Dreiteilige Serie Corona und die Amateurtheater: Hoffen auf den familiären Zusammenhalt

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die Kulturszene steckt in der Corona-Pandemie mitten in einem neuerlichen Lockdown. Das betrifft zuallererst freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die mit Auftritten ihren Lebensunterhalt finanzieren. Es betrifft aber auch jene, die ebenfalls maßgeblich zur kulturellen Vielfalt beitragen: Amateurtheater. In einer dreiteiligen Serie blickt MDR KULTUR auf deren künstlerische Weiterentwicklung in Pandemie-Zeiten und den Kampf, trotz Spielverbots sichtbar zu bleiben. Im ersten Teil erzählt die Chefin des Landeszentrums freies Theater, weshalb sie den Amateurbühnen höchsten Respekt zollt.

Auf einem weißen Blatt Papier steht handschriftlich -Theatervielfalt stärken-.
Die Pandemie bremst die Kulturlandschaft gnadenlos aus. Das betrifft auch die rund 150 Amateurtheater in Sachsen-Anhalt. Sie kämpfen darum, sichtbar zu bleiben. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer, Florian Leue

Es gibt im Journalismus Gespräche, deren Halbwertszeit auf ein Minimum begrenzt ist. "Nichts ist älter als die Zeitung von gestern", heißt es nicht ohne Grund. Nun ist dies hier keine Zeitung und an Aktualität verloren hat das Gespräch schon gar nicht: Vielmehr ist es trotz aller Weiterentwicklungen seither aktueller denn je, geht es doch um die Zukunft der Kulturszene in Pandemie-Zeiten.

Blick auf das Forum Gestaltung in Magdeburg
Das Landeszentrum freies Theater ist im Forum Gestaltung in Magdeburg untergebracht. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Als Maria Gebhardt an einem sonnig-herbstlichen Mittag Mitte Oktober in ihrem Büro im Forum Gestaltung in Magdeburg empfängt – einem kolossalen Bau, gelegen zwischen all den Großbaustellen im Zentrum von Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt – ist das, was jetzt, am Tage der Veröffentlichung dieses Textes gilt, ferne Zukunft. Maria Gebhardt sagt Sätze wie: "Für die Amateurtheater war schon das Frühjahr eine sehr große emotionale Herausforderung. Die meisten haben diese Herausforderung aber souverän gelöst, auch im Kontakt mit ihrem Publikum."

Der Kultur wird der Saft abgedreht – zum zweiten Mal

Eine Woche später werden die Kanzlerin und die Regierungschefs der Bundesländer verkünden: Der Kultur wird im November der Saft abgedreht. Ohne Kompromisse. Es ist, wie schon im Frühjahr, Teil des Versuchs, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Maria Gebhardt muss als Geschäftsführerin des Landeszentrums freies Theater in Sachsen-Anhalt nun wieder viel telefonieren, viel lesen, viel schreiben. Ohne ein gewisses Organisationstalent ist ihr Job kaum zu machen. Als MDR KULTUR Maria Gebhardt am Tag nach der Hiobsbotschaft am Telefon erreicht, wirkt sie niedergeschlagen und enttäuscht. Sie, für gewöhnlich eine quirlige und gut gelaunt auftretende junge Frau, spricht von einer "Schockstarre".

Wir haben sehr viel mitgelitten.

Maria Gebhardt Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt

Gebhardt scannt an diesem Tag all die Verlautbarungen aus Berlin. Sie hört Regierungserklärungen, liest Verordnungen, studiert Hilfsprogramme, arbeitet gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden aus Sachsen-Anhalt an einem offenen Brief an die Landesregierung. Darin wird die Szene wenig später konkrete Hilfen verlangen – solche, mit denen die Kulturschaffenden auch wirklich etwas anfangen können. Die freie Szene – die, die mit Auftritten ihren Broterwerb finanziert – braucht nun eine starke Interessensvertretung. Und doch soll es in diesem Text nun um die Amateurtheater gehen – und die Frage, wie sie – die ehrenamtlichen Theatermacherinnen und Theatermacher – dieses wirre Jahr 2020 bislang erlebt haben.

