Freies Theater in Pirna "Bleibt ruhig!": Sächsischer Theatermacher Tom Pauls blickt aufs Corona-Jahr zurück

Es war ein ungewöhnliches Jahr für den sächsischen Entertainer Tom Pauls: Von einem Tag auf den anderen musste er sein Theater, das er 2011 in Pirna gründete, schließen. Auch der Lockdown im Herbst kam überraschend. Obwohl der Schauspieler von der Situation genervt ist, gab es für ihn auch gute Erkenntnisse in diesem Jahr. Seine Botschaft für den Moment und die Zukunft ist: "Bleibt ruhig!"

Schauspieler Tom Pauls, 2011 in seinem Theater am Markt in Pirna.
2011 eröffnete Tom Pauls sein Theater im sächsischen Pirna Bildrechte: dpa

Es herrscht gespenstische Stimmung auf dem Markt von Pirna. Dunst zieht von der Elbe hoch in die Altstadt. Hell erleuchte Häuser, ein Weihnachtsbaum am Rathaus, aber es sind kaum Menschen an diesem frühen Dezemberabend unterwegs. Mein Weg führt mich zu einem Eckhaus ganz hinten am Markt. Tom Pauls Theater steht über dem geschlossenen Theaterlädchen. Ehe ich eine Klingel finden kann, öffnet sich daneben ein altes Holztor unterm prächtigen spätgotischen Sandsteinportal und der Hausherr empfängt mich.

"Tote Hose", beschreibt er die Stimmung in der Stadt. "Ich kann nicht einmal einen Bohnenkaffee anbieten, denn der Tschibo hat zu und der Bäcker seltsamerweise auch – nicht dass die Corona haben", erzählt der Theatermacher gleich los und bietet zum Ausgleich ein Kaltgetränk an. Das alles noch bevor wir reingehen.

"Ein bisschen Leben in der Bude"

Zwei Männer mutterseelenallein in einem prächtig sanierten Baumeisterhaus aus dem 16. Jahrhundert. Im nächsten Jahr feiert der Hausherr, Tom Pauls, das zehnjährige Jubiläum seines Theaters. Es ist eine private Bühne, die gänzlich ohne Subventionen durch die Zeiten kommen muss. Wir steigen ein paar Sandsteinstufen weiter hinauf und befinden uns im historischen Fest- und dem heutigen Theatersaal.

Tom Pauls in seinem Theater in Pirna
Tom Pauls auf der Bühne seines Theaters Bildrechte: MDR/Wolfgang Schilling
Autor Wolfgang Schilling in Tom Pauls' Theater in Pirna.
MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling beim Interview mit Abstand Bildrechte: MDR/Wolfgang Schilling

Tom Pauls macht das Arbeitslicht auf der Bühne an. "Nicht nur die professionellen, also staatlichen Bühnen dürfen probieren. Wir fragen nicht, ob wir probieren dürfen, aber wir probieren", erzählt der Theatermacher. Gerade entsteht ein Marika-Rökk-Abend mit Antje Kahn, die sonst bei der sächsischen Landesbühne singt. "Die haben heute morgen ein bisschen probiert. Da war wenigstens ein bisschen Leben in der Bude", berichtet Tom Paul mit einer gewissen Freude. Das neue Stück soll Ende Februar Premiere haben, allerdings ohne den Hausherrn. "Dieses Mal bin ich Produzent, Maître de Plaisir, der hier versucht, alles zu organisieren."

Das Publikum fehlt

In diesem Jahr wurde das Tom Pauls Theater in Pirna gleich zweimal geschlossen. Zuletzt im kulturellen Herbst-Lockdown und davor schon einmal im März. Ein Nachmittag, an den sich Tom Pauls noch ganz genau erinnert: "Kurz vor der Vorstellung, das muss so 17 Uhr gewesen sein, kriegten wir einen Brief vom Gesundheitsamt durch einen Boten überbracht, dass heute die letzte Vorstellung ist." Anschließend sei Tom Pauls mit einer kleinen Rede vor das Publikum getreten und habe diese Neuigkeit überbracht. "Lockdown habe ich nicht gesagt. Ich wusste gar nicht, was das bedeuten soll", erzählt er. Alle seien ziemlich "geknickt" gewesen – das Publikum, das Ensemble und nicht zuletzt der Maître selbst. "Dass das so nochmal im Oktober passiert, ist ganz hart gewesen, weil es noch unabsehbar war und ist, was jetzt mit uns passiert."

Tom Pauls fehlt das Publikum nicht nur als Spieler, sondern vor allem als privater Theaterunternehmer mit dem Blick in "Kriegskasse", wie er das nennt. Die lehrt sich trotz außerordentlicher Nothilfe-Zuflüsse rapide: "Wir haben 50.000 Euro beim ersten Lockdown bekommen, bei einem Verlust von rund 300.000 Euro", rechnet der Theatermacher vor.

