In Leipzig, Dresden und Chemnitz Jubiläum: Sächsisches Theaterfestival überrascht zum 30. Mal

Seit 30 Jahren belebt ein Festival die Theaterlandschaft in Sachsen. 1991 gründete Knut Geißler "Manöver". Bald entwickelte er eine andere Ausrichtung: Unter dem Namen "Off Europa" stellte er die Szene einzelner Länder vor – ohne dabei in Bekanntes zu verfallen. Für die Jubiläumsausgabe vom 18. bis 24. Oktober wurde das Konzept aufgeweicht: In Chemnitz, Dresden und Leipzig werden Arbeiten gezeigt, die schon lange auf dem Wunschzettel standen.

Tänzer 8 min
Bildrechte: Vojtěch Brtnický

Vom 18. bis 24. Oktober zeigt das sächsische Off-Europa-Festival Theater, Tanz und Performance auf mehreren Bühnen in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Zum inzwischen 30. Mal findet in diesem Jahr somit statt, was vor gut drei Dekaden als "Manöver 1992" begann und sich in der Folgezeit unter dem Label "Off Europa" zu einem echten Entdeckerfestival für außergewöhnliche europäische Bühnenkunst entwickeln sollte. Warum das so ist, zeigt jetzt auch der Jubiläumsdurchlauf "Off Europa: Manöver Meisterstücke".

"Off Europa" ist ein Festival der Grenzgänge. Und das in doppelter Hinsicht: Geografisch, weil es bevorzugt abseits der etablierten europäischen Ballungszentren nach seiner Kunst sucht. Und inhaltlich-ästhetisch, weil es folgerichtig weniger an entsprechend etablierten "großen" Namen interessiert ist, sondern den Fokus auf Arbeiten abseits des Gewohnten, mithin abseits bloßer Zeitgeistmoden richtet.

Vier Tänzer sitzen in Formation im Spagat unter einem roten Baldachin.
"Head First" von Réka Szabó zeigt die Geburt als Tanz-Performance. Bildrechte: Csaba Mészáros

Theater abseits des Bekannten

Anders formuliert: Das Renommee dieses Festivals verdankt sich maßgeblich seinem gezielten Verzicht auf allzu Renommiertes. Wobei an dieser Stelle wohl hinzugefügt werden muss, dass sich dieser Umstand weniger der vergleichsweise geringen Budgetierung schuldet, mit der "Off Europa" seine Existenz bestreitet, als vielmehr einer gezielten Programmatik, die seit jeher zum grundlegenden Selbstverständnis des Festivals, seinem Charakter, gehört. Zum Ur-Impuls, dem es entsprang und den Initiator, Organisator und Kurator Knut Geißler an zwei Fragen festmacht.

Was birgt Theater alles an Formen, Möglichkeiten und Qualitäten, die man hier vor Ort so nicht gewöhnt ist? Und wo kann man sie finden?

Knut Geißler, Initiator, Organisator und Kurator
Tänzer 8 min
Bildrechte: Ionut Rusu

Das ganze Theater Europas

Es sollte nicht lange dauern, bis der Suchradius nach Produktionen, die im Stande waren, eine künstlerisch befriedigende Antwort auf diese Fragen zu geben, sich über die deutschen Grenzen hinaus ausdehnte. Und das schon 1995 mit einem Festivaldurchlauf, der sich ausschließlich "Theater und Tanz aus Ljubljana" widmete und in der Rückschau für Geißler eine Initialzündung darstellt.

In Slowenien sind meine Maßstäbe endgültig in Bewegung geraten. Das war schon eindringlich, dieses hohe Maß an Emanzipation. Inhaltlich wie formal.

Knut Geißler

Fortan richtete Geißler das Festival zunehmend nach Länderschwerpunkten aus. Bescherte dem Publikum etwa eine "Mazedonische Invasion" (1997) oder "Baltic Games" (2001), die "Türkei urban" (2012) oder "Mapping Israel" (2019) – und in jedem Festivaljahrgang Inszenierungen zwischen Theater, Tanz und Performance, die nicht selten mit einer wunderbar gegen den Strich eingefahrener Wahrnehmungsgewohnheiten gebürsteten Eigenwilligkeit überraschten. Und es darin gleichwohl vermochten, einer weiteren Intention dieses Festivals zu genügen: Jeweils nämlich auch etwas über die gesellschaftlich-politischen Gemengelagen in den jeweiligen Ländern, denen es sich widmete, zu erzählen.

Ein Tänzer mit einer Blume im Mund steht auf einem Bein, beugt sich nach vorne und streckt das andere Bein nach oben.
Mit "The Third Dance" ist wieder eine Produktion aus Israel dabei. Bildrechte: Efrat Mazor

Formen, Möglichkeiten, Qualitäten

Es hat auch deshalb etwas Folgerichtiges, dass die Veranstaltungsreihe 2006 von "Manöver" in das heute bekannte "Off Europa" umbenannt wurde. Denn es ist ein Festival, dessen sehr spezifischer Blick gezielt von außerhalb des Gewohnten – eben aus dem "Off" – kommt. Und der genau darin dann aber oft frappierend scharf die Konfliktlinien zwischen europäischer Hegemonie, nationaler Spezifik und individueller Selbstbestimmung trifft. "Off Europa" ist ein europäisches Festival, gerade weil es europäische Ambivalenzen nie ausklammert.

Eine Frau steht vor Leinwänden mit historischen Fotografien.
Soňa Ferienčíková stellt sich in der Performance-Installation "Everywhen" der Vergangenheit. Bildrechte: Donatas Bielkauskas

30 Jahre "Off Europa": Ein Herzenswunsch

Das gilt auch für das Programm dieses Jahrgangs, mit dem sich Knut Geißler zugleich einen Herzenswunsch erfüllt hat: "Künstler und Arbeiten einladen, die ich früher schon gern einladen wollte, aber aus verschiedenen Gründen nicht einladen konnte." Kein Länderschwerpunkt also zum 30. Jubiläum. Dafür ein Mix der unter anderem mit Tanz aus Israel, bildstarkem Theater aus Tschechien oder einer "Walrus Vampire Show" aus Finnland aufwartet. Was birgt Theater doch nicht alles an Formen, Möglichkeiten und Qualitäten!

Theater-Performances aus Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Oktober 2021 | 07:45 Uhr