Tobias Wolff Künftiger Intendant der Oper Leipzig setzt auf Nachhaltigkeit

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Tobias Wolff, der designierte Intendant der Oper Leipzig, will ab August 2022 die Oper ein bisschen neu erfinden. Das betrifft zunächst nicht den Spielplan, der wird erst im nächsten Jahr bekannt gegeben. Es betrifft mehr den Opernbetrieb an sich. Die Oper soll nachhaltig werden. Und diese Aufgabe ist sehr komplex. Was er sich vorstellt, hat Wolff im Gespräch mit MDR KULTUR skizziert.

Porträt von Mann mit schwarzen Haaren, drahtiger, runder Brille und Anzug mit Krawatte vor unscharfem, natürlichen, dunkelgrünenHintergrund
Tobias Wolff, designierter Opernintendant in Leipzig Bildrechte: dpa

Okay, Bienenstöcke stehen seit exakt fünf Jahren, seit Juni 2016, auf dem Dach der Oper in Leipzig. Insofern ist Nachhaltigkeit als großes Thema nicht ganz neu. Aber Tobias Wolff will es künftig größer denken, jenseits von Mülltrennung, Solarpaneelen und Bienen auf dem Dach. Für den designierten Opernintendanten ist Nachhaltigkeit zunächst auch ein Zeichen.

Ein Bienenvolk wird am 06.06.2016 auf dem Dach der Oper in Leipzig (Sachsen) von Imkerin Ulrike Richter angesiedelt.
Auf dem Dach der Leipziger Oper haben Bienen ein Zuhause Bildrechte: dpa

Die Oper mit 680 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei einer der größten Betriebe der Stadt, sagt Wolff, und habe ob ihrer Größe auch eine große Hebelwirkung für einen Wandel Richtung Klimaschutz bzw. Klimaneutralität. Wenn man das Thema weiter verfolge, komme man zu ganz essenziellen Fragen: "Da komme ich auf die Frage der Kunstfreiheit. Wo beginne ich, Kunst einzuschränken, wo gewähre ich Kunstfreiheit? Und die Diskussion haben wir jetzt schon."

Zum Beispiel Bühnenbilder

Wolff denkt dabei auch an Bühnenbilder. Normalerweise werden die für die Inszenierungen neu gebaut, ein paar Jahre benutzt, immer wieder aus dem Lager zur Bühne transportiert – und dann irgendwann aus dem Weg geräumt, irgendwann sogar weggeworfen, entsorgt, um für neue Bühnenbilder Platz zu schaffen.

Das war die bisherige Praxis, aber Wolff will das Thema Fundus unter dem Nachhaltigkeitsaspekt noch mal ganz anders anschauen: "Der Fundus war die letzten 20, 30 Jahren ein bisschen verpönt und wurde immer mit einem leichten Naserümpfen quittiert".

Bei jungen Regieteams stellt Wolff fest, "dass die mit dem Fundus wieder sehr lustvoll arbeiten und sagen: Gerade aus diesem Nachhaltigkeitsaspekt heraus wäre es doch geradezu irrsinnig dieses Potenzial nicht zu nutzen."

Oper Leipzig
Die Oper Leipzig am Augustusplatz, im Zentrum der Stadt, wurde 1960 eingeweiht. Bildrechte: imago/Westend61

Den Fundus kreativ nutzen

Kostümfundus der Oper Leipzig
Die Oper Leipzig hat einen umfangreichen Kostümfundus Bildrechte: Niklas Tolkamp, MDR

Für Wolff geht es um die Frage, das Thema Nachhaltigkeit so einzubringen, dass es einerseits sinnvolle Grenzen setzt, andererseits aber auch die Möglichkeit lässt, damit zu arbeiten. Idealerweise würden dann kreative Energien freisetzt.

Man darf also ab Herbst 2022 hier und da auf eine neue Bühnen-Ästhetik gespannt sein, die den alten Fundus zu neuem Material erklärt und collageartig Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme erlaubt. Sinnvolles Recycling also. Oder alternativ auch ein vollständig biologisch abbaubares Bühnenbild, wie es der "Ring der Nibelungen" im Opernhaus Göteborg jüngst war.

Auch CO2-Bilanz des Publikums ist problematisch

Nachhaltigkeit spielt aber auch außerhalb von Opernhaus und Bühnenkunst eine Rolle – Stichwort Publikum. Wolff nennt als Beispiel das Konzerthaus in Freiburg im Breisgau, das eine CO2-Erhebung durchgeführt habe. "Und die Kollegen hatten zu Beginn so ein schlechtes Gewissen, weil sie dachten: Oh je! Der Flug nach New York und der Carbon Footprint – bis sie nach der Erhebung festgestellt haben, dass der größte CO2-Treiber das Publikum ist, das aus dem Schwarzwald ins Konzerthaus fährt."

Was wiederum ein völlig neues Licht auf die Tiefgarage unter dem Augustusplatz wirft, die für Konzertbesucher im Gewandhaus und Opernbesucher quasi wie geschaffen ist, um sich bequem und regensicher dem Kulturgenuss hingeben zu können.

Mit dem Fahrrad in die Oper

Müsste man also die Tiefgarage umbauen und dort künftig eine Etage für Räder und E-Bikes reservieren, wie es die Universität unter der neuerbauten Pauliner-Uni-Kirchen-Aula als Nachbar bereits praktiziert? "Weil ich selber Fahrradfahrer bin", hat Wolff das Thema Fahrrad, Fahrradgaragen, Fahrradstellplätze als Thema bereits angesprochen. "Und ich überlegte: Stell ich mein Fahrrad jetzt auf den Intendantenparkplatz? Und macht man da noch ein schönes Dach drüber?" Wolff merkt an, dass es noch ein langer Weg sei, weil Bauverordnungen und Denkmalschutz zu beachten seien: "Aber ja: Es ist exakt so eine Diskussion, die wir gerade führen."

Nachhaltigkeit ist also ein großes Thema, wenn Wolff als Opernintendant kommt. Und es ist ziemlich umfassend und komplex gedacht.

Stichwort: Nachhaltigkeit

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juni 2021 | 08:40 Uhr

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