Advent lässt sich nicht nachholen

Kein Wunder, dass sich der Intendant Tom Pauls immer stark machte für eine hygienisch saubere Weiterspielvariante, die er im bürokratischen Hickhack mit dem Gesundheitsamt auch durchbekam. Allerdings konnte er nur ein paar Vorstellungen im Herbst vor gerade mal 90 statt 200 Zuschauern spielen. Doch das sei ihm egal. Der Lappen muss hochgehen, heißt es bei echten Theatermachern, auch wenn keine rechte Stimmung aufkommt: "Die Bude ist halbleer: Da sitzen mal zwei, da sitzen mal vier – Infektionsgruppen wurden gebildet", beschreibt Tom Pauls die Szenerie.

Auch in seinem Theater galten ähnliche Regeln, wie in allen Häusern in Deutschland: Mit Maske zum Sitzplatz, kaum Gastronomie, keine Pause. Damit geht für den Theatermacher etwas Elementares verloren: "Knatsch und Tratsch gehört zum Theater dazu. Wie jeder weiß, ist die Stimmung nach der Pause immer besser, weil sich das Publikum schon einen Kleinen eingefädelt hat. Denn der Deutsche und auch der Sachse ist durchaus gesellig, aber er braucht auch eine gewisse Betriebstemperatur", so Tom Pauls.

Doch ohne Pause auch kein Weinchen, keine Eierschecke, kein Würstchen am Büfett. Das sind weitere wegbrechende Einnahmen, die sonst zur Querfinanzierung der Kunst beitragen. Doch auch mit dieser Variante war Ende Oktober Schluss. Das lukrative Weihnachtsgeschäft fiel aus. Nicht nur vor Ort in Pirna, sondern auch sämtliche Gastspiele, die Tom Pauls im Kalender stehen hatte. "Vor allem schmerzhaft war der Nikolaus-Tag, weil ich seit über 20 Jahren das Gewandhaus an einem Adventssonntag zweimal fülle immer 16 und 20 Uhr." Auch in diesem Jahr seien die Vorstellungen ausverkauft gewesen und mussten dann abgesagt werden. Das lasse sich nicht nachholen, meint Tom Pauls: "Die Stimmung im Advent ist eine andere. Das hat was mit den Temperaturen zu tun, das hat was mit dem Jahresende zu tun, das hat was mit Tradition zu tun und das hat auch etwas mit Ruhe zu. Denn die Natur ruht und wir sollten auch innerlich ruhen."

Versöhnlicher Blick in die Zukunft

Schauspieler Tom Pauls
Tom Pauls beim corona-konformen Open-Air Bildrechte: dpa

Apropos Ruhe und Natur, es war ja nicht alles schlecht in diesem Jahr, erinnert sich der Mensch Tom Pauls. Vor allem wenn er an die vom Virus verordnete Einsamkeit auf seinen Landsitz in der sächsischen Schweiz denkt, irgendwo bei Rathen: "Ich saß in meinem Garten und plötzlich war ich alleine. Die Vögel kommen an und sagen zu mir – zumindest habe ich es so gehört: "Was willst du hier? Du störst!" Plötzlich störte ich die Natur. Nach ein paar Tagen war ich Teil der Natur und das hat mich sehr berührt. Das ist eine Erkenntnis aus dieser Corona-Krise: Wir nehmen uns vielleicht doch zu wichtig."

Schauspieler und Kabarettist Tom Pauls alias Ilse Bähnert, 2009
Tom Pauls als Rentnerin Ilse Bähnert Bildrechte: dpa

Der Hausherr knipst das Bühnenlicht aus im Tom Pauls Theater und führt mich durch Ilses verwaiste Kaffeestube zurück zum Ausgang. Und wir erschrecken beide: Da sitzt doch tatsächlich jemand im Halbdunkel bei einem Tässchen Bohnenkaffe und ist ganz aufgeräumter Stimmung. "Guten Abend, Frau Bähnert", kann ich gerade noch sagen und schon hören wir die frohe Botschaft von Tom Pauls Alter Ego: "Es ist zwar einen Katastrophe, aber was haben wir nicht schon alles für Katastrophen überlebt. Ich sage: Aus allem das Beste machen. Da können wir dieses Jahr eben nicht auf den Weihnachtsmarkt und nicht in die Kirche. Da müssen wir uns eine schöne Schallplatte auflegen. Die gebrannten Mandeln kann man auch mal selber machen, die Stolle haben wir früher auch selber gemacht", erklärt die Kunstfigur mit feinem Sächsisch. "Macht aus allem das Beste und deswegen Leute, bleibt ruhig. Bleibt Heeme, Leute, und haltet die Klappe. Das hat die Kanzlerin auch gesagt." Und wer weiß, vielleicht kommt die im nächsten Jahr, um das zehnjährige Jubiläum von Tom Pauls Theater in Pirna zu feiern.

Sachsens Theater im Lockdown

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Dezember 2020 | 10:15 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei