Empfehlung "Saal 101": Der NSU-Prozess als packendes Dokumentar-Hörspiel

Das Dokumentar-Hörspiel "Saal 101" rekonstruiert in 24 Kapiteln den langjährigen NSU-Prozess mit den Mitteln des Hörspiels – packend umgesetzt und gesprochen von prominenten Schauspielerinnen und Schauspielern. Aufgerollt wird die Geschichte des mörderischen Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe: von den Anfängen im rechtsextremen Umfeld im Jena der 90er Jahre, ihre kaltblütigen Taten zwischen 1999 und 2011 und das Ende – für Mundlos und Böhnhardt im Selbstmord im November 2011, für Zschäpe mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe im Juli 2018.

Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess
Prozessauftakt im Saal A 101: In diesem Gerichtssaal des Oberlandesgerichts München beginnt der Prozess gegen die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Bildrechte: Collage: picture-alliance/dpa / BR

Ausgangspunkt des Dokumentar-Hörspiels waren 6.000 Seiten Protokoll-Berichte der ARD-Reporter vor Ort – denn andere Mitschriften gibt es nicht. Nach wie vor gilt in Deutschland, dass Gerichtsverfahren mündlich sein müssen. Und so kommt den Prozess-Protokollen der damals akkreditierten Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als ausführlicher, schriftlicher Quelle große Bedeutung zu. "Das Interesse an den Aufzeichnungen war deswegen auch schon während des Prozesses groß", erinnert sich Gunnar Breske, MDR AKTUELL-Moderator und damals einer der Gerichtsreporter.

Gunnar Breske
Gunnar Breske berichtete als Reporter über den Prozess Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Etwa 110 Gerichtstermine hat Gunnar Breske zwischen 2013 und 2018 mitverfolgt und darüber berichtet. Für ihn eine doppelt spannende Sache, denn der MDR-Moderator, Jahrgang 1979, stammt selbst aus Jena und hat die Verhältnisse, die dort in den 90er Jahren herrschten als Jugendlicher miterlebt. "Eigentlich gab es damals in Jena – bedingt auch durch die vielen Studierenden – eher eine starke linke Szene, aber eben auch ein kleineres rechtsextremes Milieu, zu dem beispielsweise der Mitangeklagte Ralf Wohlleben gehörte. Wenn diese Leute damals irgendwo auftauchten, suchte man das Weite. Da war es von Vorteil, wenn man die 100 Meter unter zwölf Sekunden laufen konnte. Umso denkwürdiger war es dann, Wohlleben Jahre später im Gerichtssaal in München wiederzusehen."

Die Folgen zum Hören

Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 30 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 27 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 29 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 28 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 28 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 27 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 27 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 27 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 26 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 25 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 24 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 33 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 23 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 23 min
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Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess 38 min
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Welche Umstände formten das Trio?

Was Gunnar Breske bis heute umtreibt, ist die Frage, wie und warum das Trio den Weg in den terroristischen Untergrund gegangen ist. Denn sowohl Mundlos als auch Böhnhardt stammen aus durchaus gebildeten und stabilen Elternhäusern. Bei Zschäpe, deren Mutter mehrfach geschieden war, waren die Verhältnisse schwieriger. In bleibender Erinnerung ist ihm der Auftritt der Mutter von Uwe Böhnhardt, die verzweifelt die äußeren Umstände für die Entwicklung ihres Sohnes verantwortlich machte. War es der gewaltige gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch nach 1989/90, die große Orientierungslosigkeit damals, der vorallem auch das Schulwesen nichts entgegenzusetzen wusste? All das führte die Mutter, selbst Lehrerin, in ihrer Aussage an.   

Natürlich spielt die gesellschaftliche Situation in den 90er Jahren eine große Rolle, aber am Ende waren es sehr persönliche Gründe, warum die drei sich zu einem terroristischen Trio zusammengeschlossen haben.

Gunnar Breske, damals Gerichtsreporter

In einer Zeit der Brüche und Umbrüche hätten sie einander als Ersatzfamilie gesucht und gefunden – eine Bindung die stärker gewesen sei als die zum Elternhaus, so Breske.

