Corona-Hilfen für Kulturschaffende Dresdner Schauspielerin macht ein Plüschtier zum YouTube-Star

Das "Denkzeit"-Stipendium der Kulturstiftung Sachsen hilft Kulturschaffenden, trotz Lockdown kreativ zu bleiben. Die Schauspielerin Oda Pretzschner etwa produziert jetzt YouTube-Videos. Der eigentliche Star darin ist Brigitte, ein altes Kuscheltier ihres Sohnes, das keine Aufgabe mehr hat – fast so wie sie derzeit als Schauspielerin.

Andrea Cleven (Maria Schaerer, Hanna) und Oda Pretzschner (Mechthild von Arnstein) in >>, Die Wanderhure <<
Oda Jekaterina Pretzschner in einer Inszenierung bei den Bad Hersfelder Festspielen 2014 Bildrechte: imago/Eibner

Den Mut, eigene kurze Videofilme zu drehen, hätte Schauspielerin Oda Jekaterina Pretzschner ohne Corona wohl nie aufgebracht. "Ich hatte immer gesagt, ich habe die Zeit nicht", erzählt sie. Doch dann kamen die Pandemie, der Leerlauf, das Denkzeit-Stipendium der Kulturstiftung Sachsen – und das ausgediente Kuscheltier ihres 16-jährigen Sohnes: "Das ist ein Schaf, und es heißt Brigitte. Und dieses Schaf hat eine sehr ausgeprägte Persönlichkeit, weil ich als gute, rechtschaffene Mutter diesem Schaf Leben eingehaucht habe und meinen Sohn durch alle Entwicklungsphasen mit diesem Schaf begleitet habe."

Also hat Pretzschner Dekorationen gebaut und losgelegt, zu Hause mit einfacher Technik und der schlechten Kamera des Laptops. Sie hat Baumarkt-Scheinwerfer bestellt, immer wieder, bis es endlich die passenden waren. "Es gab viele technische Schwierigkeiten", erzählt sie, "aber irgendwie denke ich auch, man muss anfangen. Und wenn ich jetzt meinen ganzen Perfektionismus auf die Technik packe, dann fange ich nie an. Ich fange an und werde immer besser werden. Das verspreche ich."

Das Schaf als Gleichnis fürs eigene Leben

Durchhalten und weitermachen. Das ist nicht gerade leicht, wenn das Berufsleben als solo-selbstständige Schauspielerin gerade besonders aufregend erscheint mit Sprecher-Jobs, Programmplanung für den MDR Kinderchor, Wandelkonzerten, eigenen Theaterprojekten und dann im November sieben Aufführungen platzen von einer Produktion, die gerade erst Premiere hatte.

Die Sache mit dem Schaf sei dann wie ein Gleichnis gewesen: "Dieses Schaf ist so abgekuschelt, das liegt im Bett und hat keine Aufgabe mehr, aber hat ein großes Sendungsbedürfnis und wollte immer schon ins Fernsehen", meint Pretzschner. "Und dann dachte ich: Das ist doch jetzt die Lösung. Mit mir spielt auch keiner mehr. Ich fühle mich auch irgendwie abgespielt." Das Schaf Brigitte bekommt also durch die Pandemie eine neue Aufgabe, erzählt Pretzschner: "Ein YouTube-Kanal, der heißt 'Schaf sehen'." Noch im Februar soll dort der erste Film erscheinen.

Ein Förderprogramm macht Kreativität möglich

Das Förderprogramm der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, "Denkzeit statt Stillstand", kam für Pretzschner gerade zur richtigen Zeit. Im April ging es an den Start, berichtet Sophia Littkopf, Referentin der Stiftung: "Und wir wurden tatsächlich überrollt. Wir haben jeden Tag 100 Anrufe erhalten und Hunderte Mails und wussten natürlich auch: Alle sind in einer sehr schwierigen Situation. Die Unsicherheit ist enorm, und wir müssen schnell handeln."

Im Juli 2020 gab es deshalb eine Neuauflage, und somit konnten in zwei Runden insgesamt sieben Millionen Euro für knapp 3.000 Antragsteller bewilligt werden. Dabei sei die Idee gewesen, dass die Antragstellenden neue digitale Formate entwickeln sollten, so Littkopf weiter: "Und da ist Erstaunliches zusammengekommen." Aus den Einreichungen habe der Wille gesprochen, sich der schwierigen Situation zu stellen.

Das Denkzeit-Stipendium hat Pretzschner zwei Monate Arbeit für 2.000 Euro ermöglicht. Davon kann man in einem Pandemie-Jahr natürlich nicht überleben. Doch die Schauspielerin schöpft Hoffnung und zeigt Kampfeswillen. Denn abfinden kann sie sich mit der derzeitigen Situation nur noch sehr schwer. Etwa die Einteilung in systemrelevante und systemirrelevante Berufe – anfangs habe sie das sehr gut verstanden: "Wenn es um Leben und Tod geht, frage ich nicht danach, ob ich jetzt auf die Bühne darf, keine Frage. Aber auf die Dauer hat das ein großes Kränkungspotenzial."

Welchen Stellenwert hat Kultur im Land?

Die Dresdner Schauspielerin wünscht sich, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen auch, einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, welchen Stellenwert Kultur überhaupt haben soll im Land der Dichter und Denker: "Gerade in der heutigen Zeit, wo sich diese Fronten so verhärten, wo die Menschen nicht mehr sich öffnen für den anderen. Für mich ist das ein ganz großer Motor in meinem Job, diese Berührbarkeit – Menschen berührbar zu machen."

Oda Jekaterina Pretzschner stand seit Oktober auf keiner Bühne. Jetzt aber probt sie mit der Regisseurin, Autorin und Theaterfrau Esther Undisz in der Dresdner Villa Wigmann für ein neues Theaterstück, das Anfang März Premiere haben soll. Zwischendurch wird an den Schafsfilmen gefeilt.

Pretzschner wird in diesem Jahr 50 Jahre alt und versucht sich gerade in Neubeginn und im Ablegen unliebsamer Dinge. Mit Brigittes Schafsblick erspielt sie sich neue Perspektiven als Schauspielerin: "Es ist ein Projekt, was ich auf Lebenszeit denke im Moment. Ich habe große Lust, Kinder und Erwachsene zu erfreuen, mit Brigitte."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2021 | 12:10 Uhr

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