Eine Frau sitzt an einem Tisch und lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Maria Gebhardt, die Interessenvertreterin der Amateurtheater, gießt sich einen Kaffee ein – "ganz schön stark" – und wird während des gesamten Gespräches keinen Schluck aus der Tasse trinken. Stattdessen berichtet sie davon, wie unterschiedlich Amateurtheater in den vergangenen Monaten mit der Pandemie und ihren Folgen für die Branche umgegangen sind.

Gebhardt erzählt von Amateurtheatern, die zu Beginn der Pandemie im Frühjahr alle Vorstellungen abgesagt und aufs kommende Jahr verschoben haben – das "Bühnchen" aus dem Jerichower Land zum Beispiel. Sie berichtet von jenen, die sich mit rechtlichen Bedenken und Fragen zu Hygienekonzepten an das Landeszentrum gewandt haben. Und sie erzählt von jenen Theatergruppen, die sich neue Formate gesucht und neue Spielorte gefunden haben. Draußen unter freiem Himmel zum Beispiel, oder per Livestream im Internet. Es sind jene Gruppen, denen Maria Gebhardt eine künstlerische Weiterentwicklung attestiert, bedingt durch die Pandemie. "Diesen Amateurtheatergruppen zolle ich meinen höchsten Respekt." Dieses Lob geht an Amateurtheater wie die Theaterkiste in Magdeburg.

Das Amateurtheater und sein Dienst für die Gesellschaft

Diese Pandemie verlangt der ganzen Gesellschaft unheimlich viel ab. Sie fordert neue Wege, ein neues Denken, bremst Altbekanntes gnadenlos aus, weist Gewohnheiten in ihre Schranken. Als im Frühjahr Schulen, Kitas, Restaurants, Geschäfte und Kulturstätten dicht waren, kam schnell die Frage nach der Systemrelevanz auf. Braucht es Kultur? Zumal in einer Zeit, in der die Gesundheit von Millionen Menschen im Mittelpunkt steht?

Maria Gebhardt kann wenig mit dieser Frage anfangen. "Ich kenne niemanden", sagt sie, "der mit Beginn des Lockdowns im Frühjahr, nachdem das Tagesgeschäft irgendwie beendet war, nicht zu irgendeinem Kulturgut gegriffen hätte. Und wenn das Netflix war." Die Frage nach der Systemrelevanz von Kultur sei absurd, sagt Maria Gebhardt. Und sie sei es auch, wenn es um Amateurtheater geht – und das auf zwei Ebenen. Ebene eins: für die Menschen, die Amateurtheater machen. "Weil das im besten Sinne ein wahnsinnig intensives raumgreifendes Hobby ist, das für die Menschen, die das mitunter seit Jahren betreiben, eine wahnsinnig große Relevanz hat." Ebene zwei: für die Menschen, die das Spiel von Amateurtheatern konsumieren. "Amateurtheater schaffen Orte, an denen eine Bevölkerung, egal, ob sie von einem Dorf kommt oder in einer Stadt lebt, zusammenkommt und sich austauscht."

Und genau das ist einer der Gründe für diesen Text und diese Reihe: Amateurtheater können einer Gesellschaft viel geben – wenn sie denn, anders als in diesen Wochen, dürfen.

Auf einem Buch steht -Muss Theater sein-?
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Auf einem Buch steht -Muss Theater sein-?
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Landeszentrum freies Theater zählt 136 Amateurtheater-Ensembles. Einige von ihnen haben das Spieljahr schon vor Monaten abgeschenkt. Zu unklar die Bedingungen, zu dynamisch die Lage. Was vor zwei Wochen gegolten hat, kann vom einen auf den anderen Tag überholt sein. In Sachsen-Anhalt hatten viele Theater für die kommenden Wochen bis Weihnachten für ihre Vorstellungen im Advent geprobt. Mit Abstand, mit Hygienekonzept. Was dann, im Dezember sein wird, kann allerdings niemand von ihnen sagen. "Doch Jammern hilft nun mal nicht", sagt etwa Sabine Noß, Vorsitzende der Theatergruppe "Die Huskies" aus Dessau.