Eine Kombo zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos
Die Fahndungsbilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Bildrechte: dpa

Im Dokumentar-Hörspiel wird klar, dass der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sehr viel Wert darauf legte, die Beziehung der drei NSU-Terroristen untereinander zu klären. So handelt ein ganzes Kapitel von ihren Urlauben auf der Ostseeinsel Fehmarn, wo sich Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe mit ihren Campingnachbarn anfreundeten. Über Jahre hinweg bestand diese Bekanntschaft. Mundlos nannte sich "Max", Böhnhardt "Gerry" und Zschäpe "Liese". Alle drei machten einen freundlichen Eindruck und gingen untereinander sehr höflich und respektvoll miteinander um, heißt es in einer Zeugenaussage im Doku-Hörspiel. Dass die drei eiskalte Terroristen waren, erschloss sich der Familie aus Niedersachsen erst, als ihre Fotos in den Fernsehnachrichten liefen.

Wenn diese Leute damals irgendwo auftauchten, suchte man das Weite. Da war es von Vorteil, wenn man die 100 Meter unter zwölf Sekunden laufen konnte.

Gunnar Breske, damals Gerichtsreporter über das damalige rechtsextreme Milieu in Jena

Das innere Gefüge des NSU unterscheidet sich deutlich etwa von dem in der linksextremistischen RAF, in der eine kalte, bösartige Atmosphäre herrschte. "Man darf sich vom inneren Zusammenhalt und familiären Umgang des NSU-Trios aber nicht täuschen lassen, das waren Leute, die zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen eiskalt und ohne jede Gewissensbisse aus niedersten Beweggründen ermordet haben", erklärt Gunnar Breske dazu. Hinzu gehen 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle auf das Konto des NSU.

Struktureller Rassismus bei Behörden?

Tatsächlich ist es ein großes Plus des Dokumentar-Hörspiels, dass den Aussagen der Angehörigen der Mordopfer sehr viel Raum gegeben wird. Was es bedeutet, wenn aus dem Nichts heraus der Sohn, der Vater oder Bruder ermordet wird, wird eindringlich geschildert. Umso demütigender und belastender war für die Familien das Agieren der Ermittlungsbehörden, die hinter den Taten vielfach mafiöse Machenschaften vermuteten, so dass die Opfer selbst noch als verdächtig erschienen. Gunnar Breske bestätigt, dass das Versagen der Ermittler im Prozess mehr als deutlich wurde. Kann man von einem strukturellen Rassismus innerhalb der Behörden sprechen? Es sei schon auffällig, dass die These, es handele sich bei der Mordserie um rechtsextremen Terror, obwohl mehrfach in den Teams angesprochen und viele Indizien darauf hindeuteten, von den Behörden nicht verfolgt wurde. Grund dafür – so Gunnar Breske – seien womöglich eher unbewusste als bewusste Vorurteile. Vor allem aber hätten die chaotischen, föderalen Strukturen dem NSU geholfen, so lange unerkannt zu bleiben.

Es gab in diesen Jahren einfach zu wenig Informationsaustausch von Polizei und Verfassungsschutzämtern zwischen den Bundesländern. Hätte das besser funktioniert, wäre man dem Trio womöglich viel früher auf die Spur gekommen.   

Gunnar Breske, damals Gerichtsreporter

Gelungende Darstellung prägender Zeitgeschichte

Was an dem Dokumentar-Hörspiel "Saal 101" überzeugt, ist vorallem die künstlerische Umsetzung. "Es gab von Anfang an die Idee, das Material für eine Dokumentation zu nutzen", erklärt Breske, "aber es handelt sich natürlich um eine Unmenge an Aufzeichnungen, die wir damals zu Papier gebracht haben."

Bibiana Beglau als Sprecherin in "Saal 101" - dem Dokumentationshörspiel zum NSU-Prozess
Bibiana Beglau ist eine von zwölf Sprecherinnen und Sprechern im Hörspiel, die ARD-Mitschriften aus dem Prozess lesen. Bildrechte: SWR/BR/Gila Sonderwald

In jahrelanger Arbeit haben die Redakteurinnen und Redakteure vom Bayerischen Rundfunk unter der Leitung von Chefdramaturgin Katarina Agathos die 6.000 Seiten-Textmasse durchforstet und thematisch geordnet. Herausgekommen sind 24 Kapitel à 30 Minuten, eingeleitet vom Musiker und Moderator David Mayonga, interpretiert von Top-Schauspielerinnen und -Schauspielern wie Bibiana Beglau, Martina Gedeck und Thomas Thieme. Regie führte der sehr erfahrene und renommierte Radiomann Ulrich Lampen. Ein absolut professionelles Team, dem es darum ging, dieses Stück Zeitgeschichte nachvollziehbar und spannend zu erzählen.

Thomas Thieme 8 min
Thomas Thieme Bildrechte: MDR

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