die von Ayşe Güleç und Fritz Lazlo Weber kuratierte Ausstellung "Offener Prozess", hieß es weiter. Das ganze Projekt stehe allerdings unter dem Vorbehalt, dass es Ende Oktober wieder möglich sei, solche Veranstaltungen zu organisieren.

Weitere Aufarbeitung angemahnt

Die NSU-Verbrechen gelten als beispiellos ebenso wie die Ermittlungsfehler in dem Fall. Mehr als 14 Jahre nachdem im Raum Jena Bombenattrappen aufgetaucht waren, verdichteten sich Ende 2011 die Spuren zu dem Terror-Trio. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hatten nach der Wende begonnne, sich politisch zu radikalisieren. 1998 tauchten sie unter. Nach einem Banküberfall in Eisenach wurden die Leichen der beiden Männer in einem Wohnmobil gefunden. Am selben Tag, dem 4. November 2011, zündete Zschäpe die Fluchtwohnung des Trios in Zwickau an.

Zschäpe wurde nach einem mehr als fünf Jahre dauernden Prozess vom Oberlandesgericht München unter anderem wegen zehnfachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Vor Gericht standen außerdem vier weitere Angeklagte: zwei wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen, zwei andere wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

Die Kritik an der Aufklärung riss nach den Urteilen nicht ab. Auch Angehörige der Opfer fordern eine weitere Aufdeckung der Hintergründe der Terrorzelle, weitere Ermittlungen gegen das Unterstützernetzwerk sowie die Aufklärung einer möglichen Verstrickung von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten.

"Licht ins Dunkel e.V." als Träger des Projekts

Träger des Theaterprojekts "Kein Schlussstrich!" ist der im September 2020 gegründete Verein "Licht ins Dunkel e.V.". Mitwirkende Institutionen sind: ASA FF e.V. in Chemnitz, Theater Chemnitz, Dietrich-Keuning-Haus Dortmund, Kampnagel Internationale Kulturfabrik Hamburg, Theater Heilbronn, JenaKultur, Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung), Theaterhaus Jena, Staatstheater Kassel, Schauspiel Köln, Staatstheater Nürnberg, Theater Plauen-Zwickau, Volkstheater Rostock, Theater Rudolstadt-Eisenach, Deutsches Nationaltheater Weimar.

Gefördert wird das Projekt auch durch Kulturstiftung des Bundes und die Zentrale für politische Bildung. Zu den Vereinsvorständen gehört Jonas Zipf, einst Theaterdramaturg in Jena und heute Chef des Jenaer Kulturbetriebes Werkleitung.

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