136 Amateurtheater-Ensembles in Sachsen-Anhalt

Brief, auf dem "Lanze" steht - Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt
Das Landeszentrum freies Theater vereint Amateure wie Profis unter einem Dach. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Im Landeszentrum Freies Theater Sachsen-Anhalt sind 136 Amateurtheater-Ensembles vereint, jeweils 25 bis 40 Mitglieder stark. Darüber hinaus gehören bis zu 80 freischaffende Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen zum Verband. Ebenfalls Teil des Verbandes sind etwa 80 freie und professionelle Theaterschaffende – solche also, die selbstständig arbeiten und nicht an städtischen Bühnen oder Häusern des Landes angestellt sind.

Das Landeszentrum Freies Theater ist der bundesweit einzige Interessenverband dieser Art, der alle vier Bereiche des nicht-institutionalisierten Theaters vereint.

Wie Sabine Noß weiß auch Maria Gebhardt, dass es keine krisensichere Strategie geben kann für die kommenden Wochen und Monate. Weder für Profitheater, noch für Amateure. Niemand kann vorhersehen, was passieren wird. Ob Kulturschaffende im Dezember wieder auf den Bühnen dieses Landes stehen dürfen? Es sind die Infektionszahlen der kommenden Wochen, die Antworten darauf geben dürften. Bis dahin bleibt nicht viel anderes, als zu hoffen. Geprobt werden darf schließlich auch nicht.

Es gibt nach meiner Kenntnis kein Theater – ob Amateur oder Profi – das in diesem Winter wirtschaftlich erfolgreich spielen kann.

Maria Gebhardt Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt

Als Maria Gebhardt an jenem Mittag Mitte Oktober zum Gespräch in ihrem Büro empfängt, ist all das noch weit weg. Viele Menschen haben sich zu diesem Zeitpunkt an das Leben in einer Pandemie gewöhnt. Zumal in einem Bundesland wie Sachsen-Anhalt, das von Beginn an vergleichsweise niedrige Infektionszahlen verbucht und entsprechend lockere Regeln hat(te). Dass es wieder zum Lockdown für die Kultur kommen kann, ist da noch nicht offiziell – und doch eine Möglichkeit, die Kulturschaffende mitdenken müssen. Gebhardts Befürchtungen, Zusammenkünfte von mehr als zehn Personen könnten wieder verboten werden, wird erst binnen weniger Tage nach dem Gespräch zur traurigen Realität.

Auf einem roten Büro-Ordner steht -Amateurtheater Sa-Anhalt-.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Auf einem roten Büro-Ordner steht -Amateurtheater Sa-Anhalt-.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

An den Hoffnungen, die Maria Gebhardt für die Amateurtheater hat, hat sich indes auch seit der Ankündigung des neuerlichen kulturellen Lockdowns nichts verändert. "Viele Gruppen haben familienähnliche Strukturen", sagt sie. "Ich glaube nicht, dass diese Strukturen zerbrechen, weil ein Jahr lang keine Veranstaltungen möglich sind." Und doch bleibt da die Sorge nach der Zusammensetzung mancher Gruppe, nach ihrem Alter. Corona hat dafür gesorgt, dass Menschen aufgeteilt werden in "Risikogruppe" oder "keine Risikogruppe".

Was es nun braucht für die gesamte Szene, ist, aller Niedergeschlagenheit zum Trotz, ein produktiver Blick nach vorn, sagt Maria Gebhardt am Tag nach der Hiobsbotschaft. Aggressiv zu werden, das passe nicht zur Kulturbranche, findet sie. "Wir haben das große Bedürfnis, unseren Mitgliedern etwas Unterstützendes und Produktives mit auf den Weg zu geben."

Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. November 2020 | 09:30 Uhr