Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Schauspieler Klaus Hoffmann als Edgar Wibeau in der Verfilmung des Stücks von 1976. Bildrechte: IMAGO / United Archives

Uraufführung vor 50 Jahren"Die neuen Leiden des jungen W.": Vom Theaterstück zum populären DDR-Roman

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Stand: 18. Mai 2022, 04:00 Uhr

Am 18. Mai 1972 feiert Ulrich Plenzdorfs DDR-kritisches Stück "Die neuen Leiden des jungen W." Premiere am Landestheater in Halle. Eigentlich soll aus dem Stoff ein Film werden, doch das Drehbuch wird nicht von der DEFA genehmigt. In den nachfolgenden Jahren wird es zum meistgespielten Bühnenwerk in der DDR und der Bundesrepublik. Auf Grundlage des Theaterstücks schreibt Plenzdorf 1973 den gleichnamigen Roman, der zum Bestseller wird und ihn weltberühmt macht.

Herbst 1972. Der Schauspieler Reinhard Straube will sich in Berlin etwas besorgen: Tomatenketchup. Den gibt es schließlich nur in der Hauptstadt. Dann geht er zum Maxim-Gorki-Theater. Hier wird es während der Berliner Festtage ein Gastspiel gegeben: die hallesche Aufführung von Ulrich Plenzdorfs Stück "Die neuen Leiden des jungen W.".

Der Andrang ist gewaltig und die Polizei hat das Theater abgeriegelt. Straube erinnert sich, wie die Polizei zu ihm sagte, er solle zurücktreten, hier sei eine Vorstellung. "Und ich sage: ich bin der Hauptdarsteller. Großes Gelächter bei der Polizei. Ich habe dann wirklich Angst bekommen, weil es schon 19 Uhr war und habe dann gesagt: Bitte gehen sie rein ins Theater, holen sie jemanden, der mich kennt."

Uraufführung am 18. Mai 1972

Straubes Geschichte unterstreicht, was geschehen kann, wenn Produkte wie Ketchup Mangelware sind. Vor allem aber illustriert sie den ungeheuren Erfolg der "neuen Leiden". Erstmals aufgeführt wird das Stück am 18. Mai des gleichen Jahres in Halle.

Auch Schauspieler Manfred Paethe mimte den Edgar – hier bei einer Aufführung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden im November 1973 Bildrechte: dpa

Auszug aus "Die neuen Leiden des jungen W.""Ich war überhaupt daran gewöhnt, nie jemandem Ärger zu machen. Auf die Art muss man sich natürlich jeden Spaß verkneifen, das konnte einen langsam anstinken. Ich weiß nicht, ob mich einer versteht. An einem Tag bin ich mal auf die Idee gekommen, was ist gewesen, wenn ich eines Tages abkratzen müsste. Schwarze Pocken oder so. Ich meine, was ich dann vom Leben gehabt hätte. Den Gedanken wurde ich einfach nicht mehr los."

Edgar Wibeau in "Die neuen Leiden des jungen W."

Edgar Wibeau reicht es. Der Protagonist des Stückes hat genug davon, Mamis folgsamer Sohn zu sein und Top-Noten als Lehrling abzuliefern. Genug davon, sich an den von oben verordneten Konformismus zu halten, dass Papa Staat einen an die Hand nimmt. Edgar haut ab, geht nach Berlin, kommt da in einer Laube unter. Mit den Normen mögen sich die abgeben, die sie brauchen.

Auf Grundlage seines Theaterstücks schrieb Ulrich Plenzdorf den gleichnamigen Roman, der zum Bestseller. Bildrechte: IMAGO / epd

Es ist mit Normen ohnehin problematisch. Die werden von irgendjemanden oder einer Gruppe aufgestellt und können schwerlich dem Leben, wie es nun mal vor sich geht, Stand halten. Vielleicht nicht länger als ein Vierteljahr oder so. Jedenfalls scheint mir das ganz klar zu sein, dass man sie ständig korrigieren müsste.

Ulrich Plenzdorf | Dramturg und Autor

Ähnlichkeit zu Plenzdorfs Paula

Edgar Wibeau ähnelt Plenzdorfs Paula aus der berühmten Filmlegende von 1973. In beiden Fällen geht es um den individuellen Anspruch auf das Leben, das sich mit der in der DDR gepflegten Dauerpredigt vom kollektiven Miteinander, das keine Ausbrüche, keine Ecken und Kanten zulässt, beißt. Und beide bezahlen für ihren Anspruch sehr viel – sie finden den Tod.

Den Tod von Paula wie den von Edgar kann man so und so sehen: als Aufforderung, dass man für sich einstehen muss, egal was es kostet. Oder als Pessimismus: Individualität ist in der DDR auf Dauer nicht tragbar. Der internationale Erfolg von "Die neuen Leiden des jungen W." zeigt allerdings: Das Stück behandelt nicht nur eine DDR-spezifische Problematik.

Zur Popularität trägt zweifelsohne der von Plenzdorf gewählte Theater-Jugendslang bei, der da über die Rampe transportiert wird. Und der Einbau von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers", der hier zum Bezugspunkt wird und offenbart: Die Jahrhunderte vergehen, aber die Schwierigkeiten der Menschen bleiben die gleichen.

Das Stück beginnt mit dem Tod Edgar Wibeaus. Bildrechte: IMAGO / Köhn

DEFA wagt sich nicht an den Stoff

Eine erste Textfassung von "Die neuen Leiden..." entsteht bereits 1968/69. Da noch als Szenarium für die DEFA. Aber dort will man keinen Ärger, wagt sich nicht an den Stoff. Eine dann entstehende Prosafassung landet erst einmal im Schreibtisch, ehe sie, nachdem Honecker am Ruder ist, in der Literaturzeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht wird.

Dass schließlich Edgar Wibeau auf die Bühne geht, ist nichts anderes als ein Kompromiss. Eine Leinwandversion ist nach wie vor zu "heiß".  Das Theater halten die Spitzengenossen für vergleichsweise ungefährlich. Aber siehe da: Selbst vom Theater aus kann ein Stoff viele Menschen erreichen – er muss nur das Richtige zu sagen haben.

Mehr Theater in Halle

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2022 | 06:40 Uhr