Offener Brief Leipzigs HMT-Rektor Fauth: "Kultur ist Haltung und Lebensaufgabe"

Der Rektor der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, Gerald Fauth, hat sich vergangene Woche in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. Darin bittet er um die Öffnung von Theatern und Konzerthäusern nach dem "Lockdown light". Im Gespräch mit MDR KULTUR hat er nun erklärt, was hinter seiner bildhaften Sprache steckt. Dabei geht es ihm vor allem um Werte.

Ein Mann im schwarzem Sakko sitzt an einem Flügel und schaut in die Kamera
Der Rektor der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, Gerald Fauth, hat sich in einem offene Brief an Kanzlerin Merkel gewandt. Bildrechte: Gerald Fauth

Für den Rektor der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Leipzig, Gerald Fauth, steckt die moderne Zivilisation in einer ihrer existenziellsten Krisen. Dass Kunst und Kultur nun durch Corona-bedingte Schließungen nicht mehr ihren Zweck ausüben können, nämlich "Kitt der menschlichen Zivilisation zu sein", wie er sagt, gefährdet seiner Ansicht nach den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deswegen hat er sich in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt, in dem er die Wiedereröffnung von Kultureinrichtungen im Dezember fordert. Kultur sei Haltung und Lebensaufgabe, schreibt Fauth. Ein Kunsterlebnis könne das Höchste und Edelste in uns hervorrufen.

Fauth erklärt bei MDR KULTUR, er habe bei einem Konzert von Grigori Sokolow im Gewandhaus Leipzig einen dieser edlen Momente erlebt. "Am Ende eines langsamen Satzes einer Beethoven-Sonate, wenn alles zerfällt, was vorher vielleicht noch aufgebaut wurde, und wenn sich das so auflöst, hat der eine Spannung mit wenigen Tönen erzeugt. Eine Spannung, die nicht jeder begründen kann. Manche spüren vielleicht bloß was Besonderes, aber sie sind still", so Fauth. Solche Momente fehlten in Zeiten von geschlossenen Theatern und Konzerthäusern.

"Werte drohen wegzubrechen"

Gerald Fauth geht es also um Werte, die wegzubrechen drohten, je länger Konzert- und Theaterhäuser geschlossen blieben. Hinzu komme, dass Theater in einem Atemzug mit Bars, Massagesalons und Bordellen genannt worden sind. "Wo sind wir hingekommen?", fragt Gerald Fauth da. "Was sind unsere wahren, höchsten Werte?"

Es ist diese bildreiche Sprache im Sinne von Kunst und Hochkultur, die Gerald Fauths Brief herausstechen lässt. Mit der Beschreibung von Werten wie Demut und Edelmut, für die er als Künstler und Rektor einer Musikhochschule steht, wolle er einen Appell loswerden und warnt gleichzeitig vor dem, was er im Gegensatz zu diesen Werten als "seelische Verödung" beschreibt. Die ließe sich bereits als "emotionale Wüstenlandschaft am Horizont" erkennen.

Appell zur Öffnung der Theater und Konzerthäuser

"Es ist egal, ob das Trump ist oder ob das Politiker von Parteien sind, die sich sehr freuen, wenn es undemokratisch zugeht. Das ist jetzt gar nicht nur auf Deutschland gemünzt, sondern auch im europäischen Rahmen, wo auch immer es das gibt", sagt Gerald Fauth und ergänzt: "Es ist einfach ein Hang zur Verrohung der Sprache durch Vereinfachung."

Dieser Vereinfachung könne das gemeinsame Erleben von Kunst und Kultur entgegen wirken. Daher bittet er am Ende seines Briefs um die Öffnung von Theatern und Konzerthäusern nach dem "Lockdown light".  

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2020 | 07:10 Uhr